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Lyrische Hocherotik – Zählen bis Neunundsechzig

Von versemacher Donnerstag 04.06.2020, 15:55 – geändert Donnerstag 04.06.2020, 19:02

Abb.: Konstantin A. Somov (1869-1939): Aus "Das Lesebuch der Marquise (1907-18 ) /zum Zoomen klicken!/
Zitat: Paulo Coelho (*1947, Rio), Autor u.a. des Buchs "Der Alchimist", das seiner Verkaufszahlen wegen ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen wurde.

Legende:
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Neulich beim Surfen im Web schaute ich wieder einmal bei den französischen Bukinisten vorbei, die man (seit 1951) ja von den Antiquaren unterscheidet, weil sie Kenner alter und seltener Buchausgaben sind und damit die "Lieferanten" für die Bibliophilen. Vier der bekanntesten unter ihnen boten den gleichen Titel an, einen geheimen Druck, den weder Pia noch Dutel – die beiden weltbekannten Katalogautoren des Buchbestandes der "Hölle" in der BnF (Bibliothèque national de France) bislang führten – und der geradezu märchenhaft klingt:
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Anonyme:
Ami-Corps: Poèmes du Chevalier des Couches. 16 poésies libres très stylées.
Dessins de St. Jean du Doigt, 12 Ill. Art-déco.
Tirage à 200 examplaires; 36-(2) pages; sans lieu ni date (vers 1920).
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Um die potentielle Käuferschaft anzulocken, gab der Anbieter von einem dieser "höchst stilisierten Gedichte" den Text großzügig obendrauf – und der stand nun vor meinen Augen:
genau 100 Jahre alt, in "offenherzigem" Französisch, nie in eine andere Sprache übertragen, übersetzt oder nachgedichtet. Ein Leckerbissen ohnegleichen!

Leider gehörte keine der vier beigegebenen Illustrationen zu diesem Gedicht, so dass ich – vom Inhalt eher – mit den Begriffen "sex position 69 in art" googelte – und die russische Suchmaschine yandeks.ru brachte sofort einen "Somov"! Nun nimmt, muss ich hinzufügen, das Interesse für extravagante Praktiken der Liebe stetig zu, wovon u. a. ein unlängst erschienener Titel bei "goliathverlag" kündet ("Sittengeschichte der Fellatio"; s. bei Amazon). Auch und vor allem in slawischen Aufklärungsblogs spielt diese Thematik eine breite Rolle. Um aber hier im FA-Forumsteil maßvoll zu bleiben, wurde ein zum Thema passender illustrativer Teil (einschließlich des kompletten Titelbildes oben) in die Privat-Galerie "Lyrische Hocherotik" des Verfassers ausgelagert, zu der die ständigen Mitglieder der Gruppe "Erotik der 7 Künste" uneingeschränkten Zugang haben.

Anonym (etwa 1920): Zählen bis Neunundsechzig
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Nachdichtung aus dem Französischen

Leiden wirst du, Liebste, sehr für meine Lust,
und auch deine nimmt ein anderes Bewenden:
unter deinem feinen Hemd, sei dir bewusst,
wird mein Kuss bereits auf deinen Hüften enden.

Meine Füße leg ich hinter deinem Kopf,
Antipoden zu den deinen, auf das Kissen.
Halb bedeck ich dich – kein unbeholfner Tropf,
wirst auch gar nichts vom Gewohnten an mir missen.

Eins jedoch ist einem Wunder nachgeahmt:
dein Gesicht liegt gleichsam ohne jede Schwere
zwischen meinen Beinen – eingefasst, gerahmt
von den beiden Klingen einer großen Schere.

Mit der Zunge schmeichle ich voll Zärtlichkeit
dieser zarten Frucht im Schaum der rosa Spalte;
wie bei einem schnellen Schmaus bist du bereit –
gibst galant zurück, dass ja Balance walte.

Diese Freuden gelten uns als weites Feld …
Beide haben wir die Münder so gebettet
in das Moos, in dem der Tau sich lange hält,
bis vom großen Durst wir fühlen uns errettet.

Wenn sich deine Hand umherzuwandern wagt,
könnte sie tatsächlich dann noch unterscheiden
zwischen deinem Lockenhaar, das, wie gesagt,
meinem Schopfe gleicht – und Irrwege vermeiden?

Sorgen macht uns nicht im mindesten die Zeit:
regsam; frisch gefühlt; da dürfte man noch wählen!
Rechnen wir die Jahre hoch mit etwas Schneid,
zeigt sich, dass wir bis zur Neunundsechzig zählen.

© versemacher (für diese Nachdichtung)
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Anmerkung:
Eine Nachdichtung dieser Art ist kaum in der Metrik des Originals zu bewerkstelligen. Während jenes Kurzverse aufweist und wesentlich auf die hohe Reimfähigkeit des französischen Wortgutes setzt, kann den Schlüsselwörtern im deutschen Vers nicht auch noch die Reimfähigkeit abgerungen werden. Ich habe daher bei der Nachdichtung auf Deutsch 6-füßige Trochäen eingesetzt (statt der 4-füßigen Jamben des Originals).

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