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Der Hahn Jockel


Diese Geschichte hat mir meine Mutter erzählt, sie soll sich wirklich so zugetragen haben, als es noch glückliche Hühner gab.Hahn Jockelwar der König und absolute Herrscher in seinem Hühnerharem. Äußerst attraktiv mit prachtvollem knallrotem Kamm, ebensolchem Kehllappen und einem überaus bunten Federkleid, brachte er tagtäglich die gackernde Hühnerschar in wilde Aufregung. Widerspruch duldete er nicht, er erledigte mit großem Pflichtgefühl die Dinge, die ihm von der Natur vorgegeben waren. Diesbezüglich war er unermüdlich und gerecht verteilte er seine Hahnentritte.

Natürlich hatte er ein Lieblingshuhn, welches er mit besonderer Hingabe umwarb, dass die anderen gefiederten Damen bisweilen gelb vor Neid wurden.Die Geflügelten hatte ihren streng abgegrenztes Areal auf dem Bauernhof meiner Großmutter,welches sie ohne großes Gegacker respektierten. Die Hühnerschar des Nachbargehöftes wurde geflissentlich ignoriert, ja,man übersah sie aus Überzeugung. So wohnten zwei unterschiedliche Völker friedlich scharrend nebeneinander und würdigten sich keines Blickes. Und dennoch weckten die attraktiven Hühner des Nachbarn mit ihrem warmen brünetten Federkleid die Begehrlichkeit von Hahn Jockel. Meine Hühner sind alle weiß und ein bisschen Farbe könnte meinem Nachwuchs sicher nicht schaden, so dachte er wahrscheinlich und begab sich an die Geflügelarealgrenze, wo er sich sehr auffällig benahm. Er spreizte seine Flügel, reckte den Hals, blähte seine Hahnenbrust, und das mit einem leichten Tremolo ausgestoßenes Kikeriki ließ er mehrmals über das ganze Tal erschallen. So aufgeblasen, kunstvoll tänzelnd und mit vielen Verbeugungen stolzierte er dem imaginären Grenzzaun entlang. Sowas blieb natürlich nicht unbemerkt bei den braungefiederten Damen des Nachbarn. Sie taten aber so, als könne er sie überhaupt nicht beeindrucken, gingen gleichmütig ihrer Futtersuche nach, scharrten und pickten eifrig, was auf dem kargen Boden zu finden war.

Aber eine der Damen, nennen wir sie Jolante, sandte offensichtlich Signale der Sympathie an unseren Jockel, näherte sich mit Bedacht, wahrte anfänglich aber penibel die Individualdistanz. Die beiden beäugten sich eine Weile. Mir ist natürlich nicht bekannt, zu welchen Aussagen Hühnerblicke befähigt sind, aber sie mussten vielversprechend und verlockend gewesen sein.Auf jeden Fall hatte Hahn Jockel ab sofort keine Lust mehr, seine lieben "Leibeigenen" zu beglücken. Denen war das ganz recht, wie es schien, schließlich war Herbst und da wechseln Hühner während der Mauser bekanntlich ihre fedrige Garderobe und sowas ist anstrengend genug. Er zeigte auch für sein Lieblingshuhn kein Interesse mehr, was diese vermutlich erleichtert hinnahm.Kurz, Jockel war in heftiger Liebe zur Nachbarhenne Jolante entbrannt. Vermutlich beruhten diese Gefühle auf Gegenseitigkeit, denn von nun an trafen sich Jockel und Jolante täglich an der imaginären Grenze, und fühlten sich wahrscheinlich wie die zwei Königskinder, wollten sich aber mit deren, in dieser berühmten Volksballade überlieferten Schicksal nicht abfinden.

Der Beweis, dass Liebe Grenzen überwindet wurde angetreten, es war ein kurzer Prozess. Von nun an hatte meine Oma zu ihrer weißen Hühnerschar noch eine wundervolle brünette Henne, die obendrein sehr legefreudig war.

©SUESeufz, es gibt sie also, die wahre Liebe.

Autor: Crearte

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