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Kindheitserinnerungen an eine Republikflucht

Von Schisslaweng Donnerstag 04.10.2018, 18:35

November 1960

Wie alles genau anfing, weiß ich natürlich nicht, denn ich war damals erst 8 Jahre alt.
Soweit ich mich erinnern kann, reifte der Gedanke meiner Eltern irgendwann zur Flucht, als die Probleme mit ihrer Gärtnerei überhand nahmen. Zu viele staatliche Anordnungen die sie nicht erfüllen konnten. Zum Beispiel sollte eine bestimmte Art von Gemüse der Boden hergeben, das niemals auf dieser Art von Boden wuchs, mit dem angebauten Obst verhielt es sich ähnlich.
Dazu kam die schwere Erkrankung meiner Mutter.

Ende des Jahres 1959 stellte ein Arzt aus der nächsten Kreisstadt nahe der polnischen Grenze bei meiner Mutter einen schweren Herzfehler fest, der einer Operation bedurfte. Bis zu diesem angesetzten OP-Termin sollte sie regelmäßig in der Charité in Berlin untersucht werden.
In den Sommerferien 1960 nahmen mich meine Eltern zur Seite und erzählten mir was in absehbarer Zeit passieren wird. Ich wurde auf diesen einen Tag getrimmt: Eventueller Fragen Fremder und meine Antworten wurden einstudiert. Alles wurde wie bei einem Schauspiel immer und immer wieder geprobt.
Von nun an unternahm meine Mutter mit mir und meinen sieben Monate alten Bruder der im Korbwagen lag, viele Fahrten nach Berlin ins Krankenhaus, anschließend auch zu einer älteren Dame "Frau Witt". Im Kinderwagen waren bei allen Fahrten Teile des guten Geschirr's, Tafelsilber und alles was wertvoll war und zu Geld gemacht werden konnte untergebracht. Niemanden fiel es auf , dass man Bruder ziemlich weit oben im Korbwagen lag. Die transportierten Teile wurden bei der lieben Frau Witt hinterlegt, die bis zum heutigen Tage damit verschollen ist.
Damit es nicht auffiel, dass sich etwas auf unseren Hof veränderte, wurde nach und nach mal ein Huhn geschlachtet oder ein Kaninchen, denn meine Eltern wollten so wenig wie möglich von den Tieren zurücklassen. Am schwersten fiel es glaube ich meinen Vater, seine geliebte Aster, einen Schäferhund zurück zu lassen. Diese Entscheidung wurde ihm dann von Amtswegen abgenommen. Eine Kundin, bei der meine Eltern immer schon stöhnten, wenn sie mit dem Fahrrad in den Hof einfuhr, hatte unsere Aster wieder einmal so sehr gereizt, dass sie sich von der Kette, an der sie zu den Öffnungszeiten der Gärtnerei festgemacht wurde, losgerissen und der Kundin in die Hand gebissen hat. So wurde unsere Aster nur ein paar Tage später abgeholt, und wir sahen sie nie wieder.
Den Ziegenbock verkauften meine Eltern, angeblich weil er zu bösartig wurde, auf dem Markt, nur die 2 Ziegen blieben auf der Weide. Nach und nach wurden auch die Schafe geschlachtet, der Kaninchenstall war schon bald leer, nur ein paar Hühner waren noch auf dem Hof.
Das Jahr war fast schon herum, wir hatten Herbst und der Termin der OP stand für Anfang Dezember fest.
In den vergangen Wochen hörte man immer wieder von Verhaftungen in der Stadt, von Beschlagnahmungen von Gütern, die Republikflüchtlinge zurückgelassen hatten. Es lag eine angstvolle nervöse Spannung in der Luft.
Anfang November 1960 hatte ich bei einer Untersuchung beim Zahnarzt in der nächsten Kreisstadt meine erste Zahnplombe verpasst bekommen und einen Kontrolltermin in zwei Wochen. Dieser Tag gab den Ausschlag, dieser Tag sollte Tag X werden.
Es war ein Freitag, ein Tag, an dem meine Eltern immer ihren Stand auf dem Markt eröffneten, diesmal würde mein Vater ihn allein aufstellen. Es war ein ganz normaler Arbeitstag, an dem auch ich in die Stadt zur Schule musste. Die Zahnarztpraxis lag am Rande der Stadt, so war es ein guter Grund, dass meine Mutter und mein Bruder mich von der Schule abholten und zum Zahnarzt begleiteten.
Alles in bester Ordnung.
Wir verließen die Praxis, und liefen dann Richtung Stadtausgang, immer der Landstraße entlang, immer weiter weg von der Stadt, bis wir ein dichtes, hohes und breites Gebüsch erreichten. Dort verstecken wir uns, damit wir von der Straße aus nicht gesehen werden konnten und warteten auf meinen Vater. Nicht lange darauf kam mein Vater mit dem Lieferwagen, es war ein so genanntes "Dreirad" angerattert.
Die Ladefläche war am Abend zuvor mit leeren Obst- und Gemüsekisten präpariert worden. Eine Art Höhle hatte er für mich gebaut, mit vielen Decken gegen die Kälte. Um diese Höhle waren die Kisten zusammen genagelt und nur die oberen und vorderen Kisten waren für den Markt mit Gemüse vollgepackt gewesen. Da hinein kletterte ich nun, noch einmal vorher herzlich gedrückt von meinen Eltern. Aus einer Ritze sah ich, dass der Kinderwagen auch noch auf die Ladefläche gehoben wurde. Dann ging die Fahrt los.
Der Name der Stadt, die unser nächstes Ziel war, ist mir entfallen, weiß nur, dass sie zwischen Forst/Lausitz und und Berlin lag. Auf dem leeren verlassenen Schulhof auf dem wir fuhren, wurde das Auto abgestellt und ich aus meiner Kistenhöhle befreit. Der große Koffer wurde hinter einer Kiste hervorgeholt und auch ein Adventskranz kam zum Vorschein. Auf meine Frage, man könnte das Auto doch entdecken, bekam ich die Antwort: „Der Hof gehört zu einer Blindenschule und es ist Wochenende und niemand da.“ Wir gingen dann zum Bahnhof dieser Stadt und fuhren Richtung Berlin weiter.
Wenn ich mich recht erinnere zum Bahnhof Berlin Zoo. Dort standen wir dann, genau in der Mitte und warteten auf einen einfahrenden Zug nach Osten. Aber nein, wir wollten nicht nach Osten, wir wollten in den Westen, nach Westberlin.
Alles war auf einer Lüge aufgebaut: Meine Mutter wolle sich in Berlin am Herzen operieren lassen, wir Kinder und mein Vater verbringen die Zeit bei meinen Großeltern in Potsdam.
Wir hatten den Koffer dabei, der enthielt nur etwas Bekleidung für meinen Bruder und für mich, die Kulturtasche meiner Mutter und was man sonst noch so braucht für einen Krankenhausaufenthalt. Eine zusätzliche Tasche war noch gefüllt mit ein wenig Spielzeug und ein paar Kinderbücher. Über dem Kinderwagen lag ein Adventskranz, der sollte für meine Großeltern sein, da der kommende Sonntag der 1. Advent war. Unter meinem Bruder waren Fotoalben verstaut und im Inlett des Korbwagens waren alle wichtigen Papiere und Dokumente eingenäht.
Beide Züge nach Ost und West liefen gleichzeitig ein. Mein Vater durfte nicht mit in den Wagen für "Mutter und Kind", er musste in einen anderen Wagen einsteigen. Ein Vopo war sehr freundlich und half meiner Mutter mit dem Kinderwagen, und stieg mit in das Abteil mit ein. Er fragte nichts, aber er schäkerte mit meinem Bruder, der ein aufgewecktes Kerlchen war. An der nächsten Station stieg der Vopo aus und meine Mutter brach vor Erleichterung in Tränen aus.
Die Erinnerung lässt mich im Stich, ich weiß nicht mehr ob wir direkt durchfuhren oder nochmal umsteigen mussten, jedenfalls war es mittlerweile sehr dunkel geworden, teilweise regnete es. Irgendwann stiegen wir aus dem Zug aus, jemand half meiner Mutter mit dem Kinderwagen, mein Vater kam dazu und umarmte uns alle. Wir überquerten eine sehr breite und lange Straße, die weihnachtlich geschmückt war, alles glitzerte und glänzte, denn der Regen verstärkte diesen Glanz  noch. Wir waren im Westen angekommen. Aufnahmelager Marienfelde.
Ich kann mich nur noch schwach erinnern, denn der Tag war lang und anstrengend gewesen, eine Uhrzeit erreicht, in der ich normalerweise schon im Bett lag und schlief:
Wir standen vor mehreren hohen Gebäude mit vielen erleuchteten Fenstern. In einem Flachdachgebäude, der Eingang mit Glastüren. Ein Vorraum mit abgeteilter "Anmeldung". Mein Vater sprach mit der Frau, die hinter der Glasscheibe mit dem Sprechtürchen saß. Dann wurden wir eingelassen. Meine Eltern mussten sehr viele Papiere ausfüllen. Eine Frau kam, nahm diese Papiere an sich und erklärte meinen Eltern was weiterhin geschehen wird. Sie geleitete uns viele Gänge entlang und führte uns in einen Untersuchungsraum. Dort erwartete uns ein Arzt, der uns untersuchte, anschließend wurden wir aufgefordert uns ganz zu entkleiden, wurden mit einem Pulver von oben bis unten bestäubt, selbst mein kleiner Bruder wurde nicht verschont. Dann erhielten wir Decken, Bettzeug, sowie Handtücher und wurden wieder über lange Gänge zu einem Zimmer geführt.
Es war unbeschreiblich, es war herrlich! Ein Zimmer für uns ganz allein, so mollig warm und anheimelndes Licht. Zwei Doppelstockbetten, ein Tisch mit vier Stühle und ein Waschbecken. Eine nette rundliche Frau kam, und brachte uns etwas zu Essen und zu Trinken. Ich erhielt den ersten Saft in einem Trinktütchen. Ich glaube, ich bin schon am Tisch total überanstrengt und übermüdet eingeschlafen.
Einige Tage später wurden wir mit vielen anderen mit einem Bus zum Übergangslager Tempelhof gefahren. Dort verbrachten wir einen Teil der Adventszeit.
Es war für mich als Kind eine aufregende Zeit. Zum Nikolausabend liefen wir Kinder, wir waren eine ganze Horde, über viele Treppen, sangen Advents- und Weihnachtlieder. Eines ist mir besonders in Erinnerung geblieben, ich hörte es zum ersten Mal, es hat eine so anrührige Melodie: " Es ist ein Ros entsprungen... „
Als ich eines Tages über den großen Innenhof lief hörte ich eine wunderschöne Männerstimme mit einfallenden Chor singen. Ich ging dieser Stimme nach, bis ich vor einer großen, schweren Holztür stand, mühsam ließ sie sich öffnen. Ich quetschte mich durch den Spalt hindurch und stand in einem kirchenähnlichen, aber kleine und eher düsteren Raum, mit wunderschönen hohen bunten Fenstern. Dichtgedrängt saßen Menschen auf Bänke, vor ihnen stand ein Mann mit grauen langen Bart und einer hohen schmalen Mütze, er war wahrhaft königlich gekleidet. Neben ihm standen zwei Männer, nicht minder glänzend anzusehen, die silberne Gefäße schwenkten aus denen grau/weiße Schwaden entwichen, die merkwürdig rochen. Leise setzte ich mich auf die letzte Bank, die gleich neben der Tür stand und hörte fasziniert zu.
Da ich nicht vermisst wurde, erzählte ich niemanden was ich wunderbares gehört und gesehen hatte, denn ich war mir auch nicht sicher, ob man mich nicht ausschimpfen würde. Irgendwann in meinem Leben wurde mir klar, dass ich damals in einer griechisch-orthodoxen Kapelle gewesen war.
In diesem Übergangslager waren wir mit einer Familie aus Sachsen in einem Raum untergebracht. 4 Erwachsene und 4 Kinder. Zum Leidwesen meiner Mutter erlernte ich dieses "singende" Sächsisch viel zu schnell und sang mit den Kindern um die Wette.
In der vorletzten Adventswoche erhielten meine Eltern die Bestätigung, dass wir noch in der letzten Adventswoche ausgeflogen werden sollten, aber nur, wenn wir alle kerngesund waren. Was fraglich wurde, da eins der Kinder an einer Kinderkrankheit erkrankte.
Aber wir hatten Glück, während die andere Familie zurückbleiben musste. Wir wurden nach Frankfurt am Main ausgeflogen und fuhren von dort mit der Bahn zum nächsten Flüchtlingslager.
Rastatt wurde für einige Zeit unsere neue Heimat. Untergebracht in gemütlich hergerichteten dunkelbraunen Holzbaracken mit Bollerofen. Hier ging ich auch zum ersten Mal im Westen in die Schule, und las in dem Lesebuch der Schule das erste Mal über die Bremer Stadtmusikanten. Hier feierten wir unser erstes Weihnachtsfest im Westen. Wir Kinder wurden beschenkt mit Care-Paketen von den Amerikanern. Ich aß meine erste Apfelsine.
Den Raum in der Holzbaracke teilten wir uns mit einem Ehepaar die einen schon fast erwachsenen Sohn hatten. Sie wurden Familien-Ersatz, Tante Herta und Onkel Heinz und wohnten später in Mannheim ganz in unserer Nähe.
Im Frühjahr siedelten wir nach St. Ilgen um, hier wartete ein Wohnheim auf uns. Aber endlich mit einem Raum nur für uns ganz alleine, mit einer Großraumküche für alle Bewohner.
Von Einheimischen ungern gesehen, aber gerne als billige Arbeitkräfte für die Spargel- und Erdbeerernte in Anspruch genommen. Meine Eltern bekamen ein kleines Entgelt und wurden überwiegend mit geernteten Materialien bezahlt. Der Tisch war täglich reich gedeckt an Obst und Gemüse. Aus dieser Zeit stammt meine Abneigung gegen Erdbeeren und Spargel. Die sich nach einer Abstinenz von ca. 15 Jahren wieder etwas gelegt hat.
Zu meinem 9. Geburtstag, den wir noch im Lager feierten, bekam ich die heiß gewünschten Rollschuhe, mühsam vom Munde meiner Eltern abgespart.
Es gab ein Gerücht, es ging um Patenschaften, damit würde man schneller eine festen Arbeitsplatz und eine Wohnung finden.
Es war kein Gerücht.
Er war ein gütiger Pensionär, der uns jahrelang unter seine Fittiche nahm. Meine Eltern bekamen sehr schnell eine Arbeit und fanden ein schöne angemessene Wohnung. Beides befand sich in einer aufstrebenden Kleinstadt in Baden-Württemberg, die Bevölkerung war überwiegend katholisch.
Noch schlimmer, wir waren unter Deutschen und verstanden trotzdem kein Wort.
Ein schwerer Start.
Schisslaweng

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