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Leben eben

Von Fiddigeigei Mittwoch 08.12.2021, 18:25

Herbst für Zwei

Lebensgedanken sind wie Ranken


Heute Morgen bin ich aufgewacht,
hab über mich lang nachgedacht.
Ich dachte nach des Lebenssinn
ob wirlich ich, ich selber bin.
Wars Leben nur ein kurzer Traum,
ganz kurz die Welt mal anzuschaun?

Ich schließe meine Augen neu
und Jahr um Jahr fliegt schnell vorbei,
in meinem Innren blitzeschnell
Wars wirklich Wert das Leben hier,
wem soll ich danken denn dafür?

Dann sehe ich auf die andre Seite,
da schläft ganz ruhig mit zartem Atem,
ein weiblich Wesen wohl geraten.
Die linke Hand, sie greift hinüber,
zu der, die mit mir Hand in Hand,
die ganze Welt mit uns verband
Im Hochs und Tiefs war Sie zur Seite,
Sie stützte mich in Freud und Leide.
Ohne Sie häts keinen Sinn ergeben,
mein ganzes Leben.

Herbstglanz

Den Weg den die beiden-eine Frau und ein Mann- beschritten war holprig und steinig. Die Erde dort bot nur wilden Pflanzen ausreichend Nahrung. Jetzt, aber selbst im Herbst, wo auf den fetten Wiesen kaum noch Blumen zu finden waren, blühte es hier immer noch.
Hochgeschossener Rainfarn mit seinen goldenen Kugeln- Wildmalven mit rosa Kelchen, umschlungen von wucherndem blühenden Klee- himmelblaue Wegwarte- duftender lila Thymian an den kargen Boden geschmiegt- Dost, der wilde Majoran mit dunkel lila Dolden nahe bei dem königsblauen Wiegensalbei stehend Filigrane Gräser wetteiferten mit braunhäutigen Spitzwegerich, um die die Insekten ihren letzten Sonnentanz aufführten - Libellen liebten sich im Flug und Marienkäfer krabbelten unermüdlich über die weißen Baldachinen der Schafgarben- Spinnen flochten feinste Netze, die sie zwischen Halme spannten und warteten in einem Versteck auf leichtsinnige geflügelte Beute.
Die Herbstsonne tauchte dies alles in ein zauberhaft müdes Licht, aber ihre Strahlen hatten an Macht verloren- wissend, dass sie auch Abschied nehmen muss von all dem Blühen und dem Leben dort auf dem steinigen Grund.
Die Beiden, die viele Herbste bereits erlebt hatten aber konnten sich nicht satt sehen. Beim so dahin schlendern berührten sich ganz zufällig- oder wars gar gewollt?- ihre Finger. Und die Berührung wurde immer inniger, bis sich die größere Hand um die kleinere schloss und beide Hände ineinander verschmolzen.
So gingen sie still und in Andacht durch einen weiteren Tag im Herbst des Lebens.

Verblühst du schon?

Du verblühst schon, holde Rose,
weckt dich nicht der Sonne Strahl?
O, du liebe, kleine, lose,
o, erblühe noch einmal!

Einmal öffne noch die Hülle,
sieh, ich will bescheiden sein,
einmal lass mich noch der Fülle
deines Glanzes voll erfreun!

Willst das Köpfchen nicht mehr heben?
Senkst die Blätter welk und fahl?
Ach! es wird ja Lenz im Leben
nur ein einzig, einzig Mal!

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)

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