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Ilse

Sie heißt Ilse und ist eine Frau in meinem Alter, wahrscheinlich bildschön und clever. Ich glaubte das zu wissen, obwohl ich sie noch nie gesehen hatte. Ich kannte nur ihre Stimme. Ilse und ihre Stimme, das ist etwas ganz Besonderes. Sie war mein Engel, mein Rettungsanker. Eigentlich meine letzte Hoffnung. Nicht als Frau, als Mensch. Ich hatte einen Termin mit ihr – am Telefon.

"Telefonseelsorge, Ilse am Apparat. Kann ich helfen?"
"Hallo Ilse, hier ist Ferdinand, der Alki."
"Hey Franz! Wie war dein Tag?"
"Heute war ein guter Tag.“

Das waren meine ersten Worte nach der freundlichen Begrüßung durch meine liebste Gesprächspartnerin (ich habe sie sofort an der Stimme erkannt), bei meinem Sorgentelefon der TS-Salzburg. Ich verwendete dieses Kürzel für die Telefonseelsorge immer öfter, es bedeutete mir viel mehr als ich gewöhnlich bei meinen Saufbrüdern zugab. Seelsorge klang so nach Pfarrer und Kirche, nach schwach sein. Ilse, so ihr Deckname, freute sich mit mir und fragte gleich, was mir denn so Gutes widerfahren sei, an diesem bereits vergangenen Tag, es war mittlerweile Mitternacht vorbei. Ich erzählte und Ilse hörte zu, sie konnte zuhören und war so still, dass ich glaubte, sie sei gar nicht mehr da. Leise Angst kam in mir auf und ich fragte kleinlaut: „Bist du noch da?“
„Du kannst so gut erzählen Franz, ich hör dir gerne zu, mach bitte weiter.“ Genau das ist es, dachte ich, sie hört einfach zu, hat selten Einwände und wenn doch, dann kann ich damit etwas anfangen. Ich merkte, sie ist ganz bei mir. Da ist jemand, der mich versteht. Sie wusste aus vielen unserer nächtlichen Gespräche, dass ich an einem Punkt angelangt war, an dem ich mich entscheiden musste. Aufhören – und vielleicht doch noch die Kurve kriegen – oder weitersaufen und langsam den Verstand verlieren. Ilse sagte, sie könne mich gut verstehen, aufhören sei schwer. Sie wäre auch nicht böse wenn ich es nicht schaffen würde, nur traurig. Erst der Nachklang ihrer Worte machte meinem Restverstand klar, sie appellierte insgeheim an meine Ehre. Ich wollte nicht, dass Ilse wegen mir traurig sein müsste. Ich spürte, wie ein männlicher Beschützerinstinkt in mir aufkeimte und mein Denken beeinflusste. Auch ein Bild des Verrücktseins, dachte ich. Ich, ein hoffnungsloser Sandler, der sich vor seinem eigenen Schatten fürchtet, will jemanden beschützen? Wie verrückt ist das denn?

Ich erzählte von meinem guten Tag, erzählte von Harry, dem ehemaligen Arbeitskollegen, den ich im Pfiff getroffen hatte, erzählte, dass ich mir an der Pforte von Sankt Peter den Einstand erbettelt hatte und am Weg zum ersehnten, aber auch dringend notwendigen, ersten Bier des Tages, ein paar Zigaretten geschnorrt hatte. So fing mein guter Tag an. Harry finanzierte eine Zechtour durch einige Bier- und Weinstuben. Auf einmal war mein Freund spurlos verschwunden. Mir wurde schlecht bei dem Gedanken, die Zeche bezahlen zu müssen, denn ich war blank wie eine Kirchenmaus. Während ich noch überlegte wie ich aus diesem Dilemma ohne größeren Schaden heraus kommen könnte, legte mir der Wirt das Wechselgeld auf den Tresen. Harry war zwar voll bis Oberkante Unterlippe, hatte aber von mir unbemerkt bezahlt und war abgehauen, ohne auf die Herausgabe zu warten. Super, der Einstand für morgen war gerettet.

Es knackte im Hörer. Ilse räusperte sich um meinem Redefluss zu unterbrechen und fragte: „Sag mal Ferdinand, wie kannst du so flüssig reden und erzählen? Du musst, deiner Schilderung nach, doch mindestens so betrunken sein, wie dein Freund, oder etwa nicht?“
„Natürlich bin ich besoffen, ich kann kaum richtig stehen. Wie ich äußerlich ausschaue, weiß ich nicht, aber ich kann ganz gut reden, oder?“
„Und innerlich, Franz, wie geht´s dir innerlich? Was war mit deinem letzten Termin beim Sozialmedizinischen Dienst? Wir waren uns doch einig, du wolltest es doch auch, dass ich dir helfe, den ersten Schritt zu tun. Schon vergessen?“
„Nein, ich hab es nicht vergessen. Ich hatte Angst. Wenn ich nüchtern bin, habe ich immer Angst. Es ist schwer zu erklären, aber ich fürchte mich manchmal vor mir selbst.“
~~~

Ich habe bis hierher von Ilse, meiner Lebensretterin erzählt. Es ist noch lange nicht vorbei mit Erzählen. Wir reden auch heute noch ab und zu über den Wunderwuzi Franz, den es in dieser Form nicht mehr gibt. Er steht wieder mitten im Leben. Dank dieser fantastischen Frau.
~~~

Es war mir schon peinlich, wie diese Frau, von der ich nur die Stimme kannte, sich mit mir abquälte. Ehrlich, manchmal erwartete ich, dass sie die Faust auf den Tisch knallen würde, mir so richtig die Meinung geigen und mir die letzten zehn, nicht wahrgenommenen Termine, um die Ohren hauen würde. Dann hätte ich mich wenigstens im Selbstmitleid wälzen und jammern können, Gott und die Welt anklagen, dass mich keiner versteht und wie arm und hilflos ich sei. So war es. Ich wusste Bescheid über mich und meine Sucht. Trotzdem handelte ich dagegen. Ich kann nicht mehr ganz dicht sein, dachte ich.
Ilse riss mich aus meinen Gedanken, ich war knapp daran, die berühmte Sinnfrage zu stellen.

„Ferdinand“, kam leise und zaghaft ihre Stimme aus dem Hörer, „wenn du so große Angst hast, auf das Amt zu gehen, würde es dir leichter fallen, wenn ich dich begleiten würde?“
„Waas? Das gibt´s ja gar nicht!“

Ich war perplex, weil ich sehr wohl wusste, dass so ein Angebot unüblich war. Auf keinen Fall war es mit den Statuten der Telefonseelsorge vereinbar. Nicht umsonst hatten die Mitarbeiter alle Decknamen und auch der Standort des Büros war nicht öffentlich. All dies geschah zum Schutz der Privatsphäre dieser selbstlosen Menschen. Für einen Moment hatte es mir die Sprache verschlagen, jetzt war es an mir zu fragen:
„Das würdest du für mich tun? Ja, dreimal ja! Sofort, am liebsten sofort, wenn das ginge. Ich kann jetzt nix mehr sagen.“ Wenn ich getrunken hatte saßen bei mir die Tränen ziemlich locker. Jetzt ließ ich sie, überwältigt von so viel Vertrauen, fließen. Ein Mensch der so himmelhoch über meiner traurigen Figur stand, hatte sich bereit erklärt, mit mir ein Stück des Weges zu gehen. Die Frau, die auf mich wie ein Engel wirkte, die ich mehr als Schwester begriff, denn als Frau, brachte mich schwer in Verlegenheit. Ich weinte.
Ilse ließ mir Zeit, gab mir ein paar Sekunden bis ich mich wieder halbwegs im Griff hatte und sprudelte dann förmlich los vor Freude:

„Ich krieg bestimmt einen Termin, ich kenne den Leiter des Dienstes persönlich, wir schaffen das, Franz! Wir treffen uns morgen um 10:00 im Nonntal, vor der Erhard-Kirche. Abgemacht? Schreib es dir auf, es ist wichtig.“
„Abgemacht, liebe Ilse, und glaub’ mir, so eine Verabredung vergess ich sicher nicht. Nie im Leben.“ Dann fiel mir ein, dass ich ja nichts von ihr wusste. „Um Gottes Willen, jetzt hätte ich´s fast vergessen, wie erkenne ich dich? Etwa mit einer Rose im Knopfloch?“
Fast wäre ich wieder der alte Charmeur geworden, aber ich bremste mich rechtzeitig ein.
„Keine Angst, mein Freund, das klappt schon, ich erkenne dich auf Anhieb. Zu deiner Information – wir sind in etwa gleich alt und ich komme mit einem gelben Cabrio, kannst du nicht übersehen. Servus bis morgen, ich verlasse mich auf dich Franz.“ Weg war sie.

Ich war fast nüchtern, als ich meine Stammzelle verließ und den Heimweg antrat. Es ist ein langer Weg bis nach Salzburg-Aigen. Ich hauste damals im ehemaligen Schlossgasthof, gleich hinter Sankt Virgil. Das Haus hatte schon bessere Zeiten gesehen, die ehemaligen Fremdenzimmer wurden jetzt vom Pächter an Arbeiter und jedermann vermietet. Hauptsache die Miete wurde bezahlt. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Waschbecken, das Klo am anderen Ende des Ganges. Zwei Bilder von Weltkrieg-Landsern mit Stahlhelm und "Deutschland erwache" als Text im Hintergrund. Das war nicht meine Welt, aber es war billig. Am Gang befand sich auch eine Dusche für alle Mieter, allerdings lief hier selten warmes Wasser. Beschwerden bei der Wirtin führten zu nichts. Also wurde kalt geduscht. Schönheit musste leiden. Der Blick in den Spiegel beruhigte mich, das Hemd sah passabel aus und der Trachtenjanker mit der schwarzen Hose stand mir gut. Ich sah aus wie ein Kellner im Bierzelt. Ich war zu früh am Treffpunkt vor der Erhard-Kirche und schlenderte vor den Schaufenstern einer Metzgerei auf und ab. Mein Spiegelbild im Schaufenster war verzerrt wie mein Leben. Auf einer Tafel wurde für heißen Leberkäs und kühlem Bockbier geworben. Die Rezeptoren auf meiner Zunge meldeten sofort Bedarf an. Nur jetzt nicht schwach werden, dachte ich. Leberkäs ja. Bockbier nein.

Die Entscheidung wurde mir durch den Blick auf die Zufahrtsstraße abgenommen. Ich sah ein gelbes Cabriolet mit schwarzem Faltdach langsam auf den Parkplatz zusteuern. Gespannt beobachtete ich die Dame beim Aussteigen aus dem Auto und hatte sofort eine Assoziation: Nana Mouskouri. Lange schwarze Haare, dunkle Hornbrille, weißes Kleid. Für einen Moment konnte ich nicht glauben, was ich sah. Die Frau kam schnurstracks auf mich zu und ich fing zu schwitzen an. Gezittert hatte ich vorher schon, das verstärkte sich jetzt beim Anblick dieser Frau.

„Hey Franz, schön dass du gekommen bist. Ich bin die Ilse von der TS. Fesch schaust aus, bist schon lange da?“ Soviel Lebensfreude in einem strahlenden Gesicht. Ich war baff, bekämpfte meine Unsicherheit mit einem tiefen Atemzug. Ich gestattete mir nicht, sie als Mann zu sehen. Ich nannte sie meine Fee.
„Liebe Ilse, ich sollte dir jetzt ein Kompliment machen, aber verzeih, ich bin nicht fähig, bin außer Form. Ohne Alkohol geht bei mir gar nichts, da rennt der Schmäh nicht.“
Ilse lächelte nur: „Schon okay, Franz.“
Wir gingen in ein Café, ich brauchte jetzt dringend etwas zum Schlucken, ich nahm einen starken Espresso. Das Zittern wurde eher stärker. Ein zwei Gläser klares flüssiges Obst würde alles viel leichter machen, dachte ich. Ilse bemerkte meinen sehnsüchtigen Blick zu den abgehängten Whiskyflaschen an der Bar und beruhigt mich: „Vergiss alles was war. Du darfst nervös sein, wenn wir auf das Amt gehen. Du brauchst dich nicht zu schämen wegen deines Zitterns, hier kennt man nur Alkoholiker und die meisten von ihnen schauen viel schlimmer aus als du.“

Wir wurden freundlich empfangen, es gab die üblichen Fragen. Waren sie schon einmal bei uns und wollen sie wirklich mit dem Trinken aufhören. Meine Antworten waren kurz und präzise:
„Nein, ich war noch nie hier, obwohl ich schon zehn Termine hatte. Ich habe es nicht geschafft. Und ja, ich war schon einmal in der Nervenklinik zur körperlichen Entgiftung. Nach 8 Tagen wurde ich entlassen und nach 14 Tagen habe ich weiter getrunken. Mehr als je zuvor. Das war vor fünf oder sechs Jahren. Jetzt möchte ich endlich aufhören können. Ich weiß nur nicht wie. Vielleicht können sie mir ja helfen.“
Da meldet sich Ilse zu Wort und spricht über Details und vor allem über die eigentliche Therapie, denn diese soll nahtlos nach der klinischen Entgiftung angeschlossen werden. Die Gefahr war zu groß, dass ich in einer Warteschleife im Milieu versacke.
Der Antrag wurde angenommen, ich bekam ein freies Bett in der Psychosomatik zugesagt. Das ist die Abteilung, in der freiwillig entzugsbereite Patienten betreut werden. Das war mir wichtig. Nur nicht einsperren.

Von Eisenwein

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