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Erotik von 'Kopfkissenbuch' & Co.

Von versemacher Donnerstag 14.05.2020, 18:28 – geändert Donnerstag 14.05.2020, 19:26

Michael Korth (Hg): Das Kopfkissenbuch der Liebe – Liebesgedichte von Frauen.
Hoffmann & Campe, 2013; 142 S.; Preis: € 2,95 (keine Versandgebühr)
Bestellung: Frölich & Kaufmann, Tel. 030 469 06 20; Artikel-Nr. 610186

Dieser Beitrag ist eine ergänzende Beschreibung zur gleichnamigen privaten Galerie "Erotik von 'Kopfkissenbuch' & Co" und ist (wie diese) dreiteilig angelegt:
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1. Das Kopfkissenbuch – einstiger Ursprung und Nachahmungen zu allen Zeiten
2. Die "Akademie der Damen" – im Europa des 18. Jahrhunderts
3. Shunga – die "bildhaften Wollüste" im Japan des 17. bis 19. Jahrhunderts.
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Die Galerie geht NUR über ein spezielles Kode-Wort zu öffnen, das Mitgliedern der Themengruppe "Erotik der 7 Künste" in einer vereinbarten Weise mitgeteilt wurde.

(Teil 1)
Die japanische Kaiserin Sadako versammelte einige Jahre vor 1000 u. Z. einmal ihre Hofdamen um sich, hielt einen Stapel des (bis heute!) berühmten Reispapiers zum Schreiben hoch und fragte "Wer will noch mal – wer hat noch nicht?" Einzig die intelligente Sei Shonagon hob ihr Händchen und meinte zum Verwendungszweck, sie würde auf dem Papier ein Kopfkissen-Tagebüchlein anlegen. Dem vertraute sie über zehn Jahre alle ihre Beobachtungen bei Hofe an – und versteckte das Büchlein in ihrem Zimmer an einem Ort, der für jeden sonst tabu war: in einem hohlen Kopfkissen aus Porzellan! Gegen Ende ihrer Dienstzeit traute sich aber doch jemand und las es mit großem Erstaunen. Der Ruhm des Heftes verbreitete sich und es wurde rasch als das "Kopfkissenbuch der Sei Shonagon" zu einem Klassiker der japanischen Literatur, während sich die Spur der Verfasserin bald im Dunkel der Geschichte verlor.

Das Buch wurde immer wieder kalligrafisch oder später mit Lettern vervielfältigt (Abb.1). Das Bild der Dichterin ist dagegen nicht belegt, und die Künstler nachfolgender Jahrhunderte haben es eben nach ihren Vermutungen gestaltet (Abb. 2-6). Kobayashi hat Sei Shonagon als fast schon moderne Frau dargestellt (Abb.7). Der Text ist heute Schullektüre, und das folgt wegen Abb.8: die Dichterin hat auch am kaiserlichen Ansehen ein wenig gekratzt, was man zu keiner Zeit in Japan mochte – auch heute nicht – und das soll die Schule dem Bürger verdeutlichen!

Europa hat spät vom "Kopfkissenbuch" Kenntnis genommen: England und Frankreich seit 1889, Deutschland gar erst 1944. Von den 320 Einträgen der Dichterin sind nur zwei Drittel übersetzt, dafür aber in vielfältig gestalteter Aufmachung verlegt (Abb. 9-11). Der Begriff selbst ist zwar nicht zweckentfremdet, aber doch erweitert worden. Auf einer Japan-Tapete hat man Sei Shonagon bei der Lektüre geglaubt, es ist aber einfach eine eingenickte Kurtisane (Abb.12). Das Kopfkissenbuch in Abb.14 ist dagegen ein verlegerischer Leckerbissen, der auch noch wohlfeil und umgehend erworben werden kann (s.o. Bildtitel). Die dralle Jungfer auf dem Einband ist natürlich ein Rokoko-Fräulein Fragonards, nur seitenverkehrt abgebildet. Unter den versammelten Gedichten manch Kleinod, etwa der Japanerin Ono no Komachi (9. Jh., a.a.O., S.66):
. . . Die Herbstnacht ist lang –
. . . doch wenn man sie verliebt
. . . mit einem Freund verbringt,
. . . ist schon der Morgen da,
. . . bevor man es noch ahnt.

(Teil 2)
Der spätere Grenobler Stadtadvokat Nicolas Chorier (1612-92) hatte noch von Wien aus ein in Latein abgefasstes Buch mit dem schwerfälligen Titel "Aloisia Sigea …" (~1658; Abb.15) drucken lassen, das es vom Text her aber "faustdick hinter den Ohren hatte" – wenn man mal so von einem Buch reden darf. Zwei Cousinen unterhalten sich in sieben Dialogen über die Geheimnisse des (Ehe)Bettes … Was Wunder, dass darauf drei Dinge geschahen:
- die Übersetzung in das weit gängigere Französisch (1691, Köln – Abb.16)
- die Darstellung der "Begebenheiten" in Bildern, die immer tabuloser wurden;
- die (nie von Erfolg gekrönten!) Versuche, das Buch auf den "Index" zu setzen.

Die Übersetzung nannte sich "Akademie der Damen" (Abb. 17+19) und brachte auch alles unter Dach und Fach, was nach damaliger Männer-Meinung die Frauen "an Wissen und Können" aufweisen müssten – heute würde ein solches Ansinnen als "super-sexistisch" gelten! Und jedes Mal wurde der Text um eine reiche Bebilderung ergänzt, die mit den Fortschritten von Buchdruck und Buchgrafik Schritt hielt (Abb.20-22). Im Detail ersieht man diesen Fortschritt der "Schwarzen Kunst" beim Vergleich der "Schubkarre fahrenden Paare" (Abb.23-25) und bei "Alltags-Begebenheiten" (Abb.26-27).
Niemand wundert es, dass der bekannteste Abenteurer des 18. Jh., Giacomo Casanova, die "Damen-Akademie" wohl auswendig gekannt hat. Berühmte Illustratoren seiner Memoiren versäumen es nicht, in den Schlafzimmern der umworbenen Damen das Buch immer ins Gesichtsfeld zu rücken (Abb.29-30), wenn die Bilder nicht schon als Wandtapeten dienten (Abb.28 ). Casanova selbst beschreibt ein Rendezvous mit der 23-jährigen M.M. mit diesen Worten:
"Seit einer Stunde … war ich beschäftigt, alle diese Sachen mir anzusehen, und ihre Betrachtung hatte mich in eine nicht mehr zu bändigende Erregung versetzt, als ich meine schöne Geliebte in Nonnentracht eintreten sah. {…}
- 'Lass mich erst mein gewöhnliches Kleid anziehen, Liebster, …'
- 'Nein, du musst die Huldigungen meiner Liebe in demselben Kleid empfangen, das du trugst, als du sie in mir wecktest.'
Mit dem demütigsten Gesicht sprach sie ein "dein Wille geschehe" (!) und ließ sich auf ein Sofa niedersinken, wo ich sie trotz ihres Sträubens beglückte. (Werke IV/4, S.67-68; Abb.31).

(Teil 3)
Shunga bezeichnet auf Japanisch Gemälde, Drucke und Bilder jeglicher Art, die sexuelle Handlungen "explizite" darstellen. Im engeren Sinne sind es aber Werke von ALLEN den herausragenden Holzschnittkünstlern zwischen dem 17. Jh. und 1912, die aus meist 12 Blättern zu Rollen oder Leporellos montiert und vertrieben wurden. Für die Werke dieser absolut einmaligen Künstlerschaft fielen erst 1994 die letzten Zensurbeschränkungen – und seitdem gehören sie endlich den Liebhabern hüllenlos!
Beliebt waren Shunga-Rollen als "Anleitungen" für frisch vermählte Eheleute (Abb.32; ein DDR-Nachdruck Abb.33-34).
Die Shunga-Künstler waren wohl von ihren eigenen Fertigkeiten vollkommen überzeugt, auch die allerletzten Gemütsbewegungen eines Paares beim Liebesakt wiedergeben zu können (Abb.35 – man beachte die Mundstellung!). Eishis Paar zeigt unter dem eigentlich verhüllenden Seidenschleier alles, was zu enthüllen geht (Abb.36).
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Die drei Teile des Beitrags spiegeln den Pli (die Gewandtheit im Benehmen), die Techniken der körperlichen Vereinigung und die Lust bei der völligen Hingabe eines Paares aneinander wider.
Aber gibt es nicht doch ein Genre, das all das im Rahmen ein und desselben Werkes zeigte?
O ja – gibt es: das Kama Sutra! Aber das hätte hier nicht auch noch Platz gehabt!
Hier hatte seinen Platz, was im Bedarfsfall "unter dem Kopfkissen" liegen könnte.

© versemacher (14.05.2020)

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