Ballade von der Unkenntnis des eigenen Ich
Von
EwigerBrunnen01
Dienstag 11.01.2022, 11:01
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Bild: Francois Villon (1431 – 1463) YouTube
Ich kenn der Fliege Qual im Honigtopf,
den Menschen kenne ich schon am Gewand,
die Sonne kenn ich, weiß wie Regen klopft,
und nach der Frucht bestimme ich das Land.
Jedweden Baum erkenne ich am Saft
wie an der Menge stets nur ein Gesicht.
Ich kenn den Frondienst und der Ruhe Kraft.
Ich kenne alles – nur mich selber nicht.
Den Schnitt der Jacke zeigt der Kragen recht,
an seiner Kutte kenne ich den Abt,
den Herrn erkenne ich an seinem Knecht,
die Nonne – welcher Schleier sie verkappt;
die Diebessprache kenn ich insgeheim,
weiß um den Narren für ein Naschgericht,
an seinem Fass erkenne ich den Wein.
Ich kenne alles – nur mich selber nicht.
Das Maultier kenne ich und kenn das Pferd,
erkenne ihre Not an ihrer Last,
ich weiß, was Jeanne und Isabell beschwert,
die falschen Würfel kenn ich im Palast.
Ich kenn den Traum der Nacht, des Lichts Vision,
ich kenn der Hussiten Strafgericht
und kenne nicht zuletzt die Macht von Rom.
Ich kenne alles – nur mich selber nicht.
O Herr, was noch? – was ist mir nicht bekannt?
Das Siechtum und des Lebens buntes Band,
den Tod, der alles auflöst – den Verzicht -
Ich kenne alles – nur mich selber nicht.