"Gesang der Geister über den Wassern" - Goethe
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Feierabend-Mitglied
Mittwoch 03.08.2022, 19:05
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Des Menschen Seele
gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
zum Himmel steigt es,
und wieder nieder
zur Erde muss es,
ewig wechselnd.
Strömt von den hohen
steilen Felswand
der reine Strahl,
dann stäubt er lieblich
in Wolkenwellen
zum glatten Fels,
wallt er verschleiernd,
leisrauschend
zur Tiefe nieder.
Ragen Klippen
dem Sturz entgegen,
schäumt er unmutig
stufenweise
zum Abgrund.
Im flachen Bette
schleicht er das Wiesental hin,
und in dem glatten See
weiden ihr Antlitz
alle Gestirne.
Wind ist der Welle
lieblicher Buhle;
Wind mischt vom Grund aus
schäumende Wogen.
Seele des Menschen,
wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
wie gleichst du dem Wind!
Nachwort:
Goethe schrieb das Gedicht 1779 unter dem Eindruck des Staubbachwasserfalls im Lauterbrunnental.
Es versinnbildlicht Bestimmung und Schicksal der menschlichen Seele in der Bewegung des herabströmenden Wassers.