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"Spatz und Spätzin" von Karl Mayer (1786-1870)

Von Feierabend-Mitglied Donnerstag 16.06.2022, 19:09

Auf dem Dache sitzt der Spatz,
und die Spätzin sitzt daneben;
und er spricht zu seinem Schatz:
"Küsse mich, mein holdes Leben!

Bald nun wird der Kirschbaum blühn;
Frühlingszeit ist so vergnüglich!
Ach, wie lieb´ ich junges Grün
und die Erbsen ganz vorzüglich!"

Spricht die Spätzin: "Teurer Mann,
denke doch der neuen Pflichten!
Fangen wir noch heute an,
uns ein Nestchen einzurichten!"

Spricht der Spatz: "Das Nesterbaun,
Eier brüten, Junge füttern
und dem Mann den Kopf zu kraun,
liegt den Weibern und den Müttern."

Spricht die Spätzin: "Du Barbar,
soll ich bei der Arbeit schwitzen,
und du willst nur immerdar
zwitschern und herumstibitzen?"

Spricht der Spatz: "Ich will dir hier
mit zwei Worten kurz berichten:
Für den Spatz ist das Pläsier,
für die Spätzin sind das Pflichten."

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