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Unser Ausflug ins Besucherbergwerk Velsen/Saar>

Wir von der Feierabend-Regionalgruppe Saarland im Besucherbergwerk Velsen am 27. Januar 2007

Pünktlich um 10 Uhr morgens erfolgte die Einweisung durch unseren Führer, einem Bergmann der RAG (noch letztes Jahr DSK) samt einer filmischen Darstellung des Kohlebergbaus. Die animierte Grafik zeigte einen Querschnitt von der Oberfläche bis zu den Streben und Flözen auf verschiedenen Sohlen bis hinunter unter 1000 Metern. Das Besucherbergwerk ist auch ein Lehr- und Ausbildungsbergwerk. Noch, muss man nach dem Ergebnis der Berliner Runde leider sagen. Um so wichtiger war es für uns, den Betrieb und die Anforderungen unter Tage kennen zu lernen.

Fragen wurden geduldig beantwortet, ein Thema waren auch die Bergschäden. Er selbst baute Kohle unter seinem eigenen, neu erbauten Haus ab: Was will man tun, es ist mein Job, sagte er. Jede Industrie hat auch Folgen für Alle. Leider werden schon seit langer Zeit die entstandenen Hohlräume überhaupt nicht mehr verfüllt, weder mit Abraum noch mit Blasversatz. Es ist also klar, dass sich noch Jahrzehnte später der Erdboden senkt...

Sein Hinweis auf die hohen Sicherheitsanforderungen im deutschen Steinkohlebergbau war nicht von der Hand zu weisen: Natürlich ist Kohle beispielsweise aus China billiger, doch sterben dort nach offiziellen Angaben (zehn)tausende Bergleute pro Jahr. Ähnlich sieht es in Russland aus.

Jeder von uns erhielt einen sogenannten Fahrmantel und einen Helm verpasst. Da unter uns ehemalige Bergleute waren, kannten sie schon die Signale mit der Kopflampe wie Kopfnicken, Kopfschütteln und Kreisen mit der Lampe. Eine besonders helle Lampe ist dem Steiger vorbehalten. Da wussten die Hauer bereits, wer da von weit weg näher kam.

Prompt verlor mein Rollstuhl im Berg seine Luft – doch da im Bergbau viel mit Druckluft gearbeitet wird, fand sich im Gezähe (Werkzeug) auch ein Druckschlauch für Autoreifen. Die Hydraulikstempel benötigen bis zu 300 Bar, meine Reifen waren mit 5 bar zufrieden.
Rollstühle sollten also nicht zu breit sein (z.B. Elektro-), damit sie noch durch die Türen gehen.

Beeindruckend waren die teuren Pumpen, an denen die Auszubildenden geschult und geprüft werden: Betriebsmechaniker, Mechatroniker, Ingenieure. Wir sahen auch die riesigen automatischen Hydraulikstempel in Betrieb, die das Hangende sicher abstützen und die auf Knopfdruck abgesenkt und vorwärts versetzt werden. An ihnen vorbei werden je nach Mächtigkeit der Kohle Schrämmlader (rotierende Bohrköpfe mit gehärteten Spitze, die wie Dinosaurierzähne die Kohle aus der Wand reissen). Schmale Flöze werden mit dem Kohlehobel abgebaut, der seitlich die Strecke abfährt. Die Kohle fällt direkt auf ein Förderband und wird vor dem Transport unter ohrenbetäubenden Lärm zerkleinert. Früher hatte der Hauer seinen Druckluft-Abbauhammer. Außerdem gab es Sprengungen.

Die Kohle wird dann mit Wasser von den schwereren Gesteinsbrocken getrennt. Die Kohle schwimmt weiter, die Steine bleiben liegen.

Wir durften eine Bandfahrt mitmachen wie die Bergleute, mit einem Meter pro Sekunde auf dem Förderband, liegend oder gebückt, auf das Band gestützt. Wer sich seitlich am Band festhält, wo es auf Rollen läuft, bekommt minimum blaue Fingernägel. Im Echtbetrieb sind es 4m/Sek., und die erfordern eine affenartige Geschwindigkeit beim Auf- und Abspringen, oder eben eine lange Übung.

Jetzt war der Sinn der Fahrmäntel klar: Je tiefer die Sohle zum Erdinneren lag, desto höher die Temperaturen. Sie lagen meist bei 32°C, dann wurde acht Stunden gearbeitet, bei mehr als 36°C immer noch sechs Stunden. Meist wurde alles bis auf die Hose ausgezogen (nein, uns war es nicht zu heiß!), literweise isotonische Getränke sind für den Bergmann Pflicht. Auf der Fahrt hinter der Grubenlok oder auf dem Band hätten die Bergleute sich ohne Mantel erkältet. Dass es sich um Schwerstarbeit handelte, konnte jeder von uns nachvollziehen.

Im Probestreb wurde uns gezeigt, wie der Abbau vonstatten ging. Ein Höllenlärm durch die vielen Maschinen, dicke Ketten, Panzerband zum Abtransport, Hydraulik zum Heben, Senken und Transport riesiger Maschinen. Dabei hatten wir nicht noch die Hitze und einen langen Arbeitstag zu ertragen. Unser Führer durch die Unterwelt hatte selbst mehr als dreißig Jahre unter Tage hinter sich und berichtete, dass der Arzt wegen seines Gehörschadens vermutete, er sei in jungen Jahren wohl zuviel in der Disco gewesen, Glückauf!

Der Maschinenpark ist gigantisch und muss regelmäßig vor Ort gewartet und repariert werden. Der Austausch der tonnenschweren Geräte erfolgt über den Bahntransport oder hydraulisch über die Mittelschiene über unseren Köpfen. So ein Transport dauert Stunden und Tage, ein neuer Streb muss wochen- und monatelang erschlossen werden, bevor man an die Kohle kommt. Dies erklärt die hohen Kosten. Will man den Bergbau irgendwann wieder aufnehmen, wird die Erschließung neuer Felder, die Nutzung der im Grubenwasser längst "abgesoffenen" Gruben und die Erneuerung längst unbrauchbar gewordener Maschinen (ein Millionenwert verrottet) Jahre dauern.

Auch der Humor kam nicht zu kurz: Es gab Fachsimpeleien angesichts der diversen Modelle, die den Ausbau mit Holzstempel zeigten. Was ist ein Mutterholz, lautete die Frage. Also, jeder Bergmann hat ein Taschenmesser. Da er das Grubenholz nicht mitnehmen durfte, schnitt er feine Späne ab und steckte sie wie Zigarren links und rechts innen in die Manteltaschen. Für Muttern daheim also. Ein Bergmann aus der Gruppe nannte das auch „Hasenholz“. „Wenn die Hasen das nicht fressen wollen, dann verbrenn ich’s eben im Ofen!“

Etwas wehmütig verabschiedeten wir uns von unserem Leiter und gaben die Mäntel zurück.
Unser Dank gilt besonders Hans Kolf für den Kontakt zum Bergwerk und die ganze Organisation soweie dem Führer durch das Bergwerk.
Vom Bergwerk Saar haben wir eine Menge mehr verstanden, als zur Zeit in der Zeitung steht. Einen Besuch bei einem wahrscheinlich schon bald aussterbenden Industriezweig können wir nur jedem im Lande empfehlen.

Velsen090Führung
Unser Führer durch das Bergwerk

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