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Abend – Gottfried Keller

Von EwigerBrunnen01 Donnerstag 28.07.2022, 18:18

Eigenes Foto - abends am Strand (Zingst - Ostsee)

In Gold und Purpur tief verhüllt,
willst du mit deiner Leuchte scheiden,
und ich, noch ganz von dir erfüllt,
soll, Sonne, dich nun plötzlich meiden?

Du hast mein Herz mit Lust entzündet:
Du allerschönste Königin;
wenn mir dein Strahlenantlitz schwindet,
ist nicht das Feuer tot und hin?

O reiche mir noch Einen Strahl,
der labend, leuchtend auf mich falle,
dass ich aus diesem Dämmertal
an deiner Hand hinüber walle!

Ich will dein treuer Page bleiben,
dein Spiegel, wie das blaue Meer,
als Schäfer deine Lämmer treiben,
die Morgenwolken vor dir her.

Als leichte, leichte Wolke nur
lass mich an deinem Hofe weilen,
als deines Glanzes letzte Spur
von deinem Siegeszuge eilen!

Ich präg' als Lehrer neue Lieder
den Lerchen, deinen Kindern, ein.
Du willst mich nicht? Du tauchest nieder?
Ich bin im Schatten, bin allein!

Verlassen, bang wend' ich mich ab,
die Welt ist eine tote Kohle;
was jüngst nur Klarheit wiedergab,
stäubt Asche unter meine Sohle.

Doch schau: wie ich gen Osten kehre,
taucht mir ein neues Wunder auf:
In rosig mildem Nebelmeere
beginnt der Silbermond den Lauf.

Leis, magisch kommt der Riesenstern
auf grünen Wipfeln hergegangen;
er ist nicht kalt, er ist nicht fern,
nein, warm und nah wie zum Erlangen.

Ist er der Sonne Ährenleser,
der nach verlornen Strahlen jagt?
Ist er der Sonne Reichsverweser,
bis wieder sie im Osten tagt?

Es ist auf Erden keine Nacht,
die nicht noch ihren Schimmer hätte,
so groß ist keines Unglücks Macht,
ein Blümlein hängt in seiner Kette!

Ist nur das Herz von rechtem Schlage,
so baut es sich ein Sternenhaus,
und schafft die Nacht zu hellem Tage,
wo sonst nur Asche, Schutt und Graus.


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