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Eine kleine Liebesgeschichte

Nach 18 jähriger Witwenzeit lernte meine Mutter einen liebenswerten Single aus dem Sudetenland kennen. Dieser wurde durch die Heirat dann mein Stiefvater. Im Juli 1959 organisierte er eine Landmannschaftstreffen in Darfeld, heute Rosendahl (Münsterland, Kreis Coesfeld). Zu diesem Treffen im Juli 1959 waren mein Bruder Wolfgang (17 ) und ich (19) auch eingeladen.

Viele, für uns Unbekannte, ältere und jüngere Menschen, trafen hier zusammen. Am Abend war Tanz angesagt. Auffallend war an einem Tisch eine lange Schlange junger Männer. Na klar, da saß - SIE - super blonde Haare, tolle Figur, eine tolle Ausstrahlung, SIE trug einem Engel gleich, ein weißes Kleid mit vielen Petticoats darunter und wartete auf den nächsten Tanz und den nächsten Tänzer. Sie tanzte immer nur einen Tanz. Dann kam der nächste dran. Sollte ich mich jetzt anstellen oder? Nein, ich konnte warten. Solange bis SIE mal eine Pause machte und Kartoffelsalat mit Würstchen aß. Die Schlange der jungen Männer war nicht mehr da und das war meine Chance. Also: „Darf ich bitten“! „Ja gerne es kann ja nichts kalt werden“.

Tanzen war für mich das größte Hobby und ich war Vortänzer in einem Tanzclub. SIE tanzte wie eine Feder, leichtfüßig und beschwingt, taktvoll und rhythmisch. SIE lag in meinen Armen, ließ sich wunderbar führen. IHRE Augen glänzten wie Diamanten, strahlten Freude und Zufriedenheit aus. „ Woher kommen Sie?“ war meine Frage. „Ich komme aus Duisburg, bin mit meiner Mutter und meinem Bruder hier und Sie?“ „Aus Coesfeld , bin mit meiner Mutter, meinem Stiefvater und meinem Bruder hier.“ „ Ach so“. „Sie tanzen aber wirklich gut, darf ich fragen seit wann“? „Seit einem Jahr, bin Vortänzerin in einem Duisburger Tanzclub“. Na so was, das trifft sich ja gut, dachte ich bei mir. Es folgte dann noch ein zweiter Tanz mit IHR.

SIE war in der Lehre als Zahnarzthelferin und ich war zu der Zeit Gärtnerlehrling. Mehr erfuhren wir in der kurzen Zeit nicht von einander. Leider war der Tanz viel zu schnell zu Ende. SIE aß dann Ihren kalten Kartoffelsalat und schon war der nächste dran. Nach ungefähr einer halben Stunde fragte ich meinen Bruder: „Ist Dir auch so langweilig hier? Lass uns nach Hause fahren“! Es war gegen 22.30 Uhr. Der nächste Zug fuhr 22.45 Uhr. Enttäuscht und müde schliefen mein Bruder und ich an diesem Abend ein.

Nachts gegen 2.45 Uhr kamen meine Mutter, der Stiefvater, ein Bekannter meines Stiefvaters und ein junges Mädchen vom Treffen mit dem Taxi nach Hause. Ich weiß es deshalb so genau, weil meine Mutter mich dann weckte und sie meinte: „Du musst gegen 5.00 Uhr aufstehen und die junge Dame zum Bahnhof bringen, mit der du gestern Abend 2x getanzt hast, die mit dem weißen Kleid, den vielen Petticoats und den blonden Haaren. Die haben wir mitgebracht, weil sie mit dem Zug um 5.40 Uhr von hier aus nach Duisburg fahren muß“ Ach so?!? „ Die kann alleine laufen oder mit wem auch immer. Die hat mich genug geärgert, habe ja nur 2x mit ihr tanzen können“. Also ehrlich, schlafen konnte ich ja auch nicht mehr. Aber so früh aufstehen und zur Bahn bringen, das hatte SIE ja nun auch nicht verdient. Dann hörte ich um 5.00 Uhr den Bekannten meines Stiefvaters in der Küche flüstern. SIE im Badezimmer sich richten und die Haustür gegen 5.20 Uhr zufallen. Das war´s dann.

Es war Montagmorgen. Gärtnerlehrling im Gewächshaus. Unkraut jätend, Nelken ausbrechend und viele, viele Gedanken verschwendend an gestern Abend und vergangene Nacht. SIE war so hübsch, SIE hatte so eine tolle Stimme, diese strahlenden Augen, ihre blonden Haare, ihr süßer Mund, das fröhliche Lachen, SIE konnte doch so verdammt gut tanzen und überhaupt hatte alles so gut gepasst.
An diesem Montag habe ich mich von Stunde zu Stunde mehr gehasst. Wie dumm muss man sein, solche Gelegenheiten ein Mädel näher kennenzulernen, nicht wahrzunehmen ? O.K. das war vorbei! Mein Unterbewusstsein arbeitete Tag und Nacht weiter. Träumte von den tollsten Dingen und ließ es einfach nicht zu, SIE zu vergessen. So ging das 2-3 Wochen. Selbstvorwürfe, Schuldgefühle, warum hast du dich nicht getraut, wieso hast du diese Gelegenheit nicht genutzt? Wie und wo kann ich SIE nur wieder treffen?

Dann kam der Gedankenblitz. Der Abschlussball am 30.8.1959 von unserem FF-Tanzkurs in Coesfeld. Das wär´s doch. SIE als Tanzpartnerin. SIE als Balldame. SIE an meiner Seite. Ach und überhaupt SIE! Soll ich SIE einladen? Ob SIE wohl kommt? Kann SIE sich denn noch an mich erinnern? Ach ich hab ja nicht mal eine Adresse von IHR. Am Abend des 13. August 1959 kam mein Stiefvater früher von der Arbeit nach Hause. Er verwaltete als Schriftführer die Adressen der Sudetendeutschen Landmannschaft. „Du Ferdi, hast du die Adresse von dem Mädel aus Duisburg, die vor kurzem bei uns übernachtet hat?“ „Wieso, was willst du denn damit?“ „Die möchte ich gerne einladen zum Abschlussball als Tanzpartnerin und Balldame“. „Na gut, die kann ich dir geben. Aber die wohnt in einer Großstadt und hat bestimmt einen Freund und wenig Zeit“. „Aber fragen kann ich SIE doch, oder?“ „Von mir aus. Hier ist die Adresse. Aber eines will ich dir sagen: „SIE ist ein Mädel von uns. Wenn SIE nicht kommt lass es gut sein. Wenn SIE aber kommt, dann wirst du SIE nicht mehr los“. Das war der Originalton meines Stiefvaters. Diese Worte höre heute noch.

Also schrieb ich mit Herzklopfen und großer Erwartung am 13.8.1959 meine Einladung. Ob überhaupt eine Antwort kommt? Na, dann kam schon nach 4 Tagen die Antwort, heee nach 4 Tagen, ich konnte es kaum glauben. Datiert vom 16.8.1959 und SIE kommt! Juchuhhhhhh SIE kommt!!! SIE kommt am 29.8.1959 um 20.10 Uhr mit dem Zug. Ich darf SIE abholen. Es war Samstagabend 20.10 Uhr am Bahnhof. Herzklopfen, Schweißperlen auf der Stirn, in der rechten Hand eine rote Rose. Gedanken rasten hin und her, die Spannung stieg.

Endlich hielt der Zug mit einem lauten Ruck. Türen öffneten sich, Menschen strömten mir entgegen. Mit und ohne Gepäck. Der Zug hatte 9 Waggons. 9,- 8,- 7, -6, -5, ich glaubte es nicht, SIE war es wirklich. Aus dem 4. Wagen stieg SIE langsam aber sicher aus. Kam näher und näher. Ich stand da, wie angewurzelt. Ihre Augen strahlten, Ihr Mund lächelte mir entgegen. Dann stand SIE vor mir. „Hallo und Guten Abend Fräulein A., herzlich willkommen. Schön, dass Sie da sind“, stammelte ich und vergaß vor lauter Aufregung ihr die Rose zu überreichen. SIE schaute verlegen und bedankte sich. „Das war aber nicht nötig, wie geht es Ihnen und Ihren Eltern?“ wollte SIE wissen.

Die wenigen Worte und Sätze, die wir auf dem Weg nach Hause austauschten, konnten wir zählen. Alles war so förmlich, so nichts sagend. Meine Gedanken rasten. Wie konnte ich jetzt Zeit gewinnen. Normalerweise brauchte man circa 20 Minuten bis nach Hause. Mich störte einfach, dass wir uns per SIE ansprachen. Da plötzlich bog ich nach links ab und wählte den längeren Weg durch unseren Stadtpark. Mindestens 20 Minuten länger. Es war ein lauer Sommerabend, die Dämmerung brach ganz langsam herein und neben mir das schönste und liebste Wesen auf der Welt. „ Ach könnten wir hier eine kleine Pause machen, der Koffer ist doch ganz schön schwer“ bat ich SIE an der vierten Parkbank. SIE schaute mich lächelnd an, setzte sich rechts neben mich und dann war da ein großes Schweigen. Also jetzt oder nie! Ich nahm Ihre schlanken Hände, ohne Widerstand, und erklärte Ihr: „Heute ist mein glücklichster Tag. Ich freue mich riesig, dass SIE gekommen sind. Was denken SIE, sollten wir beide nicht DU zu einander sagen?“ SIE rückte kurz zur Seite, schaute mich etwas erschrocken an und antwortete dann ganz spontan: „Also gut, ich bin die Waltraud“. „Mein Name ist Burchard, freut mich Waltraud“.

Dann schauten wir uns ganz lange und voller Sehnsucht in die Augen. Jeder von uns spürte ein heißes Verlangen. Der Mond kam ganz langsam hinter dem Rhododendronbusch hervor. Ich glaube es war Halbmond. Dann spürte ich nur noch einen leichten Atemzug, einen Duft von Lavendel und plötzlich samtweiche Lippen auf den meinen. Eng umschlungen hielten meine Arme ihren Körper fest und fester. Leidenschaftlich und innig küssten wir uns immer und immer wieder. Dieser Moment sollte nie vergehen! Bis wir beide, fast atemlos, und überglücklich aufsprangen und feststellten: Es ist ja schon 21.30 Uhr. Also dann aber schnell. In der linken Hand den Koffer, im rechten Arm den Traum meines Lebens.

So kamen wir überglücklich zu Hause an. Mit einem fröhlichen Hallo wurde meine süße Wally von meiner etwas skeptischen Mutter und meinem Stiefvater herzlich begrüßt. Das kleine Abendessen mit einigen Fragen zum morgigen Sonntag endete mit einer allgemeinen gute Nachtsage. Das Gästebett stand schon bereit und wartete. Nach unendlichen 10 Minuten Badezimmer kam SIE dann und huschte an mir vorbei. „Aber ich sag dir noch gute Nacht“ hauchte ich. Es ist nicht zu glauben. SIE lag nun hier und ich saß bei IHR auf der Bettkante. Ganz fest hielt ich Ihre linke Hand, streichelte Ihre samtweichen Haare aus der Stirn. Dann zog SIE mich zu sich herunter und wir küssten uns inbrünstig und mit tiefer Leidenschaft. Ein kräftiges Klopfen an der Tür und ein lautes und deutliches „Nun ist es aber Zeit zum Schlafen“ von meiner Mutter, weckte uns aus unseren Träumen. Also dann „Schlaf gut mein süßer Engel, bis Morgen und träum was Schönes“.

Sonntag der 30.8.1959 verlief in einer ganz gewohnten Weise. Frühstück um 9.00 Uhr, Mittagessen um 12.00Uhr, gemeinsames Spazierengehen am Nachmittag, dann Abendbrot um 18.00 Uhr. Doch an diesem Sonntag war eine Person mehr da. SIE war da. Ganz nah bei mir. Fröhlich, strahlend und ein wenig schüchtern.

Endlich war der Abend angebrochen und ich hatte SIE für mich ganz alleine. Umziehen, schminken, Aufregung mit dem Ballkleid, dann noch die Haare und ich war auch mit allem fertig. 19.30 Uhr verließen wir beide das elterliche Haus und gingen überglücklich Arm in Arm zu unserem ersten gemeinsamen Ball. Stolz und innerlich sehr angespannt betraten wir beide den Tanzsaal. Alle Tänzer und Tänzerinnen schauten auf uns. Es war wie ein Spießrutenlaufen. IHR machte es inzwischen sichtlich Spaß. SIE hielt mich ganz fest an der Hand, lächelte hier und winkte dort bis wir endlich an unserem Tisch angekommen waren. Hier wartete schon mein Freund Hans auf uns. Eine kurze, herzliche Begrüßung und dann wurde dem Hans eine Tischdame vom Tanzlehrer zugeteilt. Es lief alles ab, wie im Film. Die ersten Tänze mit meiner „neuen“ Tanzpartnerin, meinem süßen Engel, meiner leichten Feder und überhaupt. Es lief alles so toll. Ich war das erste Mal so richtig verliebt. Zwischendurch tanzte SIE auch mal mit Hans. Warum eigentlich? Da spürte ich recht bald, wie eine Art Eifersucht in mir hochstieg. Also tanzte ich nur noch mit IHR. Überglücklich, zufrieden und eng umschlungen bewegten wir uns im Rhythmus der wunderschönen Tanzmusik. Auf dem Nachhauseweg scherzten wir miteinander, küssten uns, umarmten uns und schmiedeten Pläne für unsere Zukunft.

Es ging alles so schnell. Aber auch so schnell vorbei. „Sag mal mein süßer Engel, wie stellst Du Dir denn nun unsere Zukunft vor?“ fragte ich ganz nüchtern. „Das werden wir dann sehen, aber sicher mit Dir zusammen“ war ihre spontane Antwort. Unbedingt war jetzt der Zeitpunkt gekommen, um IHR etwas zu gestehen. Schon den ganzen Abend wollte ich es IHR sagen. „Du Liebes, sag das doch noch mal, hab ich Dich richtig verstanden, mit mir zusammen in die Zukunft? Komm lass Dich ganz fest drücken. Ich lass Dich nie mehr los. Halt mich ganz fest! (Nach einer längeren Pause) Ich muss Dir aber jetzt etwas sagen und das fällt mir sehr, sehr schwer. Unsere Zukunft kann erst im April 1961 beginnen, in vier Wochen, am 1. Oktober komme ich zur Bundeswehr. Ganz weit weg. Meinst Du, Du kannst so lange warten? Das sind volle 18 Monate!“ Jetzt war es raus. Sie drückte mich noch fester an sich und sagte nur: „Dann warte ich auf Dich“! Das war alles. Ich konnte vor lauter Glück nichts mehr sagen. Ein paar Tränchen kullerten über meine Wangen. Alles drehte sich bei mir und ich spürte nur noch Ihre süßen Lippen.

Wie wir beide nach Hause kamen, das wusste ich schon gar nicht mehr. Es war gegen 3 Uhr morgens. SIE lag schon in Ihrem Gästebett, noch einen lieben Gutenachtkuss und dann war dieser wunderschöne Tag und Abend vorbei. Überglücklich, verliebt und doch innerlich so aufgewühlt konnte ich lange nicht einschlafen. SIE fuhr dann am anderen Morgen wieder nach Duisburg.

Ich ging meiner Arbeit in den Gewächshäusern nach und konnte nur noch eines denken: wie halte ich es nur ohne SIE aus. Ganz einfach. In 18 Monaten schrieb ich 628 Briefe, bekam 442 Antworten, sahen uns in den 18 Monaten nur 4mal persönlich über ein Wochenende und verlobten uns am 26.12.1960. Die Hochzeit war am 24. August 1962 im Standesamt in Duisburg und einen Tag später am 25. August 1962 die kirchliche Trauung in der St. Ludgeri Kirche, ebenfalls in Duisburg. In diesem Jahr sind wir nun schon 54 Jahre verheiratet und immer noch verliebt, so glücklich wie nie zuvor, und freuen uns auf jeden neuen Tag.

Autor: Teddy64

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