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Am Märkischen Meer

So nannte der bedeutende Dichter Theodor Fontane den Scharmützelsee und bezeichnete ihn in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ als die schönste Perle in der Zauberkette der märkischen Seen.

An seinen Ufern liegt Bad Saarow, ein Bad mit heilkräftigem Wasser und Moor, mit erstaunlich intakter Natur und waldreicher Umgebung. Hier wollen wir drei Wochen kuren, uns erholen und die Mark Brandenburg kennenlernen, die bisher ein weißer Fleck auf unserer persönlichen Landkarte gewesen ist.

Am Sonntag, dem 12. Juli 2009 starten wir die Reise und wählen für die fast 700 km die Strecke Frankfurt - Erfurt - Leipzig (A 9) - Berlin (A 10) - Frankfurt/Oder. Auf den neuen, zumeist dreispurigen Autobahnen durch Thüringen und Sachsen fährt es sich entspannt, so dass wir nach etwa sechs Stunden unser Ziel des Tages, den Ort Caputh am Schwielowsee erreichen.

Schwielowsee_fidelis45
Am Schwielowsee

„Der Schwielowsee ist breit, behaglich, sonnig und hat die Gutmütigkeit aller breit angelegten Naturen“ - so empfand Fontane den Schwielowsee auf seinen berühmten Wanderungen durch die Mark Brandenburg. In seine Ufer kuscheln sich vier „Gebilde aus Menschenhand“, wie Fontane sie bezeichnete, die drei die Gemeinde Schwielowsee bildenden Ortsteile Caputh, Ferch und Geltow. Nur wenige Minuten sind es von hier bis Potsdam und Berlin und großstadtgeplagte Bürger zieht es zum Wandern, Radeln, Baden und Bootsfahren in die herrliche Naturlandschaft.

Im Hotel Müllerhof, einem traditionsreichen, seit über 118 Jahre bestehenden Hotel mit hervorragender Gastronomie, quartieren wir uns ein. Die Beschreibung des Hotels verrät, dass viele Persönlichkeiten, u.a. Graf Zeppelin hier gewohnt haben. Die UFA nutzte den früheren Saal, wodurch allerlei Filmprominenz in den Müllerhof kam. Albert Einstein legte mit seinem Segelboot an Lieschens Gang an und ließ sich bei Oma Müller eine „Breithaupt Weiße“ schmecken.

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In Caputh

Lange hält es uns nicht in unserem Zimmer. Wir gehen die wenigen Schritte zum See hinunter, der in einer landschaftlich beeindruckenden Kulisse liegt, ideal für Wassersport und bummeln durch den kleinen Ort, der sich den Charme des einstigen Schifferdorfes erhalten hat.

Erstaunt erfahren wir, dass Albert Einstein, der große Physiker sich 1928 hier ein Holzhaus errichten ließ, das noch heute erhalten und in den Sommermonaten zu besichtigen ist. Er verbrachte aber nur drei Sommer in Caputh, da die Machtübernahme der Nazis ihn im Dezember 1932 zur Emigration zwang. Danach hat er nie wieder sein Haus und deutschen Boden betreten.

Gegenüber von Einsteins Sommerhaus liegt das Schloss Caputh, das 1662 erbaut wurde und Landsitz des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und seiner Gemahlin Dorothea war. Die ursprünglichen Deckengestaltungen sind nahezu vollständig erhalten geblieben. Seit 1998 ist das Schloss als Museum zugänglich, leider nur bis 16 Uhr und wir waren zu spät. Zu besichtigen sind die Wohnungen des Herrscherpaares, der Festsaal und die Porzellankammer. Berühmt ist der Fliesensaal, den der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. um 1720 mit ca. 7500 holländischen Fayencefliesen im Souterrain des Hauses einrichten ließ.

Schloss Caputh_fidelis45
Schloss Caputh

In Sichtweite des Schlosses kehren wir im Café Barock ein, und wählen aus den zahlreich aufgeführten Kaffeespezialitäten einen Eiskaffee.

Das barocke Wohnhaus aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war vermutlich die Wohnung eines Hofangestellten.

Nach dem Streit zwischen zwei Brüdern wurde das ursprünglich einheitliche Haus geteilt. Die eine Hälfte wurde umfangreich saniert und das kleine Café mit einem hübschen Café-Garten eröffnet, an der anderen Hälfte sind noch deutlich die Spuren der Vergangenheit zu sehen.

Cafe Barock_fidelis45
Was gibt's denn Gutes im Café Barock?

Vom Spaziergang und dem langen Tag hungrig geworden, genießen wir am Abend im Speisesaal des Müllerhofs, der an den Stil der 20er Jahre erinnert, die ersten Pfifferlinge in diesem Jahr.

Pfifferlinge_fidelis45
Es hat wunderbar geschmeckt!

Am anderen Morgen starten wir gut ausgeschlafen und gesättigt in der zweiten Etappe an den Scharmützelsee. Die vierspurige Autobahn A 10 südlich von Berlin und Potsdam verlassen wir schon bald und fahren nach Osten. Bis Frankfurt/Oder sind es noch etwa 70 km. Nach 30 km verlassen wir in Fürstenwalde die A 12 und sind nach wenigen Kilometern an unserem Ziel, der Appartementanlage am Kurpark.

Appartementanlage_fidelis45
Appartements am Kurpark

„Wag es getrost, und du wirst es nicht bereuen, eigentümliche Freuden und Genüsse werden dich begleiten. Du wirst Entdeckungen machen, denn überall, wohin du kommst, wirst du eintreten wie in jungfräuliches Land“ - so schwärmte der große brandenburgische Dichter Theodor Fontane, nachdem er auf seiner Osterreise 1881 die beiden kleinen Gutsdörfer Saarow und Pieskow besucht hatte, von dieser zauberhaften Gegend.

Idylle_fidelis45
Idylle am See

SaarowTherme_fidelis45
SaarowTherme - 1998 eröffnet

Diesem Flair wollten und sollten wir uns in den kommenden drei Wochen nicht entziehen. Neben dem Wohlfühlen, Abschalten und Entspannen stand in erster Linie die Gesundheit im Vordergrund.

Wir hatten uns schon vorher für den ersten Tag einen Termin beim Badearzt geben lassen, der die Kuranwendungen bestimmen sollte. Dr. Gestewitz verordnete neben den üblichen Vorsorgebehandlungen wie Massage, Lymphdrainage, Krankengymnastik an Geräten, Bewegungstherapie im Schlingentisch und Unterwassermassage fast tägliche Wassergymnastik in der SaarowTherme und Moorpackungen mit dem Bad Saarower Naturmoor zur Stärkung der Immunabwehr und zur Förderung der Beweglichkeit der Gelenke.

So bestimmte in erster Linie der Behandlungsplan unser Tagesprogramm. Dennoch blieb genügend Zeit, nicht nur den Körper, sondern auch den Geist zu erholen.

Dazu kam, dass wir unser Domizil gut gewählt hatten: direkt am Kurpark gelegen, nur wenige Schritte bis zur SaarowTherme. Selbst zum Einkaufen konnte das Auto in der Tiefgarage bleiben - die Supermärkte lagen quasi um die Ecke.

Bequemer hätten wir es kaum haben können.

SaarowTherme_fidelis45
Der sehr schön gestaltete Innenbereich mit mehreren Becken und Wassersprudlern

Bei gutem Wetter, das uns die drei Wochen überwiegend begleitete, konnten wir Frühstück und Abendbrot auf dem Balkon einnehmen und dabei die klare, sauerstoffreiche Luft atmen.

Balkon_fidelis45
Blick vom Balkon

Haus_Rose56
Eigenwillige Häuser

Die ersten Tage nutzten wir, um den Ort und den Kurpark kennenzulernen.

Der Uferbereich des Scharmützelsees ist durch die großzügig gestaltete Seepromenade ein Ort der Muße. Die neue SaarowTherme, das ehemalige Kurhaus, das Theater am See, gemütliche Restaurants, Cafés, die restaurierten Villen, der historische Bahnhof, der neue Schiffahrtshafen - alles ist in Bad Saarow harmonisch zu einem einzigartigen Parkensemble verbunden.

Villa_fidelis45
und prächtige Villen prägen heute das Ortsbild von Bad Saarow
Bad Saarow_fidelis45
Der historische Bahnhof von Bad Saarow

Die Geschichte Bad Saarows beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts.

Nach Plänen des Gartenarchitekten Ludwig Lesser wurde der Ort als elegante Landhaussiedlung am Nordufer des Scharmützelsees angelegt. Mit dem Bau eines Sanatoriums 1911 und der Eröffnung des Moorbades 1914 wandelte sich das Ausflugsziel der Berliner zu einem Ort der Erholung und Gesundheit. Die Erschließung der Chlor-Kalzium-Sole-Quelle und der Bau einer Trink-Kuranlage haben den Kurbetrieb in dem Ort bedeutend erweitert. Seit 1923 trägt Saarow den amtlichen Titel „Bad“. 1998 wurde die SaarowTherme eröffnet.

Meckerndorfer Weg_Rose56
Es gibt ihn noch - den Ortsteil Meckerndorf

Zahlreiche Künstler und Prominente errichteten am Scharmützelsee ihr Domizil.

In Pieskow entstand ab 1906 eine Künstlerkolonie, die „Meckerndorf“ benannt wurde, da die Architekten die „meckernden“ Besitzer nicht zufriedenstellen konnten.
Unter ihnen die Stars der Stummfilmzeit Käthe Dorsch und Harry Liedtke. Auch der russische Dichter Maxim Gorki weilte zwischen 1922 und 1923 einige Male hier zur Erholung, ebenso Victor de Kowa. Max Schmeling erwarb ein Anwesen am See und wurde 1933 in Bad Saarow mit der Schauspielerin Anny Ondra getraut.

Der Ort wird bevorzugter Erholungsort und Treffpunkt der Berliner Kultur- und Filmszene der „Goldenen Zwanziger“.

Kirche in Pieskow_Rose56
Die Kirche in Pieskow
Grab der Käthe Dorsch_Rose56
Der Grabstein der großen Schauspielerin Käthe Dorsch auf dem Pieskower Friedhof gibt zwar ihren Todestag (25.12.1957), nicht aber ihren Geburtstag (29.12.1890) an.

Nach 1945 fanden es auch die russischen Truppen hier als durchaus angenehm. Zu Zeiten der DDR sind große Teile des Ortsgebietes fast 40 Jahre lang wegen militärischer Nutzung nicht frei zugänglich. Kurzentrum und Kurpark in Pieskow werden von der Sowjetarmee als Sanatorium genutzt.

Bad Saarow ist ab 1981 u.a. Sitz der Militärmedizinischen Akademie der Nationalen Volksarmee, wo zum Teil auch Dopingforschung der DDR stattfindet. Die öden Plattenbauten aus jener Zeit sind schön renoviert und neu angestrichen.

Plattenbauten_fidelis45
Plattenbauten aus DDR-Zeiten

Kirche Bad Saarow_fidelis45
In dieser Kirche heirateteten 1933 Max Schmeling und Anny Ondra

Heute prägen prächtige Landhausstilvillen mit Säulen vor der Tür und zum Teil geschmackvolle Neubauten auf riesigen parkähnlichen Grundstücken das Ortsbild.

An zwei Tagen leihe ich mir ein Rad und erkunde den hochinteressanten Kultur- und Urlaubsort und seine Umgebung.

Aber auch zu Fuß gibt es viel zu entdecken:
Auf dem Max-Schmeling-Weg findet man Spuren des einstigen Box-Idols und seiner Frau, der Schauspielerin Anny Ondra.

Der „Gehen-hält-fit-Weg“ führt entlang des Seeufers durch den idyllischen Park.

Kurpark_fidelis45
Im Kurpark von Bad Saarow

In der ersten Woche unternehmen wir mit der Weißen Flotte eine Rundfahrt auf dem Scharmützelsee.

Der Kapitän erzählt, dass der See mit einer Länge von etwa 11 km und einer Breite bis zu 2 km nicht nur der schönste, sondern auch der größte See in der Mark Brandenburg ist. Seine Tiefe beträgt 28 Meter. Eine Reihe von Seen und der Storkower Kanal verbinden den Scharmützelsee mit Berlin.

Der Scharmützelsee ist wahrscheinlich beim Abfluß der Schmelzwässer der Eiszeit entstanden. Er zieht sich in gerader Richtung von Norden nach Süden, eingebettet in Wald und umgeben von den bis zu 110 Meter hohen Rauener- und Dubrow-Berge.

Frühgeschichtliche Funde beweisen, dass die Landschaft am Scharmützelsee bereits in der Steinzeit besiedelt war. Als der germanische Stamm der Semnonen während der Völkerwanderung die Gegend verließ, besiedelten die Wenden (Sorben) das Gebiet.
Die beiden Ortsnamen Saarow und Pieskow, wie überhaupt alle Orte, die auf „ow“ enden, erinnern noch an jene Zeit.

1462 wurde der See von Kurfürst Friedrich II. erworben.

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Große Schilfgürtel umsäumen den Scharmützelsee und bieten Schutz für Wasservögel, Schwäne und Enten

Auf den Gütern rings um den See saßen jahrhundertelang die Löschebrands, ein altes Raubrittergeschlecht. Einer dieser Löschebrands kaufte Anfang des 19. Jahrhunderts von König Friedrich Wilhelm III. den Scharmützelsee für bar bezahlte 2 Taler.
Das kam so:
Der See sollte 2000 Taler kosten. Der alte Löschebrand zahlte aber in Lieferscheinen und Bons, die ihm selbst von der königlichen Domänenkammer für Lieferungen als Zahlungsmittel aufgezwungen wurden, weil dem König durch seine Kriegsführung das Bargeld knapp geworden war. Die preußischen Beamten zählten nun den Haufen Papierbons nach und stellten fest, daß sie nur den Gegenwert für 1998 Taler darstellten. Der alte Löschebrand griff großzügig in die Tasche und zahlte die fehlenden 2 Taler in bar. Er hatte keinen schlechten Kauf getan. Ende des 19. Jahrhunderts brachte der See durch seinen Fischreichtum bereits die stattliche Summe von 2000 Taler Pacht ein.

Noch vor 100 Jahren lag der See einsam und verträumt da, von Wäldern und Feldern umgeben, die zu den angrenzenden Rittergütern gehörten. Im Jahre 1906 gründete die Landbank die Villenkolonie Saarow und Pieskow und der Aufstieg begann, besonders auch, nachdem 1912 die Bahnlinie Fürstenwalde - Beeskow eröffnet worden war.

In Wendisch-Rietz, das am Südufer des Sees liegt, steigen wir aus und essen im Schwalbennest zu Mittag. Mit dem nächsten Schiff fahren wir weiter und beenden am Nachmittag die zweistündige Rundfahrt wieder in Bad Saarow.

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Die Friedenseiche, 1814 nach Abzug der napoleonischen Truppen gepflanzt

Am Ende der erste Woche, samstags, fahren wir nach Storkow, etwa 12 km von Bad Saarow entfernt.

Das bezaubernde Städtchen am gleichnamigen See gilt als eine der ältesten märkischen Städte. Das historische Zentrum wird von dem mit hundertjährigen Linden gesäumten Marktplatz gebildet. Mittelpunkt ist eine prächtige alte Eiche.

Nachdem wir das Auto geparkt haben, gehen wir zur Storkower Burg.

800 Jahre nach der Ersterwähnung der Stadt und Burg Storkow, dreißig Jahre nach dem verheerenden Brand und zehn Jahre nach Beginn des Wiederaufbaus präsentiert sich Burg Storkow in neuer Schönheit. Nach einem Rundgang auf dem Burggelände spazieren wir wieder zurück ins Zentrum.

Leider öffnet schon bald Petrus seine Schleusen, und so durchwandern wir die kleinen Gassen mit dem Schirm.

Vorbei an der Altstadtkirche aus dem 14. Jahrhundert gelangen wir zur Storkower Mühle, die ein technisches Denkmal, eine alte Dampfmaschine, beheimatet. Sie versorgte die Stadt ab 1897 fast 15 Jahre lang mit elektrischem Strom und nochmals nach dem 2. Weltkrieg, als die Überlandleitungen zerstört waren.

Eine weitere Besonderheit ist die hölzerne Klappbrücke, die es Wasserwanderer erlaubt, den Storkower Kanal bis nach Berlin hinauf zu schippern.

Sonntags fahren wir nach Berlin-Zehlendorf, um unsere Feierabend-Freundin Lieselotte (Libi) zu besuchen. Der Stadtteil im Süden Berlins liegt idyllisch im Grünen.

Lilo verwöhnt uns mit einem guten Mittagessen. Nach einem Rundgang durch ihren schönen Garten zeigt sie uns ein Stück von Zehlendorf. Wir wandern am Teltowkanal entlang und haben platte Füße, als wir nach 2 Stunden wieder bei ihr zu Hause sind. Leider geht die Zeit viel zu schnell vorbei und als sich dunkle Gewitterwolken auftürmen, machen wir uns auf die Heimfahrt. Den kräftigen Gewitterschauern können wir jedoch nicht entfliehen. Sie begleiten uns fast auf der gesamten Strecke und zwingen uns, langsam zu fahren. So sind wir erst gegen 21 Uhr wieder in Bad Saarow.

Lilo und Rose_fidelis45
Bei unserer Freundin Libi

In der zweiten Woche hatten wir sehr viele Anwendungen. Sie lagen auch zeitlich derart ungünstig, dass wir keine größeren Touren unternehmen konnten. Hatten wir mittags Therapie, ging Dieter morgens in den Scharmützelsee schwimmen. Nach dem ersten Mal schwärmte er vom herrlichen Naturgewässer. Sogar ein Schwan hatte ihn begrüßt und war ganz dicht an ihm vorüber geschwommen. „Mein lieber Schwan, das war schon ein bißchen seltsam, so ein riesiges Vieh neben mir im Wasser zu sehen“, sagte er.

Waren wir morgens in der Therme und bei den Therapeuten, waren wir mittags derart müde, dass wir uns einen Mittags- oder Nachmittagsschlaf gönnten. Erst jetzt setzte so richtig die Erholungsphase ein. Ich begann die mitgenommenen Wälzer zu lesen. Endlich hatte ich Zeit für dicke Bücher.

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Unser täglicher Weg (Abkürzung) zur Therapie in der SaarowTherme

Turm in Beeskow_fidelis45
Einer der erhaltenen mittelalterlichen Türme in Beeskow

Mittwochs hatten wir allerdings nur eine Behandlung am Nachmittag, Wassergymnastik.
Nach dem Frühstück fuhren wir nach #linkext#http://www.beeskow.de/#Beeskow, ca. 25 km von Bad Saarow entfernt.

Wir hatten gelesen, dass Beeskow ein mittelalterliches Städtchen sein soll und zu den baugeschichtlich interessantest und sehenswertesten Kleinstädten Brandenburgs gehören soll. Es entstand 1253 an einem verkehrsgünstigen Kreuzungspunkt, einer wichtigen Handelsstraße nach Frankfurt/Oder. Der am Westufer der Spree in Sichtweite zu einer slawischen Siedlung entstandene Ort erlebte einen raschen Aufschwung mit Fischerei, Weinbau, Bierbrauerei, Branntweinherstellung, Tuchmacherei, Leinweberei und der Lederherstellung. All dies förderte den Wohlstand der Bürger im Mittelalter.

Wir wurden nicht enttäuscht. Eine gut erhaltene Stadtbefestigung, historische Bürgerhäuser, ein mittelalterlicher Stadtgrundriß, die St. Marienkirche und die Burg laden zu einer spannen-den Entdeckungstour ein.

Markt in Beeskow_fidelis45
Der Marktplatz in Beeskow - im Hintergrund die St. Marienkirche

Wir parkten außerhalb der Stadtmauer. Noch heute umschließt die um 1450 fertiggestellte Mauer Beeskow auf der Süd-, West- und Nordseite. Im Osten boten Pallisaden, die Burg, die Spree und der Stadtgraben einen natürlichen Schutz. Die gesamte Stadt war von einem Graben umgeben, der heute teilweise noch sichtbar ist. Drei Toranlagen mit Zugbrücken und sieben von neun Wachtürme existieren noch.

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Innenansicht von St. Marien in Beeskow

Durch die Breite Straße mit schön restaurierten Bürgerhäusern gingen wir zur Marienkirche. Sie ist eine der monumentalsten Kirchen der Mark Brandenburg. Sie wurde im 14./15. Jh. als dreischiffige Backsteinhallenkirche erbaut und im April 1945 bis auf die Umfassungsmauern zertört durch sowjetischen Artilleriebeschuß zerstört. Äußerlich wieder vollkommen restauriert, sieht man im Inneren noch die schrecklichen Zerstörungen des Krieges.

In den Nachkriegsjahren kam es zu weiteren Substanzverlusten an Pfeilern und Gewölben, dem damaligen Pfarrer und tatkräftigen Beeskower Handwerker gelang es jedoch, die Kirche vor weiterer Zerstörung zu bewahren.

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Das neue Deckengewölbe in St. Marien

Nach Abtrennung der zerstörten Halle konnte 1953 im Südschiff eine Notkirche eingeweiht werden. Hier bestimmt ein monumentales Christophorusgemälde an der Ostwand den Raum.
In der Zeit zwischen 1976 und 1989 wurden in Feierabendtätigkeit alle Dächer saniert, um einen weiteren Verfall der Hallenkirche zu verhindern.
Nach der politischen Wende konnte dank des Engagements der Deutschen Stiftung Denkmalschutz seit 1991 kontinuierlich am Wiederaufbau von St. Marien gearbeitet werden. 1999 konnte auf die Langhaushalle ein Dachstuhl angebracht werden, der 2001 eingedeckt wurde. 2002 gelang es nach einer Spendenaktion, die von einem Beeskower Bürger initiiert worden war, eine neue Turmspitze aufzusetzen.
Seit 2006 kann die „Ruine unter Dach“ im Sommerhalbjahr als Konzertsaal und große Festgottesdienste genutzt werden, um weitere Gelder für den Wiederaufbau zu werben.
In der Sakristei, die nahezu unzerstört blieb, finden sich Wandmalereien aus dem späten 14. oder frühen 15. Jh., die Ende der 90er Jahre restauriert wurden.

Wandmalerei_fidelis45
Wandmalereien in der Sakristei

Nach der Besichtigung der imposanten Kirche gingen wir weiter Richtung Spreeufer und gelangten zur Burg, die 1316 erstmalig erwähnt wurde. Sie dient heute als Kultur- und Bildungszentrum. Gegenüber der Burg auf einer Insel zwischen den Spreearmen liegt der älteste Teil Beeskows, das Fischerkiez mit seinem historischen Siedlungskern. Auf dem Rundgang durch die kleinen Gassen fühlen wir uns ins Mittelalter versetzt. Na ja, so romantisch wird es dort zu der Zeit bei weitem nicht ausgesehen haben.
Auf der Feierabendbank - ich traue meinen Augen kaum, als ich sie entdeckte - ruhen wir uns aus und haben von hier einen schönen Blick auf den kleinen alten Ort, die Burg und die Marienkirche .... Erholung pur !

Burg Beeskow_fidelis45
Die Burg Beeskow, am Spreeufer gelegen
Fischerkiez_fidelis45
Das alte Fischerkiez, zwischen zwei Spreearmen gelegen - die älteste Bebauung in Beeskow
Schmetterling_fidelis45
Auch dieser kleine Geselle fühlt sich in den Gärten des Fischerkiezes wohl - hier findet er genug Nahrung
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Auf diese friedliche Weise protestiert dieser Beeskower Bürger gegen die Kohleverstromung. Offenbar soll in der Nähe ein solches Werk gebaut werden, denn wir sehen auf der Fahrt öfter solche Schilder und Banner "Nein zur Kohleverstromung"
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Auf der Feierabendbank läßt es sich gut ausruhen
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Von der Feierabendbank haben wir den herrlichen Ausblick auf die St. Marienkirche

Nach einer kurzen Stärkung auf dem Marktplatz und netten Gesprächen mit Berliner laufen wir noch einmal ein Stück an der Stadtmauer entlang und fahren danach zurück nach Bad Saarow.

Die Straßen sind überwiegend gut ausgebaut und es fährt sich gut, bis auf die letzten 15 km vor Bad Saarow. So wie diese „Huppelstrecke“ werden die Straßen vor 20 Jahren überall hier ausgesehen haben. Auffallend ist in den Dörfern, die wir durchfahren, dass fast alle Häuser, wenn nicht gänzlich erneuert, zumindest einen frischen Anstrich haben und die Dächer mit modernsten Ziegeln neu gedeckt sind. Nur ab und zu sehen wir noch Häuser, die die Spuren von 45 Jahren DDR-Kommunismus zeigen.

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Ein Teil der Stadtmauer mit Luckauer Torturm

Am Wochenende zum Ende der zweiten Woche fahren wir samstags nach Frankfurt/Oder. Die Wetterprognose ist zwar nicht sehr gut - nach schwül-heißen Tagen drohen Gewitter und Platzregen, aber wir wagen es trotzdem.

Wir sind neugierig auf die Stadt an der Oder, wissen wir doch so einiges über sie. Einst war sie eine mächtige und reiche mittelalterliche Hanse- und Universitätsstadt. 1945 wurde sie fast vollständig zerstört und als „sozialistische Bezirksstadt“ neugegründet. Heute ist sie auf der Suche nach einer neuen Identität als Universitäts-, Kultur- und Wissenschaftsstandort, bei dem die Lage zwischen zwei europäischen Ländern mitten in Europa eine bedeutende Rolle spielt.

Wir parken in den Lenné-Passagen, ganz in der der Nähe der mächtigen St. Marienkirche und sind mittendrin in den Plattenbauten aus sozialistischen Zeiten. Und doch überrascht uns der Aufschwung, der augenfällig im Zentrum zu sehen ist. Störend wirkt allerdings die Errungen-schaft aus DDR-Zeiten: der Oderturm in Plattenbauweise mit Aussichtsplattform in unmittelbarer Nähe des wiederaufgebauten historischen Ortskerns mit Marienkirche und Rathaus.

Unser Weg führt uns zuerst zur Marienkirche. Sie gilt als der räumlich bedeutendste Bau der Mark Brandenburg und ist die größte Hallenkirche der norddeutschen Backsteingotik. Der Baubeginn erfolgte wohl mit der Verleihung des Stadtrechts im Jahre 1253 und zog sich bis 1524 hin. 1826 stürzte der Südturm ein, der nicht wieder errichtet wurde. Als die Innenstadt von Frankfurt am Ende des 2 Weltkriegs niederbrannte, wurde die St. Marienkirche fast völlig zerstört.

Ab 1980 begann der Wiederaufbau. Nach 1990 gelang es, die Kirche wieder zu überdachen, so dass jetzt wieder das gewaltige, das Stadtbild bestimmende Dach bewundert werden kann. Die St. Marienkirche war mit einer Vielzahl bedeutender Kunstwerke ausgestattet, von denen ein Teil gerettet werden konnte. Gegenwärtig sind davon der Hochaltar, der siebenflammige Bronzeleuchter, die ebenso hohe Bronzetaufe und eine große Zahl von Epitaphgemälden in der nahe gelegenen St. Gertraudkirche zu bewundern.

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Blick vom Rathausplatz auf das mächtige Kirchenschiff

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Chorfenster mit mittelalterlicher Glasmalerei

In St. Marien sind neben dem monumentalen Bauwerk selbst vor allem die restaurierten farbi leuchtenden mittelalterlichen Glasmalereien im Chor zu besichtigen, die berühmte „Bilderbibel“. Sie sind in drei hohen Chorhauptfenstern angeordnet. Nach dem 2. Weltkrieg galten die Fenster als verschollen, bis sie in der Eremitage in St. Petersburg entdeckt und nach langen Verhandlungen 2002 an ihren Ursprungsort zurückgeführt wurden. Nach der Restaurierung sind sie heute wieder in der Kirche zu besichtigen. Die drei Chorfenster mit den Themen „Schöpfung - Erlösung - Endgericht“ bilden den wichtigsten und umfangreichsten Bestand mittelalterlicher Glasmalereien in Brandenburg. Die Darstellung des Antichrist (Endgericht) ist weltweit einmalig.

Wir verweilen eine Zeitlang in der Kirche, ehe wir nach einem Blick auf das im alten Stil aufgebaute Rathaus zum Oder-Ufer spazieren.

Rathaus Frankfurt_fidelis45
Das Rathaus in Frankfurt/Oder, gegenüber der St. Marienkirche gelegen

Die Bedeutung Frankfurts war durch seine Lage an einem der wichtigsten Oderübergänge bestimmt. Auf dem westlichen Flussufer wurde die Stadt Frankfurt im 13. Jh. für deutsche Kaufleute gegründet. 1253 erhielt sie von Markgraf Johann I. von Brandenburg die Stadtrechte. Damit verbunden war die Erlaubnis zum Brückenbau und zur Errichtung eines Kauf- und Rathauses.

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Dieter steht am Ufer der Oder - im Hintergrund ist die Stadtbrücke zu sehen, die Frankfurt/Oder mit Slubice verbindet.

Auf der anderen Seite der Oder entstand das polnische Slubice. Dorthin wollten wir über die Oderbrücke gehen, aber ein Gewitterschauer zwang uns zur einer Pause ins Kartoffelhaus, einem gemütlichen Restaurant direkt am Oderufer. Hier stärken wir uns für den Nachmittag. Als wir wieder ins Freie treten, ziehen im Osten wieder dunkle Wolken auf.

Prost Rose_fidelis45
Prost Rose - mmhh, das schmeckt !
Prost Dieter_Rose56
Prost, mein Schatz - Dieter genießt ein Frankfurter Pilsener

Wir beschließen daher, uns zuerst das Kleist-Museum anzuschauen, das seit 1969 im Gebäude der ehemaligen Garnisonschule eingerichtet ist, ein Gebäude, das 1777 errichtet wurde. Vorbei an der Friedensglocke gehen wir in „eines der schönsten Literatur-Museen in Europa“, wie DIE ZEIT im Jahr 2000 das Museum betitelt.

Das Kleist-Museum widmet sich dem Leben und Werk des in Frankfurt/Oder geborenen Dichters Heinrich von Kleist (1777-1811). Das Haus verfügt über die derzeit umfangreichste Dokumentation zu Kleist und seinem literaturgeschichtlichen Umfeld.

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Der Eingang des Kleist-Museums

Besonders interessant finde ich die Beschreibung zu Herkunft und Familie. Aber auch eine umfangreiche Ausstellung seiner Werke und seiner Briefe sind zu sehen.

Kurz schauen wir uns noch im Erdgeschoß die Ausstellung der Dichter Ewald Christian und Franz Alexander von Kleist sowie Friedrich de la Motte Fouqué an, ehe wir wieder nach draußen treten. Bemerkenswert finde ich noch, daß die Räumlichkeiten des Museums für standesamtliche Trauungen und Veranstaltungen bis zu 60 Personen gemietet werden können. In den Sommermonaten steht der Museumsgarten mit Blick auf die Oder für Veranstaltungen zur Verfügung.

Immer noch hängen dunkle Wolken über der Oder. Deshalb beschließen wir, zum Auto zurückzugehen und über die Europabrücke nach Slubice zu fahren.

Wir parken auf einem bewachten Parkplatz einer Bank und schlendern durch die Fußgängerzone vorbei an den Gründerzeitbauten zur Oderbrücke zurück. Auffallend sind die vielen kleinen Tabakläden, die auch am Samstag nachmittag noch geöffnet haben. Offenbar sind Zigaretten in Polen noch günstiger als in Deutschland, solange hier noch mit Sloty bezahlt werden kann.

Beide Städte, Frankfurt und auch Slubice nahmen seit 1990 einen rasanten Aufschwung. In Frankfurt ist dieser jeden augenfälliger als in seinem Gegenüber am Ostufer der Oder. Eine Verbindung besteht in erster Linie durch die Neugründung der alten Universitas Viadrina als Europa-Universität im Jahre 1991. In Slubice steht direkt am Oderufer das Collegium Poloni-cum, eine gemeinsame Lehr- und Forschungseinrichtung der Universitäten von Frankfurt und Poznan.

Für den Sonntag ist sonniges, trockenes Wetter vorhergesagt. Deshalb beschließen wir einen Ausflug in den Spreewald. Von Bad Saarow bis Lübben sind es etwa 50 km. Lübben liegt sozusagen im Herzen des Spreewaldes. Unser Weg führt zum Kahnhafen. Als wir sehen, daß die „Lustigen Gurken“ in ein paar Minuten zur Kahnfahrt aufrufen, überlegen wir nicht lange und steigen in den Spreewaldkahn.

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Auf zur Kahnfahrt

Nachdem wir mit Getränken versorgt sind, geht es auch schon los. Mit dem Rudel - so ist die Fachbezeichnung für die Schubstange, schiebt oder „stakt“ - wie es dort heißt - der Fährmann unseren Kahn durch die Spreearme. Fast unberührte Natur zieht an uns vorüber. Viele Paddler begegnen oder überholen uns. Dieter bedauert, dass wir uns kein Paddelboot gemietet haben.

An den Schleusen haben die Spreewaldkähne Vorfahrt - wir durchqueren drei davon. Etwa 2 Stunden dauert die angenehme Fahrt und wir bekommen einen kleinen Eindruck vom UNESCO-Biosphärenreservat Spreewald.

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Unberührte Natur im Spreewald

Anschließend laufen wir über die Schlossinsel zum Lübbener Renaissance-Schloß und weiter in die Stadt. Am Marktplatz steht die Paul-Gerhard-Kirche. (Im angefügten Link kannst Du die Glocken der Kirche hören)
Der bekannte Liederdichter Paul Gerhardt (geb. 1607) kam im Jahre 1669 als Pfarrer nach Lübben. Hinter ihm lag eine Tätigkeit als Pfarrer in Mittenwalde und Berlin, die erfahrenen Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, den Tod von vier Kindern und seiner Frau und die Amtsenthebung wegen Lehrstreitigkeiten durch seinen Landesherrn Kurfürst Friedrich Wilhelm I. Sieben Jahre war Paul Gerhardt Pfarrer in Lübben, bis er 1676 starb. Er wurde im Altarraum beigesetzt. Seine Grabstelle ist nicht mehr kenntlich.

Erhalten geblieben ist jedoch das Ensemble aus Altar, Taufbecken und Kanzel, wie es Paul Gerhardt während seiner Amtszeit vor Augen hatte. Da ich die Lieder von Paul Gerhardt seit meiner Kindheit liebe, besonders „Geh aus mein Herz und suche Freud, in dieser schönen Sommerzeit“ - war es mir ein besonderes Anliegen, diese Kirche zu besichtigen.

Im Altarraum hängt ein lebensgroßes Portät vonihm, das einzige zu seinen Lebzeiten gemalte Bild von ihm. An den Emporen, Brüstungen und Türen erinnern seine Liedverse an den großen deutschen Liederdichter.

Vor der Kirche wurde zum 300. Geburtstag Paul Gerhardts 1907 ein Denkmal enthüllt. Im Sockel sind vier Liedverse Gerhardts eingemeißelt: „Befiel du deine Wege; Dein Zion streut dir Blumen; Mein Herze geht in Sprüngen; Gottlob nun ist erschollen.“

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Spätgotisches Rathaus

Die dritte Woche genießen wir in vollen Zügen. Die Termine sind nicht mehr so dicht wie in der zweiten Woche. Das Wetter ist hervorragend und Dieter genießt die Vormittage beim Schwimmen im See, während ich an zwei Tagen mit dem Fahrrad die Sehenswürdigkeiten erkunde und einfach nur die Seele baumeln lasse.

In der Mitte der Woche fahren wir ins nahegelegene Fürstenwalde.
„...der Abend hatte mich nach Fürstenwalde geführt, von wo die Fahrt in aller Morgenfrühe beginnen sollte ... über das holprige Pflaster der ehemaligen Bischofsstadt“ - so beschrieb Theodor Fontane die kleine Stadt an der Spree.

Mit ihrer mehr als 700jährigen Geschichte hat die Stadt Historisches zu bieten. Im Stadtzent-rum steht der Dom aus dem 15. Jahrhundert und das spätgotische Alte Rathaus. Seit 500 Jahren prägt es das politische Leben der Stadt und nicht zuletzt den Markplatz. Im April 1945 fast vollständig zerstört, sollte es einige Jahre später als „völlig wertlose Ruine“ abgerissen werden. Die Denkmalspflege konnte das gerade noch verhindern. Seit 1961 wurde es wieder aufgebaut und beherbergt heute den Festsaal, das Standesamt und die Kunstgalerie.

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Rathaus und Dom in Fürstenwalde
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So sieht das Bürgerhaus heute aus. Es beherbergt u.a. das Stadtmuseum

Wir schlendern weiter zum St. Marien Dom, dem Wahrzeichen der Stadt. Neben Brandenburg und Havelberg ist Fürstenwalde eine der drei märkischen Domstädte. In seiner heutigen Gestalt wurde der Dom um die Mitte des 15. Jh. gebaut. Im Laufe der Geschichte wurde er vielfach beschädigt und wiederhergestellt. Im April 1945 lag er fast vollständig in Schutt und Asche. 1995 wurde er feierlich wieder eingeweiht.

Zu den ältesten Ausstattungsstück gehört das Sakramentshaus von 1517 (es war während des Zweiten Weltkrieges eingemauert und wurde so vor der Zerstörung bewahrt) und zu den neusten die größte Orgel Brandenburgs, die zum Teil aus der Orgel der Thomaskirche in Leipzig besteht. Interessant auch die gut erhaltenen Gedenksteine, u.a. für Bischof Dietrich von Bülow aus dem Jahr 1525 und die Grabplatte des Bischofs Johann von Deher, die nach 1455 entstanden ist.

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St. Marien Dom zu Fürstenwalde

Unser Rundgang führt uns zur Domschule, in unmittelbarer Nähe des Doms gelegen. 150 Jahre wurde dieses Gebäude als Schule benutzt. Heute finden Kurse und Veranstaltungen der Kulturfabrik statt, die sich nebenan befindet. Ein eindrucksvolles Backsteingebäude das auf den Grundmauern der mittelalterlichen Bischofsburg aufgebaut wurde. Sie wurde 1891 als Bierbrauerei gebaut, diente jahrzehntelang als Lebensmittellager und ist heute das kulturelle Zentrum der Stadt Fürstenwalde. Im Garten steht ein alter Leuchtturm.

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Kulturfabrik, daneben Ruine der alten Bischofsburg

Etwas abseits des Zentrums befindet sich das Jagdschoss, das 1699 auf Betreiben des Kurfürsten Friedrich III. als Jagdschloss mit Lustgarten errichtet wurde. Heute fristet es, zur Ruine verfallen, sein trostloses Dasein in einem verwilderten Garten - von Lustgarten keine Spur mehr.

Für einen weiteren Rundgang sind wir zu müde und gehen zurück zum Marktplatz, wo wir im Schatten großer Kastanienbäume eine Kleinigkeit essen, ehe wir wieder nach Fürstenwalde zurückfahren.

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verfallenes Jagdschloß - es hat schon bessere Zeiten gesehen

Zu schnell vergehen die restlichen Tage unseres Kururlaubs und freitags heißt es „packen“. Samstag morgen starten wir die Rückreise, wollen aber noch einen Tag in Quedlinburg verbringen - doch dieser interessante Tag soll dem nächsten Bericht vorbehalten bleiben.

Fazit: Es waren erholsame drei Wochen in einer Landschaft, wo das Leben leichter scheint als anderswo. In stillen Momenten am Seeufer wurden die Gedanken klar und aller Streß fällt ab. Doch leider verrinnt die Zeit zu schnell und schon sind wir wieder mittendrin im Alltag. Durch das Schreiben des Berichts konnte ich jedoch noch einmal eintauchen in die Sommerfrische am Scharmützelsee und das Lesen und Anschauen der Bilder ruft die Erinnerung zurück ans Märkische Meer in der Mark Brandenburg.

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Abendidylle am See

eingestellt im August 2009

Autor: Feierabend-Mitglied

Eine Zeitreise ins Mittelalter ... Quedlinburg

Kommst du nach Quedlinburg, könntest du denken, die Zeit wäre stehen geblieben. Es gibt nicht viele Städte in Deutschland, die derart an das Mittelalter erinnern, wie die Stadt am Harz. Das verdankt sie zum einen der Tatsache, dass sie im Zweiten Weltkrieg von Bombardierung verschont blieb, zum anderen der Aufnahme 1994 in die Liste des Weltkultur- und Naturerbes der UNESCO. Zwar fielen manche Fachwerkbauten 40 Jahre Sozialismus zum Opfer, dennoch konnte Quedlinburg den Grundriss einer mittelalterlichen Stadt mit ihrem ursprünglichen Straßenverlauf bewahren. Mit ihren nach wie vor Hunderten von Fachwerkhäusern wirkt die Stadt wie ein großes Freilichtmuseum der Fachwerkbaukunst.

Schon lange wollten wir nach Quedlinburg, aber nie hatten wir es geschafft. Als wir uns die Route nach Bad Saarow anschauten, stellten wir fest, daß dieses Mal ein Besuch der Stadt ohne einen großen Umweg machbar wäre. Wir entschieden uns zum Abstecher auf der Rückreise und buchten eine Übernachtung im Herzen der Altstadt, in der Pension „Hotel Am Stadtwall".

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Das "Hotel am Stadtwall" in der Hohen Straße in Quedlinburg

Von Bad Saarow nahmen wir am Samstag, dem 1. August 2009 die Autobahn Berlin - Magdeburg - Halle und fuhren hinter Magdeburg auf die Bundesstraße Richtung Halberstadt. Nach etwa 3 Stunden waren wir in Quedlinburg.
In der Stadt versagte unser Navigationsgerät kläglich. Wie konnten wir auch vorher wissen, dass wir nicht die „Hohe Straße“, in der sich unser Hotel befand, eingeben durften, sondern die Straße vorher, die „Altetopfstraße“. So versuchte unser Navi, uns auf dem direkten Weg in die Hohe Straße zu befördern mit dem Ergebnis, daß wir immer wieder in den kleinen Gassen stecken blieben, weil es einfach nicht weiterging. Zum Glück war Dieter so vorausschauend gewesen und hatte mit den Ortsplan von Quedlinburg ausgedruckt. Ich hatte allerdings Mühe, überhaupt die Straßen zu finden, in die uns das Navi immer wieder vergeblich schickte, bis wir es dann endlich ausschalteten, anhielten und Passanten nach dem Weg fragten, den ich auf dem Ortsplan verfolgte.
So gelangten wir aus dem Gewirr der Altstadtstraßen wieder auf die Ringstraße, von dort in die Weststraße und schließlich in die Altetopfstraße. Leicht genervt von der Sucherei stellten wir uns zu Beginn der Hohen Straße auf einen öffentlichen Parkplatz und gingen zu Fuß in die schmale Straße, um erst einmal unser Hotel zu suchen und zu schauen, wo wir dort parken konnten.

Daß es sich um ein relativ kleines Hotel handelte merkten wir daran, daß die Rezeption nicht besetzt war und wir den Inhaber, bzw. dessen Vertreter, mittels Handy erst herbeirufen mußten. Er zeigte uns zwei Zimmer, eines im Hotel, eines in der Dependence gelegen - für das wir uns entschieden - und den Parkplatz im engen Hof.

Nachdem wir das Nötigste ausgepackt und in die 2. Etage der Dependence getragen hatten, begaben wir uns gleich auf einen Erkundungsrundgang in die Altstadt.

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Mittelalter in der Hohen Straße

Am 22. April 922 findet sich in einer von König Heinrich I. vollzogenen Urkunde erstmals die Bezeichnung „villa quiltilingaburg“. Dieses Dokument gilt als die Geburtsurkunde des Ortes Quedlinburg. Natürlich fängt die Geschichte des Ortes nicht erst mit Heinrich I. an. Dort waren bereits die Cherusker und die Duren oder Duringe (= Thüringe) zu Hause. Ausgegrabene Mauerreste stammen aus merowingischer Zeit (482 - 714 n. Chr.). 919 soll, so die Legende, der sächsische Herzog Heinrich aus dem Geschlecht der Liudolfinger zum Oberhaupt der deutsche Lande gekrönt worden sein.
In der Folgezeit unterwarf König Heinrich die Slawen östlich der Elbe und in Böhmen. Zum Alleinerben des Reiches ernannte er seinen zweiten Sohn Otto. Damit wollte er die Unteilbarkeit der deutschen Königsherrschaft sichern. Seiner geliebten Frau Mathilde schenkte er eine Reihe von Ortschaften zur Witwen-Nutznießung, darunter Quedlinburg. Er ließ den Sandsteinfelsen zu einer starken Burg mit einer kleinen Kirche ausbauen. Als er 936 starb, wurde er dort zur letzten Ruhe gebettet.

Domberg_fidelis45
Schloßberg mit Dom

Sein Nachfolger, der junge König Otto I. gründete auf dem Burgberg ein Frauenstift und setzte seine Tochter Mathilde als erste Äbtissin ein. Das Stift war ein eigener, in sich geschlossener Verwaltungs- und Gerichtsbezirk. In weltlichen Angelegenheiten stand es direkt unter dem Schutz des Königs oder Kaisers, in kirchlichen Fragen war es nur dem Papst Rechenschaft schuldig.
994 wurden der Reichsäbtissin Mathilde durch König Otto III. das Münz-, Markt- und Zollrecht verliehen. Diese Markturkunde belegt das Entstehen der Stadt Quedlinburg. Ferner verfügte er die volle Immunität des Quedlinburger Marktes und den ungehinderten freien Handel im ganzen Reich. Diese Rechte besaßen bis dahin nur die Kaufleute in Magdeburg und Goslar.

Burgberg_fidelis45
Burgberg mit Schloß und Wohnhäusern

Am Fuße des Stiftsberges entwickelte sich eine eigenständige Stadt mit Marktplatz, Rathaus, Stadtkirche und Wohnhäusern nebst Warenlagern. Im 11. Jahrhundert erlangten die Bürger die Rechte des Marktes und des Handels, der Befestigung, der Besteuerung und der Finanzverwaltung, ohne dabei die Oberhoheit des Stifts in Frage zu stellen. Die Zahl der Bürger und Kaufleute nahm rasch zu. Das 12. bis 15. Jahrhundert war eine Zeit der Blüte. Es entstanden das Rathaus, drei Stadtkirchen und eine Steinbrücke über die Bode, außerdem eine vier Kilometer lange Stadtmauer mit 28 Türmen, die 1330 die Altstadt und die Neustadt zusammenfaßte.

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Marktplatz mit Rathaus

1426 trat Quedlinburg der Hanse bei und zählte aufgrund seiner Finanzkraft zur zweitgrößten Städtegruppe hinter Magdeburg, Halle und Braunschweig. In den folgenden Jahrhunderten erholte sich die Stadt immer von wieder von Kriegen und Krisen und wechselte die Besitzer, bis auf dem Wiener Kongress 1815 Quedlinburg endgültig dem Königreich Preußen zugesprochen wurde. Der wirtschaftliche Wohlstand im 19. Jahrhundert verdankte die Stadt vor allem den vielen Blumen- und Saatzuchtbetrieben, die ihre Sämereien in alle Welt lieferten.

Auf dem Weg zum Burgberg kamen wir am Brauhaus Lüdde vorbei und beschlossen spontan, den Abend bei einem Glas Bier hier zu beenden, zumal unser Quartier nur um die Ecke lag.

Brauhaus Lüdde_fidelis45
Das Brauhaus Lüdde mit seinen Spezialitäten: Knutteforz und Pubarschknall !

Schon von weitem beherrscht die Silhouette des Quedlinburger Burgbergs das Panorama der Stadt im Harzvorland. Auf dem Felsen erhebt sich die alte Stiftsburg, die von der hochromanischen Stiftskirche - dem Quedlinburger Dom - dominiert wird. Malerisch schmiegen sich kleine Fachwerkhäuser an den Berg.

Nachdem wir den Burgberg auf dem typischen Kopfsteinpflaster erklommen hatten, standen wir an der Stiftskirche vor verschlossenen Türen. Am Abend sollte ein Konzert des Quedlinburger Musiksommers mit Angelika Milster stattfinden und aus diesem Anlaß wurden bereits um 16.30 die Pforten geschlossen. Schade, wir waren 10 Minuten zu spät gekommen. Nach kurzem Überlegen beschlossen wir, am nächsten Tag zur Öffnung um 12 Uhr wieder dort zu sein und den weiteren Nachmittag für die Besichtigung der Altstadt zu nutzen.

Unterhalb der Burg steht auf einem kleinen Platz ein stattliches Patrizierhaus im Fachwerkstil. Es wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jh. für eine wohlhabende Bürgerfamilie errichtet. Hier wurde 1724 der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock als erstes von 17 Kindern geboren.
Bis 1817 war es im Besitz der Familie - heute dient es als Museum.

Bis zum Marktplatz ist es nicht weit. An dem herrlichen Sommertag sitzen viele in den kleinen Straßencafés und Restaurants im Freien. Es scheint, als sei die Zeit stehen geblieben. Bereits im 11. Jahrhundert herrschte hier schon reger Handel, kreuzten sich doch zwei wichtige Handels- und Verkehrswege in Quedlinburg: die alte Reichsstraße von Goslar über Halberstadt und Gernrode zur damals wichtigen Kaiserpfalz Tilleda und die Straße nach Magdeburg, Halle und Leipzig. Wer früher etwas verkaufen wollte, durfte dies nur auf dem Markt; in den Gassen war der Handel untersagt. Hier fanden politische Versammlungen, Gerichtstage und Hinrichtungen statt.

An der Marktkirche_fidelis45
Alte Straße an der Marktkirche

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nördlicher Teil des Rathauses

Wie es der Bedeutung eines Marktes zukommt, stehen an ihm die namhaftesten Gebäude der Stadt. In Quedlinburg stammen die ältesten und stattlichsten aus dem 16. Jahrhundert, so das Lohgerber-Gildehaus, das heute ein Hotel beherbergt und das Haus Grünhagen. Über dem Portal ist die Jahreszahl 1701 zu lesen. In dem spätbarocken Patrizierhaus ist heute die Musik-schule untergebracht. Im Hotel „Zum Bär“ logierten Heinrich Heine und Theodor Fontane auf ihren Reisen in den Harz. Am Ende des Platzes steht das mächtige Quedlinburger Rathaus, dahinter die Marktkirche St. Benedikti.

Die repräsentative Südseite des Rathauses mit seinem grünem Weinlaub bietet einen malerischen Anblick. Über dem Renaissanceportal aus dem Jahre 1616 befindet sich der schwarze Reichsadler. Er trägt auf seinem Brustschild das Stadtwappen Quedlinburgs. Das Rathaus selbst wurde 1310 erstmalig in einer Urkunde erwähnt. An der Südwestecke des Rathauses steht der Roland, das alte Wahrzeichen für Marktgerechtigkeit und städtische Selbständigkeit.

Nachdem wir uns in einem kleinen Café am Marktplatz mit einem Eiskaffee gestärkt haben, spazieren wir durch den „Hoken“ weiter zur Marktkirche. Die Straßenbezeichnung Hoken erinnert an die Kleinhändler, die an diesem Ort einst ihre Waren, vor allem Lebensmittel, verhökert haben. Auch hier und in der Marktstraße stehen reich geschmückte Fachwerkhäuser mit prächtigen Ornamenten. An einem der Häuser - ein Blick auf die Karte bezeichnet es als „Schneemelcher-Haus“ ist eine Inschrift von 1562 in lateinischer Sprache zu lesen. Übersetzt heißt es: „Die Notwendigkeit lehrte das Haus zu bauen. Das führte zu stattlicher Bequemlichkeit, würde jedoch noch die Üppigkeit hinzukommen, wäre dies eine Sünde“.

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Das sog. Schneemelcherhause von 1562

Am Marktkirchhof vorbei, mit einem schönen Ensemble von Fachwerkbauten sind wir im Nu bei der Marktkirche St. Benedikti. Wir haben das Glück, dass sie noch geöffnet ist. 1233 wird sie erstmals urkundlich erwähnt; Mauerteile im Innenraum der Krypta weisen jedoch auf eine frühere Kirche hin.

Der schönste Teil der Kirche ist wohl der im Stil der Hochgotik gebaute Chor, der sich seit seiner Erbauung in den Jahren 1410 - 1436 unverändert erhalten hat. Von allen Kirchen der Stadt verfügt die Marktkirche noch über den umfangreichsten Bestand an alter Ausstattung, u.a. der geschnitzte Hochaltar, der den dekorativen Abschluss des Chores bildet. Interessant ist auch die hölzerne Kanzel, die 1595 erschaffen wurde. Die Orgel gehört seit 1888 zur Ausstattung.

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Wunderschöne Altstadt

Nach dem Besuch der Kirche gehen wir weiter durch so klingende Straßennamen wie „Hölle - Pölle - Stieg“. An einem Haus in der Pölle Nummer 39 macht eine Tafel auf einen berühmten Quedlinburger aufmerksam, der hier 1759 das Licht der Welt erblickte: Johann Christian GutsMuths. Er gilt als der Begründer des Schulturnens und als „Erzvater“ der deutschen Turnerbewegung überhaupt. In seinem Buch „Gymnastik für die Jugend“ erläutert er, wie wichtig Körperertüchtigung für eine gesunde Entwicklung junger Menschen ist.

Danach habe ich genug gesehen und gehe zurück zu unserem Hotel, während Dieter noch nicht genug gesehen hat und mit Kamera bewaffnet die Stadt alleine weiter erkundet. Nachdem wir uns ein wenig ausgeruht haben, stiefeln wir am frühen Abend nochmals los und setzen uns in die Nähe des Rathauses vor ein kleines Restaurant, um uns zu stärken und die Atmosphäre auf dem Marktplatz auf uns wirken zu lassen. Vor einem Hotel sind Tangoklänge zu hören und Tänzer ziehen die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Es erscheint seltsam, in Quedlinburg solch feurige Töne zu hören. Die mittelalterliche Musik am Nachmittag, gespielt von jungen Leuten auf alten Instrumenten paßte besser.

Hölle_fidelis45
In Quedlinburg gibt es die Hölle

Auf dem Rückweg kehren wir noch in das am Nachmittag entdeckte Brauhaus ein und genehmigen uns ein Pils vom Faß.

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Das Brauhaus Lüdde am Abend - einladend, oder?
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Ein Prosit auf den Knutteforz - der Schwarzbierspezialität im Brauhaus Lüdde

Nach einer unruhigen Nacht - von dem alten Pflaster dringt jedes Geräusch nach oben - erwartet uns am nächsten Morgen ein reichhaltiges Buffet im Frühstücksraum des Hotels. Er war im 19. Jahrhundert ein großer Konzertsaal. Danach packen wir und stellen das Auto wieder auf den öffentlichen Parkplatz unterhalb des Burgberges. Da noch genügend Zeit ist, bis die Kirche öffnet, gehen wir in den Terrassengarten auf dem Schlossberg, der mit barocken Putten angelegt ist. Von hier oben hat man einen wunderschönen Rundblick auf die Stadt und das Harzvorland.

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Im Schloßgarten

Endlich ist es 12 Uhr und die Stiftskirche St. Servatii wird für die Besucher geöffnet. Für 7 € kaufen wir ein Kombiticket für Schlossmuseum, Dom und Domschatz und zahlen noch 1,50 €, um die Krypta besichtigen zu können. Leider ist das Fotografieren im Dom und vor allem des Domschatzes nicht erlaubt. All diejenigen, die einmal nach Quedlinburg kommen, sollten ihn sich aber unbedingt ansehen. Ich werde ihn in der Folge deshalb lediglich beschreiben. Hier kannst Du Dir Fotos von Terra X vom ZDF anschauen. Klicke dabei rechts auf die "Bilderserie".

Nach heutigem Forschungsstand hat die Stiftskirche, die zu den bedeutendsten Bauten der Hochromanik im norddeutschen Raum gehört, drei Vorgänger gehabt. Bereits vor 936 wurde auf dem Burgberg eine kleine Pfalzkapelle errichtet.

Vor ihrem Hauptaltar fand König Heinrich I. seine letzte Ruhestätte. Nach seinem Tod ließ seine Frau, Königin Mathilde, an ihrer Stelle einen größeren Bau errichtet. Es wird angenommen, daß die erste Damenstiftskirche ein Saal in den Ausmaßen der heutigen Krypta war. Namenspatron der neuen Kirche war der heilige Servatius. Der dritte Kirchenbau begann während der Regierungszeit der Äbtissin Mathilde (966-999). Die Weihe des Gesamtbaues im Jahre 1021 erlebte sie nicht mehr. Sie wurde zu den Häupten ihrer Großeltern vor dem Hauptaltar der alten Stiftskirche beigesetzt. Ihre Nachfolgerin Adelheid führte die Bauarbeiten fort und ließ eine Krypta in die alte Stiftskirche einfügen. 1070 vernichtete ein Großband sämtliche Gebäude auf dem Burgberg und damit wohl auch die Stiftskirche.
Auf den Grundmauern begann vermutlich unmittelbar danach der Neubau, der sich bis Ende des 11. Jahrhunderts hinzog. 1129 erfolgte die Weihe in Anwesenheit Kaiser Lothars III. Dieser vierte Bau ist mit einigen Veränderungen und Umbauten bis heute erhalten geblieben.

Der Besucher betritt die Kirche durch einen Anbau von der Westseite aus. Der Blick fällt in das dreischiffige Langhaus und auf den hoch liegenden Chor, bedingt durch den Einbau der darunter liegenden ebenerdigen Krypta. Über zwei seitliche Treppen steigt man in den Chor.
Der Kirchenraum verfügt zwar über figürlichen Schmuck, nicht aber über die Farbigkeit sonstiger mittelalterlicher Kirchen. Über dem Altar beherrscht ein lebensgroßes spätgotisches Kruzifix den Raum. Die schmalen Säulen tragen reichen Reliefschmuck aus Rosetten, men-schlichen Masken, Fabelwesen und Dämonen.

Die Orgel ist 1971 von der Firma Schuke, Potsdam, gebaut worden. Der Blick vom Chor zurück durch das Langhaus vermittelt einen Eindruck von der Schönheit und Großartigkeit des Raumes. An der Westwand befindet sich die Empore aus zwei auf Mittelsäulen ruhende Doppelarkaden. Sie wird als Kaiserloge bezeichnet, war wohl aber im Mittelalter der Äbtissin und ihren Stiftsdamen vorbehalten.

Vom Hohen Chor gelangen wir in die 1179 ins nördliche Querhaus eingebaute Schatzkammer, den sog. Zitter. Hier und in der auf der gegenüberliegenden Seite hinter der Orgel befindlichen Kammer präsentiert sich einer der erlesensten und kostbarsten Kirchenschätze des Mittelalters,, den Kaiser und Könige, Fürsten und auch die Äbtissinnen im Laufe der Jahrhunderte hier zusammengetragen haben.
Vieles von dem Schatz - in einem Inventar des 11. Jh. waren bereits 96 Stücke genannt - ist über die Jahrhunderte verschwunden. So führten der allmähliche Verfall des Stifts am Ende des Mittelalters und die wachsende Geldnot der Abtei im 14. und 15. Jh. zum Verkauf wertvoller Teile.
Während des 2. Weltkriegs wurde der Domschatz wegen möglicher Bombenangriffe in Kisten sicher verpackt und lagerte in den Höhlen der Altenburg.
Die Amerikaner entdeckten kurz nach ihrem Einmarsch im April 1945 die Höhe mit ihrem kostbaren Inhalt. Der junge Oberleutnant Meador und seine Einheit wurde mit dem Schutz der Kunstschätze betraut. Doch dieser entwendete aus einigen Kisten das Wertvollste und brachte es auf bis heute unerklärliche Weise in seine Heimat nach Texas. Erst nachdem die Amerikaner abgerückt waren, wurden die Kisteninhalte anhand von Inventarlisten überprüft. 14 der kostbarsten Stücke, darunter das einmalige Samuhel-Evangeliar aus dem 9. Jahrhundert, das Reliquiar Heinrichs I. und dessen Haarkamm aus Elfenbein, fehlten.

Über 40 Jahre galten die Kunstschätze als verschollen. Erst als die Erben Meadors das Samu-hel-Evangeliar verkaufen wollten, konnte nach langjährigen Ermittlungen der Kunstraub aufgedeckt werden. Nach amerikanischem Recht war die Angelegenheit allerdings schon verjährt, weshalb es mit der Familie Meador zu einem Vergleich kam, in dessen Folge zehn der gestohlenen Objekte von Deutschland zurückgekauft wurden. Ein kleines Kreuz und ein Bergkristallfläschchen gingen in Amerika verloren und stehen noch auf der Fahndungsliste.
Seit Herbst 1993 ist der Quedlinburger Domschatz mit fast allen seinen Teilen wieder am angestammten Ort, dem Zitter der Quedlinburger Stiftskirche, zu besichtigen.

Und es lohnt sich. Staunend stehen wir vor dem wertvollen Samuhel-Evangeliar, und bestau-nen den prachtvollen Buchdeckel, der mit einem breiten Rand aus Edelsteinen, Perlen und goldenem filigranen Ranken geschmückt ist. Das Mittelfeld des Buchdeckels zeigt oben Maria mit dem Jesuskind, unten zwei Bischöfe - wahrscheinlich die beiden Schutzpatrone der Stiftskirche, Servatius und Dionysius. Das Evangeliar selbst ist eine prachtvoll illustrierte und mit Goldbuchstaben auf Pergament geschriebene kaolingische Handschrift aus dem 2. Viertel des 9. Jahrhunderts. Sie enthält die vier Evangelien des Neuen Testaments. Am Ende der Handschrift nennt sich ein Mönch namens Samuhel als Schreiber.

Zu bestaunen ist weiterhin der Reliquienkasten Ottos I., das sog. Servatiusreliquiar, sowie das Heinrichs- und Katharinenreliquiar, zwei Reliquienkästen mit kostenbaren Reliefs. Außerdem eine Buchseite aus der Quedlinburger Itala. Die Pergamentseite gehört zu den ältesten Zeug-nissen einer bebilderten Bibelübersetzung und ist Ende des 4., Anfang des 5. Jhs. in Rom entstanden. Die bebilderte Handschrift gelangte wohl über das ottonische Herrscherhaus in den Besitz der Stiftskirche. Vermutlich hatte Kaiser Otto I. sie in Rom erworben oder als Geschenk erhalten.

Dem Samuhel-Evangeliar ähnlich ist das Otto-Adelheid-Evangeliar. Der Buchdeckel wurde wohl zur gleichen Zeit in Quedlinburg geschaffen wir die des Samuhel-Evangeliars. Die Handschrift ist um die Jahrtausendwende in Quedlinburg niedergeschrieben worden.

Zu sehen sind auch noch ein Bischofsstab und ein Elfenbeinkamm, der König Heinrich I. zugeschrieben wird. Es ist eine prächtige, mit Weinranken verzierte Elfenbeinarbeit und stammt vermutlich aus dem syro-ägyptischen Raum aus dem 7./8. Jh. Der Kanaa-Krug ist ein großes Alabastergefäß, dessen Herstellungsort Alexandria oder Rom sein soll. Kaiser Otto I. soll ihn bei seinem letzten Reichstag in Quedlinburg dem Stift geschenkt haben.
Zu den Kostbarkeiten gehören auch kleine schimmernde Flakons aus Bergkristall. Ihren Ursprung haben ebenfalls im ägyptisch-syrischen Raum. Die kleinen Behälter dienten zur Aufnahme teurer, wohlriechender Essenzen. Später dienten sie als herrschaftliche Geschenke. Als solche gelangten sie auch in den Besitz des Stiftes. Eine Inschrift an einem von ihnen bezeugt Kaiser Otto III. als Spender. Die Formschönheit und der funkelnde Glanz des edlen Materials haben 1945 Meador wohl so fasziniert, dass er alle Stücke ohne Ausnahme raubte und nach Texas brachte.

Eine besondere Rarität ist ein kleines, ovales Kästchen mit dem Wappen Kaiser Ottos IV. aus der Zeit um 1210.
Noch weitere Gegenstände gehören zum Quedlinburger Domschatz: kleinere Reliquienkapseln, hölzerne Reliquienschreine, Kreuze, Holzdöschen, Kästchen und Seidenfragmente.

Später besuchen wir noch den Teppichsaal. Er ist speziell für die noch erhaltenen und 1992 gereinigten und konservierten Teilstücke des berühmten Quedlinburger Knüpfteppichs herge-richtet worden. Sie gehörten ursprüngich zu einem 7,40 m x 5,90 m großen Bildteppich, der für den Hohen Chor der Stiftskirche bestimmt war. Gestiftet hatte ihn die Äbtissin Agnes II. von Meißen (1184 - 1203). Die Motive zu den Bildern zeigen die Hochzeit des Merkur mit der Philologie, der Königin der Wissenschaften. Dieses im Mittelalter allgemein beliebte Thema wurde einer um 470 entstandenen Schrift entnommen. Der um 1200 entstandene Quedlinbur-ger Teppich gehört zu den bedeutendsten textilen Kunstwerken aus romansicher Zeit und ist der älteste Knüpfteppich des Abendlandes. Dass überhaupt noch Teile dieses Teppichs erhalten sind, grenzt beinahe an ein Wunder. In späterer Zeit wurde er einfach in Stücke geschnitten. 1832 fand man die als Fußmatten genutzten Teile in der Stiftskirche.

Da wir noch Sonderkarten für eine Führung in der Krypta hatten, fanden wir uns um 13 Uhr vor der Türöffnung hinter dem Altar ein. Geheimnisvolles Dunkel empfing uns. Der Hauptraum der Krypta ist eine dreischiffige Halle, die in einer Apsis endet. Gewölbemalereien mit Figurenzyklen aus dem alten Testament schmücken den düsteren Raum. Das kultische Zentrum der Krypta bilden die Königsgräber in der Apsis und die halbrunde Confessio, eine Andachtsgruft mit Rundnischen. Sie diente wahrscheinlich der Königinwitwe Mathilde und den anderen Familienmitgliedern dazu, im Gebet dem verstorbenen König Heinrich I. nahe zu sein.

Vor der Confessio liegt im Boden unter zwei Gittern die Gruft, in der Heinrich I. beigesetzt wurde. Vom Sarg des Königs ist allerdings nichts mehr vorhanden, lediglich Reste eines Steinsarges sind verblieben. Wann und wohin der Leichnam des Toten umgebettet wurde, ist nicht bekannt. Es wird vermutet, dass die Grabstätte des Stifters beim späteren Umbau der Pfalzkapelle einen Ehrenplatz vor dem Hauptaltar des Hohen Chores fand.
Rechts neben dem Heinrichsgrab befindet sich der Steinsarg der Königin Mathilde. Der Sarg steht unverändert an der Stelle, wo er 968 beigesetzt wurde. Zu Häupten ihrer Großeltern wurde 999 in einem Bleisarg die Enkelin, Äbtissin Mathilde beigesetzt.

An der Südwand der Krypta stehen die Grabsteine der ersten Äbtissinnen. Sie gehören zu den wertvollsten romanischen Skulpturen. Die lebensgroßen reliefartig gestalteten Figuren sind aus Stuck hergestellt worden.

Die junge Touristenführerin erzählte uns noch etwas über das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Stiftskirche. Genau eintausend Jahre nach Heinrichs Tod versammelte sich am 2. Juli 1936 auf dem Schlossberg von Quedlinburg die SS, an ihrer Spitze Heinrich Himmler. Mit großem propagandistischem Aufwand entweihten sie die altehrwürdige Stiftskirche und erklärten sie zur „Weihestätte“ der SS. 1937 fand man auf dem Schlossberg Knochenreste. Sofort „identifizierte“ man sie als die Gebeine Heinrichs I. und hatte so den willkommenen Anlaß gefunden, ihn noch einmal durch die SS beisetzen zu lassen. Die Nazis vereinnahmten Heinrich I. kurzerhand als ihren Ahnherrn. Von 1936 bis 1939 wurde die Kirche renoviert. Dabei vermauerte man kurzerhand den gotischen Chor „romanisch“ und entfernte Altar, Kanzel und Gestühl.
Nach diesen schwärzesten Jahren Deutschland fand am 3. Juli 1945 zum ersten Mal wieder ein Gottesdienst in der Stiftskirche statt.

Nachdem wir - besonders in der Krypta - den „Hauch der Geschichte“ gespürt hatten, verließen wir den Quedlinburger Dom, um noch einen kurzen Blick in das Schlossmuseum zu werfen. Es präsentiert eine Sammlung der Regionalgeschichte, angefangen von der Vor- und Frühgeschichte, der Stiftsgeschichte bis hin zur Stadtgeschichte.

Nach so viel Kultur hatten wir Hunger und bevor wir uns auf die Heimreise machten, stärkten wir uns in einem kleinen Café auf dem Burgberg. Gegen 15 Uhr verließen wir Quedlinburg, und fuhren hinter Goslar auf die A7. Staus durch Baustellen und Unfälle zwangen ständig zu stop and go - vor Frankfurt kamen wir für 20 km in einen starken Gewitterschauer, aber als wir die Weisenauer Brücke überquerten, sahen wir den Mainzer Dom im Abendlicht. Die Heimat hatte uns um 20 Uhr wieder!

Quedlinburg_fidelis45
Abschied von Quedlinburg

eingestellt am 3. September 2009

Autor: Feierabend-Mitglied

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