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Der leise Gast

Es war die kalte Zeit. Draußen war alles grau. Die Äste an den Bäumen zeigten sich kahl und starr. Blätter lagen auf dem Boden in der parkähnlichen Landschaft.


Sie war aufgestanden, reckte die Glieder, ging zum Fenster und sah in den Park, der gleiches fahles Bild in ihr weckte. Sie seufzte, sah das Licht da draußen. Ja, ein wenig Licht, das tat gut.


Jetzt saß sie am Frühstückstisch, so ganz allein. Einmal, da waren sie zu zweit gewesen. Ja, es war schon einige Zeit her als der Morgen zu zweit gemeinsam begonnen hatte.


"Zünde dir eine Kerze an", hatte immer die Schwester gesagt, "das gibt Wärme und beruhigt. Schaue in ein Licht, das ist wie in sich selbst etwas zu entflammen."


Aus dem Radio ertönte ein englischer Song. Das man nicht Deutsch singen konnte. Eine Stimme sagte die Zeit an. Es kamen Nachrichten wie jeden Morgen. Es war heute später als sonst. Sie wusste es würde heute ein trüber Tag, jetzt regnete es noch dazu. Sie fühlte sich mutlos, öffnete das Fenster und atmete tief.


Es klingelte an der Wohnungstür. Sie öffnete, die Nachbarin hatte Post für sie empfangen und überbrachte ihr einen Brief von der Freundin.


Freude überfiel sie und doch hatte sie zugleich Herzklopfen. Was mochte sie schreiben? Gute Nachrichten? Ja, viele Jahre verbanden sie miteinander. Zusammen waren sie in die Schule gegangen. Dann ging jeder seinen eigenen Weg. Dann folgten Heirat und Kinder. Viel später begegneten sie sich wieder, nachdem sie alleine geblieben waren. Ihre Partner hatten sie verloren und sie hatten heute ein herzliches Verhältnis. Sie, die Freundin Angelika, konnte sie immer aufmuntern. Ab und an sahen sie sich.


Sie hatte den Brief genommen, bedankte sich und streichelte ihn. Es war wie ein Besuch, ein Blumenstrauß, gerade heute. Manchmal telefonierten sie auch. Doch nun hatte sie geschrieben. Sie hob den Brief auf. Beim Kaffee am Nachmittag wollte sie ihn erst lesen bei einer Kerze; denn es war ein Geschenk, etwas Kostbares, dass Ehre bedurfte. Ein leiser Gast war zu ihr gekommen.


Dann beim Kaffee und leiser Musik, eine Kerze gab ein zartes Licht, hatte sie es sich auf ihrem Sessel gemütlich gemacht und öffnete diesen Brief. "Ich wäre so gern bei dir", schrieb die Freundin und erzählte ihr von vielem aus der Welt. Wie es draußen aussah, sie liebte ja so sehr die Farben, was sie so machte und erlebte.


Ja, es war heute Besuch gekommen. So ein lieber Gast. Sie las den Brief immer und immer wieder. Sie konnte ihn weglegen und ihn immer wieder hervorholen, wann immer sie es wollte. Sie war so froh und es ging ihr viel besser.


Sie öffnete das Fenster. Die Sonne zeigte sich ein wenig und streichelte ihr Gesicht. "Ja bald sei Frühling", hatte die Freundin geschrieben und sie würde sie besuchen. Sie würden zusammen ein Konzert hören und viel gemeinsame Zeit verbringen.


Ja, es war ein guter Tag geworden und er gab ihrer Zeit ein Gesicht.

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