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Die Anfänge meiner 'Erotischen Bibliothek'

Von versemacher Montag 27.04.2020, 17:18 – geändert Dienstag 28.04.2020, 09:45

Umschlag der letzten deutschen Vorkriegsausgabe von Casanovas Memoiren.

Mit diesem Buchumschlag, den ich nun schon über 75 Jahre habe, und dem Buch dazu fing alles an!

Die Aufklärung, die man mir angedeihen ließ, hatte zwar einen Start, blieb aber ohne Fortsetzung. Allerdings bewirkte sie, dass sich die Legende vom "Babybringer Storch" gar nicht erst in meinem Kopf festsetzte. Vater strich liebevoll über Mutters Bauch und bezeichnete diese Stelle als meinen … Erstaufbewahrungsort. Mehr war nicht!

Den eigentlichen Start gab ich mir selber, denn als Vater einberufen worden war, überließ er meiner Mutter auch die Obhut über den kleinen familiären Buchbestand. Klar, dass Mutters Ablenkung durch die Haushaltsführung mir leichten Zugriff darauf ermöglichte. Angetan hatte es mir das Buch mit dem Umschlag, der einen Mann knieend vor einer Dame im Nachthemd zeigte! Da ich als Zweitklässler von einst mit sieben fließend (!) lesen konnte, schnappte ich mir das Buch und hatte es im Nu ausgelesen – heimlich, still und leise.
Wer noch kann so etwas von sich sagen: mit sieben schon den Casanova intus?

Allerdings nur Band 1 – der geplante Band 2 fiel für immer den Kriegsvorbereitungen zum Opfer. Casanovas Flucht aus den Bleikammern Venedigs, mit deren Schilderung der Band endet, fand ich durchaus nicht am spannendsten. Viel spannender waren "die 27 Bildbeigaben nach Julius Nisle u. a.", die meistens unbekleidete Frauen zeigten. Und wenn ich sage "unbekleidet", dann waren sie das auch. Aus Vaters Zigarettenbilderalben über Malerei wusste ich damals schon, dass "der Wind, das himmlische Kind" den unbekleideten Frauen immer so ein eigenartiges Tüchlein herbeiweht, das sich zwischen Nabel und Schritt niederlässt und dort etwas verdeckt – nicht so bei Nisle!
Bei Nisle weht nur auf einem einzigen Bild so ein Tüchlein, und zwar in der Situation, als Casanova und Giulietta für die nächste Balltour die Kleidung tauschen. Giulietta war schon angezogen (oder noch nicht ausgezogen), aber Casanova ist nackt – nackt bis auf eben jenes Tüchlein, das hier und jetzt bei IHM "wehte". Was es dort offenbar verdecken sollte, war mir (als Büblein) schon klar, aber warum etwas verdecken? Wenn ich damals so an mir hinabsah, ja was denn? Diese Frage blieb offen – und ich vergaß sie wieder.

Zur Zeit, als ich "die 16" überschritten hatte, pflegte Vater die Bekanntschaft mit einem seiner Jugendfreunde, dem es als Besucher der Leipziger Messe gelungen war, einen Kontakt zum Zentralantiquariat zu knüpfen. Als Kunde erwarb er dort auch die berühmte 6-bändige Sittengeschichte von Eduard Fuchs, die sich mein Vater nach und nach auslieh und immer schön auf einer Ecke seines Schreibtisches ablegte. Nun, ich hatte die Bände jedes Mal vor ihm ausgelesen – heimlich, still und leise. Und siehe da, der Ergänzungsband zur Galanten Zeit des 17. Jh. in Frankreich brachte mehrere Bildtafeln, die auf den ersten Blick identisch aussahen, sich aber in einem kleinen Detail bei dem darauf abgebildeten (und natürlich unbekleideten) Frauenzimmer unterschieden. Auf der Tafel mit dem Untertitel "vor der Bedeckung" umweht die Hüften der Dame kein "Tüchlein", auf der anderen "nach der Bedeckung" weht es!
Der Grund? Sammler bezahlten für "VOR Bedeckung" das Zehnfache des Preises von "NACH Bedeckung"!
Ich suchte auf der Stelle meinen altbekannten Casanova hervor, grinste und taufte für mich das Bild provokant "Casanova im Zustand MIT Bedeckung". Und hielt für unwahrscheinlich, dass ihn "Kupferstecher Nisle" SO abgebildet hätte! Aber wie dann?

Diese nun präziser gestellte Frage löste ich erst mit fast 75! Beim Einräumen der Bibliothek wies ich Boccaccio, Casanova, dem (schon lange eigenen!) 6-bändigen Fuchs und allen anderen ihre Plätze in der Erotik-Abteilung meiner Bibliothek zu und dachte: Wart! Jetzt wollen wir Google zur Klärung einspannen. Binnen ein-zwei Minuten war das Ergebnis da, nämlich von Nisle die gleiche Abbildung, ABER "Casanova im Zustand OHNE Bedeckung". Mit schallendem Gelächter nahm ich zur Kenntnis, dass es bei ihm (für prüde Gemüter) wirklich etwas zu bedecken gegeben hätte, urteilt selbst – in der speziellen Zusatz-Galerie sind beide Bilder enthalten.

Das ergoogelte Bild hatte natürlich auch eine Hausnummer: es gehört als 3. Bild zu den 48 Szenen von Nisles Casanova-Galerie in der Buchausgabe von 1850, die fast vollständig durch die preußische Zensur vernichtet wurde. Die bibliophilen Taschenbücher des Harenberg Verlags haben 1980 ein Exemplar unter Serien-Nr. 221 nachgedruckt – und dieser Nachdruck steht natürlich in der Casanoviana-Abteilung meiner Erotik-Bibliothek. Ich habe ihn hier in der "Long-List" als Bild 3-18 in der Galerie 3/Klassik wiedergegeben.

Das andere Rätsel um die Casanova-Ausgabe aus meiner jugendlichen Lesezeit habe ich etwa zur gleichen Zeit gelöst. Als Vorlage für den Buchumschlag, auf dem Casanova vor seiner Dame zu knieen scheint, dient die Tafel 34 "L'heureux Moment" /Der glückliche Augenblick/, entworfen von Lafrensen und gestochen von de Launay vor 1792. Sie ist in der Prachtausgabe von Cornelius Gurlitt "Das französische Sittenbild des 18. Jahrhunderts im Kupferstich" von etwa 1920 wiedergegeben und für den Buchumschlag aufwändig nachkoloriert.

Und eine letzte Sache will ich noch vermerken: die meisten "herzhaften" Bildunterschriften im Fuchs, im Gurlitt wie auch anderswo sind in Französisch! Damals, mit 16 Jahren, nahm ich mir vor, die Sprache zu erlernen – und heute darf ich die zusätzliche Berufsbezeichnung eines Fachübersetzers führen. Alle Mühen ("Was man nicht auf Französisch sagen kann, kann man überhaupt nicht sagen") waren abgegolten, als mir eine gutsituierte Familie in Bordeaux beim Ferienaufenthalt 2004 sagte, sie hätten noch nie an jemand aus Deutschland vermietet, aber meine Email wäre die erste eines Deutschen gewesen, die in korrektem Französisch geschrieben war.

So gehen Anstöße durch die Erotik und die Forderungen des Lebens eben manchmal und in eindrucksvoller Weise "Hand in Hand".

Liebe Leser*innen,
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es wäre schön, wenn sich jeder von Euch wenigstens einmal mit der "Short-List" in den Galerien befassen würde.
Das Illustrationsmaterial zu diesem Beitrag habe ich kompakt zusammengefasst zu einer kleinen
Extra-Galerie – Anfänge meiner Erotika-Bibliothek
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Als Beilage zum Beitrag in den Themengruppen
"Erotik der 7 Künste" und "Erotische Geschichten"

1. Buchumschlag zu Casanovas Memoiren (wie im Beitrag oben)
2. Tafel aus der Buchausgabe Gurlitt von 1920
3. Ausschnitt aus (2): das Paar auf dem Buchumschlag
4. Tafel "Jupiter und Jo" VOR der Bedeckung (Quelle: Fuchs)
5. Tafel "Jupiter und Jo" NACH der Bedeckung ( -"- )
6. Nisle, Casanova-Galerie, Nachdruck von 1980
7. Nisle, Casanova Galerie, 1850: "Casanova OHNE Bedeckung"
8. Nisle im Buch von 1939, frisiert: "Casanova MIT Bedeckung"

© versemacher (27.04.2020)

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