Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

Bequem mit Facebook einloggen:

facebook login




Im Erinnerungskästchen gekramt


Nirgendwo und nirgendwann laufen die Gedanken so beharrlich in die Vergangenheit, wie gerade zur Weihnachtszeit in der weihnachtlich geschmückten Stube. Es wird im Erinnerungskästchen gekramt und das Innerste nach außen gekehrt.
Gibt es Erbaulicheres, als sich in die Kinderzeit – sei es die eigene oder die unserer jetzt schon großen Kinder – zurückzudenken?

Die Wochen vor Weihnachten waren schon voll mit Heimlichkeiten. Da fand man plötzlich Zimmer verschlossen vor, die sonst allezeit zugänglich waren.

„Da ist der Weihnachtsmann drin“, hieß es. Sogar das Schlüsselloch war nicht mehr durchsichtig.
Auch das Wetter versetzte uns schon in Weihnachtsstimmung. Ich erinnere mich an viele Winterweihnachten: Mit eisigen Stürmen, die durch die alten Obstbäume in unserem Garten, um Stall- und Hausecken heulten; an wirbelnde Schneeflocken.

Regelmäßig, bis kurz vor die Bescherung, roch es am Heiligabend noch nach Leim und Farbe. Tönte Hammerklopfen oder Sägeratschen durchs Haus.

Der Weihnachtsmann hatte viel zu tun bei uns. Mal stand ein Kaufmannsladen in der Ecke: Von außen rot, von innen weiß. Im anderen Jahr war er von außen weiß und innen rot. Grün und Blau und ganz weiß ist er schon gewesen. Und Rot mit weißen Punkten auch.
Dann bekamen meine Brüder eine Windmühle, deren Flügel sich richtig drehten und kleine Säcke konnten an einer Winde hochgezogen oder heruntergelassen werden. Ein anderes Mal freuten wir uns über einen Lastwagen mit Anhänger. Aus Holz und sehr stabil. So groß, dass die Jungs drin sitzen konnten.
Und dann die Puppenmöbel!
Ach ja – das konnte der Weihnachtsmann alles gar nicht alleine schaffen. Irgendwann erfuhren wir Kinder, dass unser Papa ihm helfen musste. Später sollte es dann ein Eisenbahnbrett sein.
Weil ich schon alt genug war, durfte ich helfen.

Wie oft ist unser Papa beim Strippenziehen unter dem Brett eingeschlafen! Aber Heiligabend war alles fertig. Die Eisenbahn konnte fahren und Vatern war selbst der eifrigste Eisenbahner. Er musste seinen Söhnen ja erklären, wie alles funktionierte!

Das Größte für mich war die Puppenküche mit einem richtigen Herd, der mit Spirituswürfeln zu beheizen ging. Dazu gehörten natürlich Kochtöpfchen und Geschirr.
Wir hatten zu meiner „Kochzeit“ einen erhöhten Bedarf an Maggiwürfeln, diesen 1 x 1 cm-großen. Auf meinem Herd löste ich sie in Wasser auf, tat Schmalz hinzu und, wenn vorhanden, etwas Petersilie. Dazu reichte ich dann Graubrot in Minischeiben geschnitten. Als Nachtisch gab es eine Pampe aus Kakaopulver, Zucker und Milch. Rings um uns herum saßen Teddy und die Puppen.

Weihnachtszeit – damit verbunden ist der Duft von selbst gebackenen Keksen – der unvermeidliche hannoversche Wickelkuchen, die Besuche bei den Großeltern.

Was kann man mitnehmen von den Weihnachten seiner Kindheit in die Erwachsenenwelt, in die Weihnachtszeit der eigenen Kinder?

Der Tannenbaum wurde auf die gleiche Weise geschmückt. Beim Lametta schieden sich die Geister. Bei mir zu Hause wurde es gebündelt in den Baum geworfen. Kunstvoll, versteht sich. Wie es sich dann selbst drapierte, so blieb es hängen.
In meiner neuen Familie hingen die Gold- oder Silberfäden fein akkurat einzeln über den Zweigen. Irgendwann nahmen wir gar kein Lametta mehr.

Irgendwann riecht es auch heute noch nach Weihnachtsbäckerei und ohne den besonderen Wickelkuchen nach Omas Art geht kaum ein Fest vorbei.

Nur die Basteleien – die konnte ich nicht mit herübernehmen in die Zeit meiner Kinder. Was mein Vater konnte, ließ sich auf den Vater meiner Kinder nicht implizieren. Der hatte es nun mal mehr mit der Theorie als mit dem Praktischen. Nägelchen, Schräubchen und das Anklemmen von Kabeln – nein, das war nichts für ihn.
Gut, dass ich meinem Vater assistiert habe! So konnte ich das erste kleine Eisenbahnbrett für den Sohn zusammenbauen. Später hat er es sich dann selbst ergänzt.

Den ersten Puppenwagen – mit Verdeck! – für die Tochter, zauberte ich aus einer ovalen Apfelsinenkiste. Er hielt auch sogar - ein paar Wochen.

Jaja, es ändern sich die Zeiten. Sogar das Wetter ist nicht mehr wie damals. Statt weißer Weihnachten trifft das Liedfragment „Wie grün sind deine Blätter“, immer mehr zu. Der Winter stellt sich heutzutage ein, wenn wir denken, es wird Frühling.

Wie seufzten wir Kinder bald ergeben, wenn alle Jahre wieder dieselben Geschichten von den Eltern erzählt wurden. Wenn auch eine dabei war, die wir immer wieder hören wollten: Wie nämlich der Weihnachtsmann unseren Vater, als er noch ein Schuljunge war, in einem großen Sack in den Weihnachtswald geschleppt hat.

Jedes Jahr war die Geschichte ein wenig anders, aber immer wieder sehr spannend.

Was machen wir alle Jahre wieder?

Nirgendwo und nirgendwann laufen die Gedanken so beharrlich in die Vergangenheit wie gerade zu Weihnachten in der weihnachtlich geschmückten Stube.

Es wird im Erinnerungskästchen gekramt und das Innerste nach außen gekehrt.


Autor: egalis

Artikel Teilen


Artikel bewerten
5 Sterne (48 Bewertungen)

Nutze die Sterne, um eine Bewertung abzugeben:


63 35 Artikel kommentieren

Themen > Leben > Weihnachten 2019 > Adventskalender > 07. Dezember