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Heidnischer Traum – Erotisches Sonett (a.d.Franz.)

Von versemacher Donnerstag 20.02.2020, 22:44 – geändert Donnerstag 20.02.2020, 22:48

Gerda Wegener (1886-1940) & Louis Perceau (1883-1942)

Innerhalb der moderneren französischen Buchillustration
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nimmt das Werk "Douze Sonnets lascifs pour accompagner la suite d'aquarelles intitulée Les Délassements d'Éros" (Zwölf laszive Sonette als Begleitung zu einer Aquarellfolge, genannt 'Die Zerstreuungen des Eros') eine Sonderstellung ein.

So gut wie immer liegt nämlich ein Buch als Text vor, teils auch schon seit langem, und ein Verleger, seltener ein Autor, sucht sich einen Buchgrafiker, der die wesentlichen Momente der Handlung "ins Bild setzt" – so dass das Buch dann "illustriert" erscheint oder nun "illustriert" erneut verlegt wird. Es kommt auch vor, dass bei hochberühmten Titeln die Künstler Schlange stehen und sich um eine Neuillustration reißen: An Boccaccios 'Decamerone' und Casanovas 'Memoiren' haben sich jeweils weit über hundert Illustratoren 'geschafft'!

Nicht so hier! Die seit 1912 in Paris lebende Dänin Gerda Wegener machte den Versuch, 1917 durch den Verleger Maurice Duflou eine Folge von 12 farbigen Grafikblättern nach dem Schablonendruckverfahren * ) und 'mit eindeutig erotischem Inhalt' zu veröffentlichen, aber der Verleger erzielte nur mäßigen Umsatz mit dieser Bildermappe und legte die Restauflage auf Eis. Sein Freund Louis Perceau, der unter dem Pseudonym Alexandre de Vérineau bekannter war (und u. a. für "die Hölle" /l'Enfer/ innerhalb der Nationalbibliothek Frankreichs /BNF/ tätig war) ließ sich 1925 herbei, 12 Sonette zu den 12 Abbildungen zu schreiben, die erst recht 'eindeutig erotischen Inhalt' besaßen – und offenbar NIE ins Deutsche übertragen wurden. Die kombinierte Text/Bild-Ausgabe im Stil 'Art déco' des oben schon genannten Buches wurde dann auch ein Welterfolg.

Es ist die übliche Ironie der Geschichte, dass die Wegener zum Schluss ihres Lebens in ihre Heimat Dänemark zurückkehrte und dort völlig verarmt und mittellos starb. Jede ihrer beiden Grafik-Ausgaben, ob die NUR mit den Bildern oder die AUCH mit den Sonetten bringt heute auf jeder Auktion an die 5.000 €.

Hier nachfolgend reproduziere ich das Perceau-Sonett № 1 "Songe païen" mit seiner zugehörigen Wegener-Grafik und stelle – wohl erstmals seit fast 100 Jahren – eine Übertragung ins Deutsche vor. Sie hat die 4+4+3+3-zeiligen Strophen eines Sonetts und dessen deutschen Reimaufbau, aber nicht den Rhythmus: statt der 10/11-silbigen jambischen Verse benutzt sie 12/13-silbige Anapäste und ist damit, streng und im Sinne des Lyrik-Didakten Stummer, nur 'ein Auch-Sonett'; aber die Franzosen hatten schon immer eigene Sonettformen – und hier wird ja ein Franzose "nachempfunden".

Gerda Wegener: Illustration von 1917 & zum Sonett "Songe païen" (1925)
aus der 12-teiligen Folge "Die Zerstreuungen des Eros"

SONGE PAÏEN
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Dans le coin du grand parc où la nymphe cachée,
A, dans un antre obscur, son séjour enchanté,
Zoé, pour fuir l’ardeur du chaud soleil d’été,
S’est, sous un buisson vent, nonchalamment couchée.

Sur le gazon fleuri sa tête s’est penchée;
Son oeil est clos, son sein doucement agité,
Et sa levre sourit a quelque volupté
Dans un songe lascif tendrement ébauchée.

C’est que Zéphire, errant par les sentiers ombreux,
A levé doucement le linon vaporeux
Pour pouvoir effleurer cette rose entr’ouverte;

Et Zoé, succombant à l’amoureux désir,
Rêve qu’un satyreau, d’une manoeuvre experte,
Irrite en se jouant la source du plaisir.

Autor: Louis Perceau al. Alexandre de Vérineau (1925)


HEIDNISCHER TRAUM – erotisches Sonett
(Übertragung von SONGE PAÏEN a. d. Franz.)
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In der Ecke des Parks: eine Nymphe, versteckt.
Sie genießt ganz verzaubert die Kühle im Hag.
So entflieht sommers Zóe dem glutheißen Tag –
Unterm Grün liegt sie sorglos und wohlig gestreckt.

Auf den Rasen gebettet den Kopf; nichts bedeckt;
Ihre Augen geschlossen; die Brust hebt sich zag;
Auf den Lippen ein zärtliches Lächeln, das vag
Deutet an, wie lasziv sie auch träumt – nichts erschreckt.

Just hebt Zéphir, nach Stromern auf schattigen Wegen,
Voller Vorsicht das luftige Linnen der Schönen –
Er berührt ihre Rose, sie offenzulegen.

Und vor Liebesverlangen muss Zóe laut stöhnen,
Denn sie träumt, dass ein Sátyr doch sicherlich wüsste –
Dass er grade erregt jetzt den Quell ihrer Lüste.

© versemacher al. W.H. (11.1.2020, für die Übertragung ins Deutsche)
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Den Beitrag hatte ich zunächst am 12.01.2020 in der Themengruppe "erotische Erzählungen" eingestellt. Am 20.02.2020 (was für ein Datum!) habe ich ihn dann in die von mir gegründete Gruppe "Erotik der 7 Künste" umgesiedelt.

* ) Zum Schablonendruckverfahren:
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When stencils are used in this way they are often called "pochoir". In the pochoir process, a print with the outlines of the design was produced, and a series of stencils were used through which areas of color were applied by hand to the page. To produce detail, a collotype could be produced which the colors were then stenciled over. Pochoir was frequently used to create prints of intense color and is most often associated with Art Nouveau and Art Deco design. [nach der engl. Wikipedia]

Zu den Personifizierungen Zóe und Zéphir
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Zoe (altgriechisch; lateinisch: vita) bedeutet Leben auf Griechisch, genauer gesagt "die einfache Tatsache des Lebens, welche allen Lebewesen gemein ist" (also Pflanzen, Tieren, Menschen und Göttern). Das Lebendigsein wird durch eine Seele begründet. Leblose Dinge haben dementsprechend keine Seele. [nach Wikipedia]

Zephyr (der vom Berge Kommende) ist eine Windgottheit aus der griechischen Mythologie, die den (milden) Westwind verkörpert. In der Antike wurde Zephyr als Frühlingsbote und "Reifer der Saaten" verehrt. [nach Wikipedia]

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