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Die Feder

Ein verregnetes Weihnachtsfest kündigt sich an, und ich gehe auf den Boden, um zu sehen, ob alle Dachfenster geschlossen sind. Die kleine Deckenlampe bescheint den Raum nur ungenügend, und ich stolpere über einen Gegenstand. Vorsichtig ziehe ihn unter einem Stuhl hervor.
Es ist ein Holzkästchen mit einem gewölbten Deckel.
Viele Jahre stand es in meinem Zimmer, und ich legte viele Sorgen und auch Hoffnungen hinein.
Vorsichtig trage ich es nach unten. Mit einem Finger streiche ich über die Blüte, und ich erinnere mich an das Weihnachtsfest vor vielen Jahren, als ich es bekam.


Es war sehr kalt in dem Jahr, und die Welt verwandelte sich unter den vielen Eiskristallen, die im Sonnenlicht funkelten, in eine Wunderwelt. Meine Mutter zog mir die Mütze weit ins Gesicht, als ich das Haus verließ, um Eiskristalle zu sammeln. Auf einer kleinen Anhöhe stand eine alte Eiche. Sie fror sicher, denn in ihren Ästen knisterte es leise, als ein Windhauch durch sie hindurch fuhr. Auch mir wurde es kalt, und schnell lief ich nach Hause.
Wir wohnten in einem kleinen Dorf bei einem älteren Ehepaar. Tante Ella und Onkel Hinrich hatten keine eigenen Kinder und schenkten mir ihre ganze Aufmerksamkeit.
Ich setzte mich zu ihnen in die Küche, und wir tranken heißen Milchkaffee.
Die Eiskristalle, die ich in meinem kleinen Eimer mitgebracht hatte, schmolzen langsam. Und so langsam schlich auch die Zeit bis zu der Bescherung. Immer wieder stand ich auf, schaute aus dem Fenster, und fragte, wann es denn dunkel wird.
„Höre auf die Uhr“, sagte Onkel Hinrich. „Wenn sie viermal schlägt, schauen wir ins Wohnzimmer, um zu sehen, wie artig du in diesem Jahr warst.“
Unruhig rutschte ich auf dem Stuhl hin und her, denn mir fielen einige meiner Sünden ein.
„Ich gehe mal zu Mama und Papa“, sagte ich leise.

Meine Mutter trug schon ihr schwarzes Sonntagskleid und legte sich gerade ihre Perlenkette um, die sie nur zu besonderen Anlässen trug. Mein Vater band seine Krawatte.
„Warum bist du noch nicht umgezogen“, fragte mich meine Mutter etwas ungehalten.
„Ich habe mich schon heute Morgen mein Sonntagskleid angezogen. Schau mal, ich bin immer noch sauber.“
Jetzt musste meine Mutter doch ein wenig lächeln und unterzog mich einer genauen Inspektion.
„Dieses Mal stimmt es, aber wasche dir noch die Hände.“
„Schlägt dann die Uhr viermal, wenn ich fertig bin?“
„Ja, wenn Onkel Hinrich nicht vergessen hat, sie aufzuziehen.“
Ich war mir ganz sicher, dass er so etwas nie vergessen würde.
Schnell ging ich in die Küche, tauchte meine Hand in den Wassereimer, wischte mir über das Gesicht, und trocknete es mit meinem Rock. Dann setzte ich mich so in den Flur, dass ich die Tür des Weihnachtszimmers im Blick hatte.
Die Zeit wollte überhaupt nicht vergehen, und ich zählte meine Finger und Fußzehen immer wieder vorwärts und rückwärts, bis ich endlich das Schlagen der Uhr hörte.
Meine Eltern kamen zu mir, und die Tür öffnete sich.

Ich holte tief Luft und ging langsam zu dem Tannenbaum, der mit den vielen Kerzen, Kugeln und Lametta silbern leuchtete. Darunter lagen einige Päckchen. Ich konnte meine Ungeduld kaum zügeln, aber ich wusste, dass wir jetzt erst singen mussten. Wie immer „Oh du fröhliche.“
Das Lied wollte kein Ende nehmen.
Nun mein Gedicht. Ich sagte es so schnell auf, dass es sicher niemand verstand. Warum auch, sie kannten es doch, denn es war das gleiche wie im letzten Jahr.
Jetzt endlich konnte ich meine Geschenke auspacken. Was es war, weiß ich nicht mehr. Mir ist nur noch ein kleiner silberner Löffel in Erinnerung, mit einem Bären auf dem Stil, den ich immer noch besitze.
Tante Ella holte ein Holzkästchen aus dem Schrank und stellte es auf den Tisch.
„Ich bekam es von meiner Mutter, als ich so alt war wie du.“ sagte sie zu mir. „In diesem Kästchen liegt mein erstes Geschenk an dich. Ich gab es dir, als du geboren wurdest. Es ist meine Liebe zu dir. Auch sollen sich die Wünsche, die du hineinlegst, erfüllen.“
Sie schiebt es zu mir herüber.
„Nun bekommst du es. Onkel Hinrich und ich legten unserer Liebe zu dir hinein, auch noch die Feder, die dein Schutzengel verlor. Hüte alles gut, und verschließe deinen Kummer. Du wirst sehen, alles wird dann gut.“

Vorsichtig öffnete ich das Weihnachtskästchen. In ihm lag eine Feder. Ich erkannte sie sofort, denn vor einigen Tagen rupfte meine Mutter eine Gans.
„Mein Schutzengel war eine Gans, die wir morgen essen wollen?“
Ich fing an zu weinen.
„Mein Schutzengel hat ganz weiße Flügel und ein weißes Hemd. Ich bekam das Bild von der Gemeindeschwester Maria. Der Engel war ein Mädchen mit blonden Locken und einem goldenen Reifen über dem Haaren, “schluchzte ich.
Alle schauten mich ratlos an.
Meine Mutter nahm tröstend in die Arme.
Mein Vater drehte sich zum Baum um, und ich sah wie seine Schultern zuckten. Lachte er über meinen Kummer? Onkel Hinrich stand auf und schaute aus dem Fenster. Tante Ella tupfte sich mit ihrem Taschentuch über die Augen. Nur meine Mutter blieb ernst.
„Dein Schutzengel sieht aus wie auf dem Bild, und die Federn aus seinen Flügeln sind so leicht wie die Gänsefedern“, sagte sie zu mir und wischte mir die Tränen ab.
„Stimmt das“, fragte ich und schaute in die Runde. Als alle zustimmend nickten, war ich erleichtert.
Was ich mir in diesem Moment wünschte, weiß ich nicht mehr. Aber es wurden in den Jahren viele Wünsche, von denen sich einige erfüllten.


Ich atme tief durch, und öffne behutsam den Deckel.
In ihm liegt noch die Gänsefeder. Sie ist grau geworden. So grau wie mein Haar heute. Und ich fühle immer noch die Liebe, die von dem Weihnachtskästchen ausgeht.



Autor: aesra

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