"Frühlingsglaube" von Gottfried Keller (1819-1890)
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Feierabend-Mitglied
Samstag 28.05.2022, 11:53
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Ein Gedicht mit gleichem Titel, aber unterschiedlicher Sichtweise - Keller´s Glaube an die Heilbarkeit der sozialen und moralischen Gebrechen im Rahmen der Gesellschaft.
Es wandert die schöne Sage
wie Veilchenduft auf Erden rum,
wie sehnend eine Liebesklage
geht sie bei Tag und Nacht herum.
Das ist das Lied vom Völkerfrieden
und von der Menschheit letztem Glück,
von goldner Zeit, die einst hienieden,
der Traum als Wahrheit kehrt zurück,
wo einig alle Völker beten
zum Einen König, Gott und Hirt;
von jenem Tag, wo die Propheten
ihr leuchtend Recht gesprochen wird.
Dann wirds nur eine Schmach noch geben,
nur eine Sünde in der Welt:
Des Eigen-Neides Widerstreben,
der es für Traum und Wahnsinn hält.
Wer jede Hoffnung gab verloren
und böslich sie verloren gab,
der wäre besser ungeboren:
Denn lebend wohnt er schon im Grab.