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Der Flaschensammler

Frohe Weihnachten und guten Rutsch, hörte ich von allen Seiten. Das klang wie ein Hohn.
Als Irene mich verlassen hat, ging auch mit meiner Firma den Berg runter. Es war mir alles zu viel. Die Auseinandersetzung mit den Banken, die Behördengänge und auch die Scheidung. Ich habe schnell den Überblick verloren und fühlte mich hintergangen, von der Person, der ich am meistens vertraute.
Heute, am Samstag, den 23.12.17, stehe ich vor dem Einkaufszentrum Loom in Bielefeld. Noch vor einer Woche wusste ich nicht, dass es Bielefeld gibt. Es ist hart, auf der Straße zu überleben. Hier gelten eigene Regeln.
Ein eisiger Wind huscht durch die Straßen. Die bauschigen Schneeflocken kleben an meinen Haaren. Ich friere erbärmlich.

Nur wenige vermummte Passanten sind noch anzutreffen. Vielleicht noch schnell ein Geschenk zu besorgen? Laut Kalender ist der Heiligabend schon am morgigen Sonntag.
Bald schließen die Geschäfte zu. Die Budenbesitzer räumen schon langsam auf. Auch Günther. Der wird mir nicht mehr ein Punsch zum Aufwärmen anbieten. Er ist auch ein guter Zuhörer. Nur eines konnte er nicht verstehen, wie ein gebildeter Mann wie ich, so tief abstürzen kann? Ja, ich auch nicht.

Jetzt, gegen Abend ist noch kälter geworden. Die frostige Kühle erfasst meinen ganzen Körper, dringt bis zum Knochenmark. Ich nehme meinen Rucksack und gehe Richtung Jöllenbecker Straße. In der Nähe des Nordparks habe ich seit einigen Tagen eine gemütliche Bleibe gefunden.
Noch einen Blick werfe ich auf die festliche Beleuchtung. Eine erwartungsvolle zauberhafte Stimmung ergreift mich. Eine Kindheitserinnerung? Vielleicht?
In Gedanken versunken erreichte ich eine Bushaltestelle und machte Pause. Die vielen bunten Plakaten sind nicht zu übersehen. Eine Ankündigung des Stadttheaters über Mozarts Zauberflöte am 26.12.2017 erregte meine Aufmerksamkeit. Ich setzte mich in die Ecke und träumte von einem Theaterticket.

Plötzlich hörte ich schlürfende Schritte auf dem Schneematsch. Ich drehte mich um. Ein Mann von stattlicher Statur und stark nach Alkohol riechend begrüßte mich freundlich. Der Fremde setzte sich neben mich und zog seine Kapuze runter. Ich sah sein stark gerötetes Gesicht.
„Na, auch so spät unterwegs, auch nach Hause?“, fragte er lallend.
„Hm, ja“, antwortete ich unwillig.
„Normalerweise fahre ich kein Bus, aber heute... da wird in jedem Betrieb gefeiert“, grinste er schelmisch und zog aus der Seitentasche des Anoraks einen Flachmann.
Dabei fiel ihm die Fahrkarte aus der Tasche heraus. Ich machte ihn noch aufmerksam auf sein auf dem nassen Pflaster liegendes Busticket, hob es auf und reichte es ihm. Da sah ich schon den Bus.
Zu meiner Überraschung winkte er ab und rief mir noch zu, dass es ein Theaterticket für Mozarts Zauberflöte ist, für den zweiten Feiertag. Ein Geschenk seines Chefs. Ich sollte es behalten, da er über die Feiertage in Bayern seine Eltern besucht und bis zum Neujahr bleibe.
„Herzlichen Dank und frohes Fest“, rief ich ihm noch schnell zu.

Erst jetzt begriff ich, was ich in meiner Hand hielt. Meine Freude war grenzenlos. Es ist schon sehr lange her, dass ich ein Geschenk bekommen habe. Ja, sehr lange her. Eine echte Bescherung.


Autor: Feierabend-Mitglied

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