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Die Brille auf der Nase

Von versemacher Montag 25.05.2020, 23:23 – geändert Montag 25.05.2020, 23:37

Kupferstich nach Charles Eisen (1720-78 ) : Les Lunettes (Die Brille; Detail);
Die Nonnen umringen nackt die Oberin im Kapitelsaal ihres Klosters.
ETH Zürich; via Wikimedia Commons; gemeinfrei.

Erotik nach der gleichnamigen Verserzählung von Jean de LaFontaine
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(I) Missetat
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Mit weniger als fünfzehn Lebensjahren
gelangte einst ein Blondschopf zu den Nonnen
und tat als 'Sœur Colette' sich offenbaren.
Da war auch Sœur Agnès: ganz unbesonnen,
war sie schon bald durch zärtliches Gebaren
für allerengste Zweisamkeit gewonnen –
doch wie voll Umsicht auch die beiden waren,
die Sorgenlosigkeit war schnell zerronnen.

Gleich anfangs musst' Agnès den Gürtel weiten,
doch ihr Malheur kam schließlich an den Tag:
Natur geht auf die Dauer nicht zu zwingen –
war das Ergebnis doch nicht zu bestreiten,
und so, wie diese Sache nun mal lag,
erschien es nötig, Licht in sie zu bringen!


(II) Untersuchung
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Durch Klosterstille drang jetzt Kindergreinen,
das war schon ein beträchtlicher Skandal!
Auch hatte Sœur Agnès nichts zu verneinen –
zum Kindesvater schwieg sie allemal.
Die Oberin jedoch schien gleich zu meinen,
es wär' ein junger Wolf im "Personal":
den nähm sie unverzüglich an die Leinen,
erlitte er dabei auch Höllenqual.

Und sie verfügt die Nonnen ins Konvent!
Dass jede lege gänzlich und in Schnelle
die Kleider ab! Sie setzt zur bessren Sicht
die Brille auf; dann prüft sie vehement
an jeder Nonne stets dieselbe Stelle –
und fördert das Delikt ans Tageslicht.


(III) Überführt!
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Der Jüngling ahnt durchaus schon manche Tücken,
in die ein Mann sich wegen Frauen bringt.
Mit einem Draht versucht er plattzudrücken,
dass nicht zur Unzeit etwas an ihm schwingt –
doch zwanzig Frauenleiber – welch Entzücken –
die stell'n in Frage, ob ihm das gelingt …
Er will zur Oberin grad drehn den Rücken,
als das passiert, was ihn nun doch bezwingt.

Der Draht am Jüngling hält in dieser Phase
dem angewachsnen Druck nicht länger stand:
er platzt und reißt bei all diesem Geschehen
der Oberin die Brille von der Nase.
Leicht geht der Urteilsspruch ihr von der Hand –
sie hatte das Entscheidende gesehen!

© versemacher (25.05.2020)
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* ) Legende:
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Jean de LaFontaine (1621-95) ist den meisten nur als der Dichter von Fabeln bekannt; er hat aber ein viel breiteres Werk geschaffen – darunter die Verserzählungen mit insgesamt 5 Teilen. Im vorletzten, 1674 erschienenen vierten Teil, ist die Verserzählung "Les Lunettes" (Die Brille) enthalten. Sie geht auf eine Novelle des Franzosen Bonaventure des Périers (~1510-43) zurück, der eine Zeit lang bei Margarte von Navarra bedienstet war und an seiner Sammlung von Schwänken und Novellen arbeitete, als Margarete ihre Novellensammlung des Heptameron begann.
LaFontaine beschränkt sich meist auf die Verwendung einzelner Motive und Pointen seiner Quellen, weil er selbst über mehr als genug an Geist und Satire verfügte.
Ins Deutsche wurden die Verserzählungen anscheinend nur einmal vollständig übertragen, von Theodor Etzel, der sie 1922, also vor fast hundert Jahren, im Berliner Propyläen-Verlag herausgab. In Frankreich sind sie Gymnasial-Lektüre.

Gut, vielleicht (neben einigen anderen) nicht unbedingt die Verserzählung "Die Brille" – sie ist doch eine ziemlich pikante Geschichte.
Der Storch zwickt darin eine junge Nonne ins Bein, und der Kindesvater wird als falsche Nonne (mit selbst beigelegtem Frauennamen) im gleichen Kloster dingfest gemacht. Der ergötzlichste Abschnitt der Erzählung ist der, wie er sich "wider eigenen Wunsch und Willen" geschlagen geben muss – und das ist oben in den drei Gedichten dargestellt. Nicht erzählt wird dagegen der Schluss, wie er seine Haut rettet und seine Bestrafung einem anderen aufbürdet.

Die Gedichte genügen in formaler Struktur, Reimen und Versen dem Muster der alt-italienischen Sonette (8 Verse der Siziliane + 6 Verse), nicht aber im logisch-argumentativen Aufbau, der für eine Erzählform (wie hier) nicht einzuhalten geht.

Was den Bildschmuck zu "Die Brille" betrifft, so scheint es die angesehensten Künstler ihrer Zeit gedrängt zu haben, alle denkbaren Varianten an Pikanterie auf die Leinwand zu bringen. Da hier im Forumsteil kaum Möglichkeiten zur Wiedergabe bestehen, sind die Abbildungen in einer Privatgalerie des Autors zusammengestellt. Die Mitglieder der Gruppe "Erotik der 7 Künste" erhalten vom Autor des Beitrags das Zugangswort, sofern mit ihnen eine private E-Mail-Verbindung besteht (zur Verwendung in einer personalisierten BCC-Gruppenmail; verfügbar ab 26.5.2020).
- vm –

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