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Die Reise (1996)


Verträumt blinzelte Heidi Bischof aus dem Wohnzimmerfenster ihrer neuen Mietwohnung. Manchmal schien es, als würde ihr Blick erstarren, als nähme sie das Getümmel vor dem gegenüberliegenden Supermarkt nicht wahr. Dabei war die alte Dame mit ihren knapp siebzig Jahren noch unerhört lebenstüchtig. Ihr glattes, schulterlanges Haar und die tiefen Furchen um die Mundwinkel verliehen ihr das Flair einer alternden Schauspielerin.

Der Umzug in die neue Wohnung hatte ihr fast das Herz gebrochen, denn bis vor kurzem besaß sie noch ein herrliches Grundstück mit einem ebenso schönen Haus, für das sie ihr Leben lang mit ihrem Mann gearbeitet hatte. Als er im vergangenen Herbst starb, setzte ein Martyrium der Erbschleicherei ein, dem sie nur unter Aufbietung aller Kräfte widerstanden hatte. Ihre Kinder wollten sie zuguterletzt sogar entmündigen lassen, um den elterlichen Besitz verscherbeln zu können. Freunde von früher wiesen der Trauernden den Weg durch den bürokratischen Dschungel und spendeten Trost.

Das Geld, das Heidi Bischof seit dem Verkauf des Grundstücks besaß, beruhigte sie ein wenig, doch die verbliebenen Wunden schienen niemals heilen zu wollen. Ein paar Sonnenstrahlen bahnten sich den Weg durch das trübe Wolkendickicht des dahinsiechenden Winters und bescherten der verträumten Dame ein Kribbeln in der Nase. Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht und brachte sie wieder zur Besinnung. "Warum nicht", dachte sie. "Die Kinder hätten das Geld im Handumdrehen durchgebracht. "Jawohl, ich habe das Recht auf eine schöne und erholsame Reise." In jedem Falle hätte sie auch das Einverständnis ihres Mannes gehabt, wenn er bloß noch lebte. Niemand anderem war sie jetzt noch Rechenschaft schuldig. Lustlos wischte sie sich eine Träne aus dem Gesicht und wandte sich vom Fenster ab. Ihr Entschluss stand fest: Sie würde in die Stadt fahren und sich eine Reise buchen...

Der alte Opel brummte müde und brachte seine Herrin sicher und zuverlässig in die City. Schon während der Fahrt spürte sie, wie sich ihre innere Unruhe in eine furchtbare Aufregung steigerte und sie völlig vereinnahmte. Vor dem riesigen Schaufenster eines Reisebüros blieb sie stehen. Dutzende von Prospekten lagen, standen, hingen dort und schienen geradezu auf sie zu warten. Sie atmete tief durch, einem Sportler gleich, dem sein großer Wettkampf bevorstand. Schließlich wollte sie unbeschwert und reiselustig wirken: "Guten Tag! Bischof mein Name." Der Geschäftsführer und seine beiden Angestellten unterbrachen ihre Arbeit und glotzten zum Eingang, während sich die Glastüre allmählich schloss. "Einen schönen guten Tag", erwiderte der bärtige Mitvierziger galant und gab seiner sanften Stimme einen noch weicheren Ton. Mit geübtem Blick musterte er die attraktive Dame . "Was können wir für Sie tun?" Fragte er und bot ihr einen Stuhl an. "Ja wissen Sie, ich suche eine schöne Reise, doch bin ich mir einfach nicht schlüssig. Der Reiseort soll nicht gleich um die Ecke, aber auch nicht all zu fern sein. Ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste." "Entschuldigen Sie geht es ein klein wenig genauer?"

"Na ja, Sie wissen schon: Man berichtet doch lieber von einem Tanz mit einem feschen Italiener im Mondenschein am Rande einer Taberne als über einen gewöhnlichen Pflastermarsch in unserer Hauptstadt." Dabei sprach sie so leise, dass er sie gerade noch verstehen konnte. Der Geschäftsführer antwortete mit einem bedeutungsvollem "Ah", und wog bedächtig den Kopf. "Die Alte will einen Italiener vernaschen, soll sie haben", dachte er. "Sie möchten also ans Mittelmeer, richtig?"
"Möglicherweise schon, doch wo ist es dort am schönsten?"

"Keine Sorge, Frau Bischof, am Mittelmeer ist es überall schön."

"Ich habe gehört, dass das Wasser schmutzig sein soll, stimmt das?" Nervös blätterte er in einem der Kataloge: "Schauen Sie, Frau Bischof. Überall gibt es herrliche Strände, Sie können in den feinsten Hotels wohnen. Wäre das nichts für Sie?" Sie blätterte selbst und schwärmte. "Ja, wissen Sie, wenn ich das Meer so sehe, muss ich unwillkürlich an Haie und diese anderen Viecher denken. Sind die Strände auch wirklich markiert, damit man nicht zu weit hinaus schwimmen kann?" Der Geschäftsführer verzog das Gesicht, als müsste er einen Schmerz unterdrücken. "Keine Sorge, Frau Bischof. Sie brauchen mit keinem der Tiere um die Wette zu schwimmen."

"Sagen Sie, gibt es in den Hotels auch ein Telefon? Ich meine, es wäre ja möglich, dass man die Polizei rufen muss."

"Frau Bischof, Sie fahren doch nicht ins Neandertal, alle Appartements haben Fernseher und Telefon."

"Hm, mein Hausarzt hat mich aber vor zu scharfer und fettiger Kost gewarnt. Kochen die Italiener nicht alles in Olivenöl?" Wieder blätterte er im Katalog: "Sehen Sie, Frau Bischof, hier stets: Sie bekommen alles am kalten Buffet serviert. Sie können sich aussuchen, was Ihnen genießbar erscheint. Den Rest empfehlen Sie den Haien, so einfach ist das."

"Hm vielleicht ist Italien ja doch nicht mein Fall, wie wäre es mit Griechenland? Die Menschen sollen wahnsinnig nett sein..." Hastig ramschte der entnervte Reiseverkäufer einige Kataloge zusammen und baute sie vor seiner schrulligen Kundin auf: "Hier habe ich alle in Frage kommenden Angebote. Am besten, Sie schmökern einfach alle diese Kataloge durch und kommen dann wieder, ja?" Heidi Bischof nahm den freundlichen Rausschmiss an, bedankte und verabschiedete sich. An der Eingangstür blieb sie einen Moment lang hinter einer Werberequisite stehen und lauschte den abfälligen Äußerungen des Reiseverkäufers: "Wenn die Alte jemals wieder kommen sollte, empfehlt ihr eine Reise in die Jagdgründe, ich halte so etwas nicht aus..." Dann fiel die Türe ins Schloss. Sie schmunzelte über den eifrigen Mann, der all seinen Charme hatte spielen lassen, um ihr eine teure Reise zu verkaufen und dem der Ärger über das entgangene Geschäft im Gesicht geschrieben stand.

Dabei hatte sie sich bereits zu Beginn der Beratung wieder anders entschieden, denn die Atmosphäre im Reisebüro verwandelte ihre anfängliche Reiselust in ein qualvolles Unbehagen. Mit ihrem Mann war sie nie in den Urlaub gefahren, statt dessen hatten sie jede müde Mark in das Haus investiert. Sie beschloss, jetzt erst einmal durch die Einkaufsstraßen zu bummeln. Wehmütig dachte sie an längst vergangene Zeiten, als sie gemeinsam mit ihrem Mann durch die Geschäfte schlenderte und über ihre geheimsten Wünsche plauderte. Vielleicht würde sie sich ein neues Auto kaufen, aber eine Reise hätte sie nur mit ihrem Mann unternehmen wollen. Das wusste sie jetzt.

Nehmann 

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