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Trauerbewältigung - vom Umgang mit Verlust

Frau schaut traurig aus dem Fenster

Von den Phasen des Sterbens abgeleitet existiert ein Modell, das auch die Trauer in Phasen einteilt. Freilich weiß der Trauernde nicht, dass er nach Schema leidet. Zudem sind die Phasen nicht trennscharf und Abweichungen möglich. Doch unterteilt nach Verena Kast lassen sich vier Stadien ausmachen: Zunächst ist da das Nicht-Wahrhaben-Wollen, gefolgt von einer Flut an Emotionen: Wut, Angst, Freude, Ruhelosigkeit. Nach dieser Phase "sucht" man instinktiv nach dem Verstorbenen. Man lernt, dass sich die Verbindung verändert hat. In der vierten Phase akzeptiert man den Verlust.1

Wir haben Feierabend-Mitglieder gebeten, uns ihre Erfahrungen im Umgang mit Trauer mitzuteilen. Hier veröffentlichen wir ihre Beiträge anonym.

Danke, dass Ihr diese Gedanken mit uns teilt.

Trauerarbeit

Es ist das erste Mal, dass ich mich mit einer Geschichte zu Wort melde. Jetzt bin ich 76 Jahre alt. Diese Begebenheit ist schon über 51 Jahre her, hat mich aber immer wieder beschäftigt, obwohl ich meine damaligen Probleme inzwischen bewältigt habe.
Ich war ein junger Mann von 25 Jahren und stand vor dem Ingenieursexamen. 14 Tage vor den Abschlussprüfungen starb mein Vater, mit dem ich in seinen letzten 2 Jahren wieder in gutem Einvernehmen stand, an einem Herzinfarkt. Die Medizin war in den damaligen Jahren noch nicht so weit, dass er mit einer entsprechenden Behandlung eine Überlebenschance gehabt hätte. Sein Tod und die Begleitumstände seitens der medizinischen Behandlung drückten mich total nieder, auch wenn ich es mir damals nicht eingestand. Ich fühlte mich total leer und konnte doch nicht trauern. Keine TRAUER.
Die Welt um mich herum schien ich zu dieser Zeit nur durch eine Wattewolke wahr zu nehmen, die Prüfungsdozenten wussten um meine Verfassung und ersparten mir eine härtere Gangart. Meine Noten entsprachen gutem Durchschnitt. Mehr war nicht drin, was, wie die späteren Berufsjahre zeigten, auch gar nicht so wichtig war. Das Ganze geschah Januar/Februar 1963. Im Mai 1964 bekam ich unerklärliche Schlafstörungen, die sich in den nächsten Monaten weiter steigerten, so dass ich nur noch mit Schlaftabletten einschlafen konnte und das Durchschlafen oft gestört war. Diese Schlafstörungen zogen sich über 12 Jahre bis 1976 hin.
Ich war zeitweise am Ende meiner physischen und psychischen Grenzen angelangt, was sich leider auch auf mein Familienleben auswirkte. Ich sah das alles, konnte kaum dagegen einwirken, wenn ich sah, welche Wutausbrüche meine Kinder und meine Frau auszuhalten hatten. Natürlich suchte ich Ärzte auf, darunter einen Psychologen. Mit mehr als Beruhigungs- und Schlaftabletten konnte man mir aber nicht helfen. Ich besorgte mir Fachzeitschriften und wusste alles über Schlafphasen, -zeiten, -dauern und war der völligen Verzweiflung nahe, aber ich wollte nicht aufgeben.
Eines Tages hatte meine Ursachensuche Erfolg. Ich fand das Buch eines Arztes, das sich mit genau meinem Thema befasste: "Zurück zum gesunden Schlaf " Unter anderem enthielt das Buch Checklisten, in denen die Ursachen von Schlafstörungen genannt wurden. Diese Listen konfrontierten mich - und das wollte ich auch - mit mir selbst. Ein Stichwort traf mich wie ein Blitz: TRAUERARBEIT!
Ab da erübrigte sich weiteres Suchen. Ich wusste, der Schlüssel zur Lösung meines Schlafproblems war gefunden und innerhalb von ungefähr 3 Wochen verbesserte sich mein Schlaf. Mehr musste ich zunächst nicht tun.
Jetzt aber half mir nur noch die Erinnerung weiter. Zum Tod meines Vaters hatte ich mir jegliche Gefühlsregung versagt. Es gab keine Tränen, kaum Nachsinnen, keine Ruhe, kein Inmichkehren. Damals glaubte ich, zu all dem keine Zeit zu haben. Ich hätte sie mir aus heutiger Sicht nehmen können und wäre noch zu der anstehenden Prüfung zurechtgekommen.

Dazu fällt mir ein, dass nach einer alten indischen Überlieferung bei einem Todesfall, z.B. des Ehepartners, der Lebende von allen sozialen und häuslichen Pflichten während der folgenden 10 Tage befreit ist und sich mit allen Fasern seines Wesens der Trauer hingeben darf und sie auf diese Weise verarbeitet.
Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass Tod und Trauer zum Leben gehören und nicht aus unseren Gedanken ausgeklammert und verdrängt werden dürfen. Wir genießen dann viel mehr jeden Augenblick, den wir auf der Erde sind.

Rituale helfen

Meine Tochter, die durch einen Unfall mit ihrem Vater behindert wurde, habe ich 35 Jahre gepflegt und betreut. Es war eine schwere aber doch auch schöne Zeit. Nun hat sie sich vor knapp drei Jahren nach schwerer Krankheit für immer von dieser Welt verabschiedet. So richtig begreifen konnte ich es nicht, doch vor einem halben Jahr wurde es mir so richtig bewußt.

Ich bin in ein Loch gefallen, das hält bis heute an. Ich habe ein liebenswertes Umfeld und kann nicht klagen, doch kann ich ganz schlecht alleine in meiner Wohnung sein.
Mein Tag beginnt mit einem Besuch auf dem Friedhof, wo ich Kerzen anzünde und mit meiner Tochter spreche. Danach geht es mir etwas besser. Entschädigt werde ich auch von Friedhofsbesuchern, fremden oder bekannten, die das Grab meiner Tochter bewundern, was mir natürlich gut tut.

Es ist so unerträglich, auch weil die Patentante meiner Tochter, die bei uns in der Nähe wohnte, ebenfalls verstorben ist. Just am Beerdigungstag dieser Tante verstarb meine Tochter. Bis heute erzählen mir Menschen, was das für ein Aufruhr war, als der Pfarrer bei der Trauerfeier bekannt gab, daß meine Tochter eben verstorben ist.
Zwei Menschen auf einen Schlag zu verlieren tut weh. Vor allem muß man die Trauer, auch wenn man ein verständnisvolles Umfeld hat, alleine tragen und bewältigen.

"Liebe geht über den Tod hinaus"

Ich hätte nie geglaubt, dass der Schmerz des endgültigen Abschieds von einem geliebten Menschen und die große Sehnsucht nach ihm so grausam sein kann. Auch nach über einem Jahr wache ich auf und sofort ist der Gedanke da: "Ich bin alleine, W. ist nicht da".
Die innige Liebe geht über den Tod hinaus.
Meine Urenkelin, nach dem Tod meines Mannes geboren, ist ein fröhliches Kind, ein Sonnenschein, sie gibt mir Freude und Kraft.

Motto: Weitermachen

Vor 26 Jahren habe ich im Alter von 37 Jahren innerhalb von 3 Monaten ALLE mir nahestehenden gehenlassen müssen (erst Tante, dann Mutter, dann Vater). Kinder habe ich nicht. Es war Horror pur!
Da ich mit christlichen Wertevorstellungen erzogen wurde, war und ist die Vorstellung, dass es in irgendeiner Weise ein "Leben nach dem Tod" gibt, ausgesprochen beruhigend und hilfreich. Außerdem hatte ich das Glück, bei der Beerdigung meines Vaters auf einen Pfarrer zu treffen, der TrauerARBEIT tatsächlich mit MIR praktiziert hat. Ich werde es nie vergessen, dass er mir eines Tages in etwa sagte: „Sie sind nicht die Einzige mit einem schweren Schicksal. Es gibt 2 Möglichkeiten; entweder Sie machen so weiter wie jetzt und versinken im Selbstmitleid, oder Sie sehen langsam wieder mal nach vorn und denken daran, dass Sie IRGENDWO gebraucht werden! - Die Entscheidung liegt bei Ihnen!" DAS war HART!!! Aber hilfreich!
Ich habe mir gewissermaßen selbst "in den Hintern getreten" und versucht, mit meinem Leben klarzukommen. Jetzt gerade steht die eine nächste große Hürde an. NUR mit Rente kann ich mein Haus nicht halten. Also habe ich verkauft. Der Käufer hat mir 4 Monate lang versichert, dass ich mit Wohnrecht in meiner Heimat (sprich: Haus) bleiben darf. Nun will er es allein nutzen und ich muss ausziehen. Ich habe KEINE Kraft mehr. Also habe ich unterschrieben. In nur 5 Jahren wäre das Grundstück 100 Jahre im Familienbesitz. Auch DAS ist TRAUER! Wie ich sie bewältige? Ich weiß es noch nicht!

Ein Leben endet, ein Leben beginnt

Zwei Jahre habe ich meinen Mann bis zu seinem Ende gepflegt, es ging manchmal über meine Kräfte. Habe alle Hilfe in Anspruch genommen die ich bekommen konnte. Wollte dann endlich mit der Tochter ein paar Tage Urlaub machen, mein Mann sollte zur Kurzzeitpflege. Kurz zuvor hat er sich friedlich verabschiedet. Seine letzten Worte waren: „Mach dir noch ein paar schöne Jahre und vergiss unsere Insel nicht.“ Wir waren im Winter immer acht Wochen auf La Palma. So habe ich nun drei Wochen gebucht, ich weiß nicht ob ich es länger aushalten würde. Die freudige Nachricht, sein Lieblingsenkel wird Vater und ich Uroma. Ich hätte mir so sehr gewünscht, er hätte es noch erlebt. Das Leben geht weiter.

Des Menschen zweite Geburt

Eine eigene Trauer in diesem Jahr lässt mich heute zur Feder greifen. Es ist ein Jahr der Tränen, des Verlustes, des Nicht-mehr-weiter-wollens, der kleinen Lichtblicke, der erneuten Dunkelheit, der neuen Schritte...vor allem des Besinnens auf das, was uns selbst bevorsteht.
Endlichkeit: Ich durfte erfahren, dass sie mir in einem völlig neuen Licht aufging. Was als **NIE MEHR** Platz gewann in meinem Alltag, wurde mir weggenommen und mit den beiden worten **FÜR IMMER** ersetzt.
Ich werde meinen Freund auf dieser Erde nie mehr sehen, das Leben im Körper gilt nur noch für mich und ich habe im Annehmen dieser Tatsache entdeckt, dass genau hier neue Kraft vorhanden ist.
Unser Leben hier auf der Erde ist wie eine weitere Schwangerschaft, die verschieden lang dauert...und wir werden in eine andere Dimension, die so viel weiter und herrlicher ist, HINEINGEBOREN. Wie gross war doch die Freude, als wir in die Zeit eintraten, im Mutterleibe heranwuchsen und bereitet wurden mit einem vollständigen Körper für diese Welt. Wie unsinnig wäre es gewesen, wenn wir als Föten gedacht hätten: **Hier drin bleibe ich, bin geborgen, will nichts anderes, hier ist mir wohl.** Wir konnten nicht ahnen, was uns jenseits des Mutterschosses erwarten würde. Die Geburt war nicht einfach, ein Gebärkanal verlangt das Äusserste von uns... doch dann, die grosse Welt mit allen Reichtümern. Da wurden wir erwartet, angesehen, geliebt und genährt.
So stelle ich mir das Leben nach dem Sterben vor...eine Geburt in eine herrliche, neue Welt.
Getröstet, Mut gemacht, so lebe ich nun noch bis ich auch reif genug bin für die ANDERE Geburt.

Ein Insel bauen

Dieses Ausgeliefertsein und diese Endgültigkeit des Abschieds empfand ich immer als besonders schlimm. Da geschah etwas, das ich nicht verhindern konnte. Doch dann wurde mir klar, dass ich etwas tun konnte, für den Toten aber auch für mich. Etwas, was mich mit ihm nach dem Tod verbindet, etwas, das ich täglich neu gestalten kann - ein Ort, an dem ich ihm begegne: Ich gestaltete aus dem, was ich am Wegesrand fand, eine "kleine Insel" aus Blumen, Pflanzen, Moos und Steinen, eben alles, was man in einem Kreis gruppieren kann.
Manchmal schuf ich so eine Insel auf meinen Wanderungen, manchmal an Orten, die mich an den Toten erinnerte. Erinnerungen kommen ungerufen und nicht immer dort, wo man gemeinsame Stunden verbrachte. Aber immer, wenn so eine starke Erinnerung in mir wach wurde, versuchte ich sie durch so eine kleine Insel festzuhalten, es konnte auch nur ein schöner Stein sein oder ein Blatt, das ich in einem See oder Bach auf die Reise zu meinen Toten schickte.
Mir half das immer in den Momenten, in denen meine Trauer sich wieder in mir meldete. Oft sogar in sehr glücklichen Momenten. In dem Moment, in dem man selber seiner Trauer aktiv begegnet, indem man etwas macht, was einem mit dem Toten verbindet, tut man auch etwas für sich selbst und ist diesem Gefühl nicht mehr so stark ausgeliefert.
Ich weiß nicht, ob das etwas für Jedermann ist - aber mir half das damals schon in den 70er Jahren als mein Mann unverhofft durch einen Herzinfarkt starb. Heute mache ich das immer wenn ich traurig bin oder jemand aus meinem Freundeskreis stirbt. Meistens gehe ich nicht mit zur Beerdigung denn dort finde ich nicht die Ruhe, um Abschied zu nehmen. Ich baue lieber danach in aller Stille eine kleine Insel für meine Verstorbenen.

1vgl. Verena Kast: Zeit der Trauer: Phasen und Chancen des psychischen Prozesses. Kreuz Verlag, 2006.

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