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Mauerfall vor 30 Jahren - Fahrt nach Berlin vom 8. bis 12.11.2019


1. Tag:

Früh um 6:00 Uhr beginnt die Fahrt. Über Wiesbaden und Frankfurt geht es direkt auf die diversen Autobahnen. Alberto stellt uns den Fahrer vor: den gebürtigen Ungarn Matiyos, wir dürfen ihn Matthias nennen. Ich kenne ihn und seine umsichtige Fahrweise bereits von der Moselfahrt. Er kutschiert uns während der gesamten Reise und ist ein überaus zuverlässiger und stets freundlicher Begleiter.

Bei der ersten Pause kramt Alberto eine Überraschung aus: Sektgläser sowie eine Flasche feinsten Prosecco und lässt uns anstossen auf eine gute Fahrt und schöne Tage!

Nach zügiger Fahrt kommen wir eine Stunde früher als angenommen über die Avus in Berlin an. Die AVUS (Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße) war bei ihrer Eröffnung 1921 die erste ausschließliche Autostraße der Welt und diente als Test- und Rennstrecke.
Es sollte die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie gefördert werden. Auf der fast gradlinig durch den Grunewald führenden Rennstrecke wurden Rekorde erzielt, es geschahen leider auch viele tödliche Unfälle. Untrennbar mit der AVUS sind Namen wie Fritz von Opel, Rudolf Caracciola, Manfred von Brauchitsch, Bernd Rosemeyer, Juan Manuel Fangio und die Mercedes-Silberpfeile verbunden.

1940 wurde die AVUS an den Berliner Ring angeschlossen, sie ist heute Bestandteil der A 115. In den 50er Jahren wurde nach Streckenänderungen ein Neubeginn des Rennsports versucht, musste jedoch u.a. wegen erhöhter Anforderungen an Sicherheit nach und nach eingestellt werden und wurde nach dem letzten Rennen 1998 offiziell beendet. Der ehemalige Zielrichterturm am Ausgang der damaligen Nordkurve ist heute ein Motel, die ehemaligen Zuschauertribünen sind verhüllt und sehen einem ungewissen Schicksal entgegen.

Ein beliebtes Spielchen während der Fahrt über die Avus ist die Frage, wer als erster den Funkturm erblicken wird. Der Berliner Funkturm ist ein 147 m hoher Stahlfachwerk-Turm auf dem Messegelände und eines der Wahrzeichen Berlins. Er wurde 1926 zur 3. Großen Deutschen Funkausstellung Berlin in Betrieb genommen und steht heute unter Denkmalschutz. Der Architekt Heinrich Straumer ließ in 50 m Höhe ein Turmrestaurant und an der Turmspitze einen Aussichtsbereich bauen. Vom Funkturm wurden ab 1926 Sendungen des Hörfunks und ab 1929 versuchsweise Fernseh-Testsendungen ausgestrahlt, auch die weltweit erste Fernsehsendung kam 1932 vom Berliner Funkturm. Seit 1989 strahlt er nur noch Amateur- und Landfunk aus.
In seiner Form erinnert er an den Pariser Eiffelturm, ist jedoch wesentlich schlanker. Er wird liebevoll "Langer Lulatsch" genannt.

Die Fahrt zum Hotel führt über den Kurfürstendamm, der einst ein Holzbohlenweg war und als Reitweg vom Stadtschloss zum Jagdschloss Grunewald diente, einige Seitenstraßen tragen die Namen oder die Spitznamen der Brandenburgischen Kurfürsten. Auch der Name der Frau des Großen Kurfürsten ist vertreten: Louise-Henriette-Platz am S-Bahnhof Halensee.

Im Hotel nehmen wir nur schnell die Zimmer in Beschlag und laufen – dank der zentralen Lage des Hotels – zu Fuß den Ku'damm entlang zur ev. (Kaiser-Wilhelm-) Gedächtnis-Kirche.

Sie wurde im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. zum Gedenken an seinen Großvater, Kaiser Wilhelm I. von 1891 bis 1895 im Stil der Neoromanik erbaut. Nach der Kriegszerstörung ließ man den beschädigten Turm als Mahnmal stehen – genannt "Hohler Zahn" - und beauftragte Egon Eiermann mit einem Neubau.

Es entstand ein achteckiger Kirchenbau und ein sechseckiger Turm, genannt "Puderdose und Lippenstift". Beide Bauten bestechen durch die überwiegend in Blautönen gehaltenen unzähligen kleinen Fenster, die – außer der großen Christusstatue über dem Altar – den einzigen Schmuck darstellen und bei jeder Beleuchtung sowohl von innen als auch von außen sehr eindrucksvoll sind. Das Kirchenensemble wurde 1961 von Landesbischof Otto Dibelius eingeweiht.

Nebendran steht direkt vor dem Europa-Center seit 1983 der "Weltkugelbrunnen" von Prof. Schmettau – genannt "Wasserklops". Eine große Granitkugel, von Granitstufen umgeben und mit unzähligen Wassersprudeln und Figuren aus Metall bestückt – es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken.

Im Europa-Center gibt es nicht nur viele Geschäfte und Restaurants, sondern auch die Wasseruhr mit dem Titel "Uhr der fließenden Zeit". Es ist eine 13 Meter hohe Wasseruhr, die sich über drei Etagen erstreckt. Die Uhr wurde von dem Franzosen Bernard Gitton entworfen und 1982 aufgestellt. Die Zeit wird bei dieser Uhr in einem Kreislauf durch flüssigkeitsgefüllte Glaskugeln angezeigt, deren kleinste im 144-Sekunden-Takt gefüllt werden. In der unteren Hälfte der Uhr schwingt zusätzlich ein Pendel.

Diese moderne Art einer Wasseruhr stellt den Ablauf von Minuten und Stunden im Zwölf-Stunden-Takt dar. In einem System gläserner, zu Türmen angeordneter Kugeln und kommunizierender Röhren fließt farbiges Wasser und ermöglicht mittelbar die Anzeige der jeweiligen Uhrzeit. Immer um 1 Uhr und um 13 Uhr leert sich das gesamte System und der Zyklus beginnt von neuem. (Quelle: Wikipedia)

Und die Uhr geht sekundengenau, aber man kann darauf wetten, dass fast jeder Besucher prüfend auf seine Armbanduhr schaut!

Alberto hat inzwischen eine Lautsprecher-Anlage für den Bus bei Saturn gekauft. Wir durchqueren das Europa-Center und laufen entlang der Tauentzienstraße zum KaDeWe, dem Kaufhaus Des Westens. Es ist das größte Kaufhaus auf dem Kontinent und das zweitgrößte in Europa, nach Harrods in London.

Am Haupteingang treffen wir Alberto wieder, gelangen mit Scheuklappen durch Cartier, Gucci und all die anderen Edelverkäufer und die Oligarchen-Gattinnen hindurch zu den Rolltreppen, um gemeinsam in die 6. Etage, die Lebensmittel-Etage, zu fahren (ein absolutes Muss, leider durch Umbauarbeiten etwas beeinträchtigt).
Zwischendurch begutachten wir die Weihnachts-Dekorationen in der 4. Etage, um dann den Staub der Landstraße hinunterzuspülen und sowohl die sagenhafte Fischabteilung als auch die Kuchen-Kunstwerke von Lenôtre zu bewundern. (Beim nächsten Besuch muss ich unbedingt nach Erzeugnissen aus Kalabrien Ausschau halten!)

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Pause im KaDeWe

Auf der anderen Seite der Tauentzienstraße gibt es auch schöne Schaufenster und so gelangen wir zurück zum Ku'damm bis zur Meinekestraße ins Lokal "Krombacher" schräg gegenüber unserem Hotel, wo Alberto für uns das Abendessen vorgesehen hat.

Wir können dort gute Berliner Küche genießen, schnörkellos, zu fairen Preisen (Alberto stellt im Rahmen der Halbpension ein Hauptgericht aus der Karte zur Wahl) und mit netter Bedienung – Berliner Schnauze mit sehr viel Herz.

2. Tag:

Um 9:00 erscheint die aus Ost-Berlin stammende Gästeführerin "Uli mit Hut" und gestaltet den ersten Teil einer Stadtrundfahrt mit viel Wissen und Herzlichkeit: über den Ku'damm zum Bahnhof Zoologischer Garten, vorbei am Hotel Waldorff-Astoria, der einzigen Filiale des berühmten New Yorker Hotels in Deutschland, zur Budapester Straße, vorbei am Elefanten-Tor, einem Eingang des Berliner Zoos, dem artenreichsten Zoo der Welt, und dem Berliner Aquarium. Wir fahren durch einen Teil des Diplomaten-Viertels am Tiergarten mit den Botschaften von den skandinavischen Ländern, von Saudi-Arabien, Japan, Österreich, Italien (Alberto, guck hin!), Türkei, Ägypten sowie der Landesvertretung von Baden-Württemberg - genannt "Spätzlepalast".

Weiterhin sehen wir den Kammermusiksaal, die Philharmonie von Scharoun mit seiner einzigartigen Akustik, vergleichbar mit der Elbphilharmonie. Das Orchester sitzt in der Mitte des Saales, und die Zuschauerränge sind rundherum ansteigend angeordnet. Das ergab sofort den Spitznamen "Zirkus Karajani" nach Herbert von Karajan, dem damaligen Chefdirigenten. Zusammen mit der Staatsbibliothek zu Berlin wurde das Gebäude bewusst dicht an der Grenze zum Sowjetsektor erbaut, damit nach einer erträumten Wiedervereinigung ein Kulturforum bereits in der Mitte Berlins stehen würde. Dazu gehören auch die Gemäldegalerie, das Kunstgewerbemuseum und das Kupferstichkabinett.

Ein kurzer Halt an der James-Simon-Galerie, dem flammneuen Besucherzentrum und zentralen Eingang zu den Museen auf der Museumsinsel, gebaut von David Chipperfield. Noch ein Blick
zum Kupfergraben, wo Angela Merkel wohnt.

Danach gehen wir zum Berliner Dom zu einer kleinen Andacht mit kleinem Orgelkonzert, welches um diese Mittagszeit sogar eintrittsfrei ist. Der Pfarrer macht den Mauerfall natürlich zum Thema seiner kurzen Predigt und erinnert an die damaligen Ereignisse.

Auf dem Areal des ehemaligen Lustgartens vor dem Alten Museum findet gerade eine der täglichen Demonstrationen statt, die jedoch außer die ca. 50 Teilnehmer niemanden zu interessieren scheint.

Wir machen einen kurzen Rundgang durch das Zeughaus, in dem heute das Historische Museum untergebracht ist. Dieser Bau, um 1700 von Nehring entworfen und von Schlüter im Barockstil erbaut, gilt als das schönste Gebäude der Prachtmeile Unter den Linden.

Nach der Wiedervereinigung erhielt der chin.-amerik. Stararchitekt L.M. Pei den Auftrag für einen Erweiterungsbau. Er ließ die 40 mal 40 m große Halle mit einer freitragenden, flachen Glaskuppel überdachen und schuf einen unterirdischen Zugang zu seinem separaten Neubau, mit dem er 2003 ein architektonisches Glanzlicht setzte, genau wie damals mit der Pyramide für den Louvre. Dieser große Saal des ehemaligen Zeughauses wird auch für repräsentative Veranstaltungen genutzt. Die überlebensgroße Figur der Siegesgöttin Nike/Viktoria wurde zum begehrten Fotomotiv.

Nebenan wartet die Neue Wache auf unseren Besuch. Früher brannte dort eine Ewige Flamme zum Andenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Seit 20 Jahren ist dort eine vergrößerte Kopie der von Käthe Kollwitz geschaffenen Pietà "Mutter trauert um ihren Sohn".

Weiter geht die Stadtrundfahrt über den Alexanderplatz und die Frankfurter Allee, der früheren Stalinallee mit ihrer geschlossenen "Zuckerbäcker"-Architektur. Diese breite Prachtstraße erstreckt sich über zwei Kilometer, sie wurde von 1951 bis 1962 gebaut und steht heute mit ihren Keramikfassaden unter Denkmalschutz.

Hier erfuhren die Bauarbeiter am 16. Juni 1953, dass ihre Kollegen einer anderen Großbaustelle eine Resolution gegen die drastische Erhöhung der Arbeitsnormen verfasst hatten. Die Arbeiter begannen einen spontanen Streik, dem sich Arbeiter in weiteren 100 Städten anschlossen. Man forderte auch eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln und Konsumgütern sowie Freiheit. Die DDR-Führung war hilfslos und ließ die Revolution ab dem 17. Juni in Berlin von russischen Panzern niederschlagen, es waren mehrere Tote und Verletzte zu beklagen. Der 17. Juni war bis 1990 als "Tag der Deutschen Einheit" Gedenktag und bundesweiter Feiertag, er wurde vom 3. Oktober abgelöst.

Wir gelangen zur East Side Gallery, einem 1,3 km langen Teilstück der Berliner Mauer. Die über 100 Segmente waren auf Westberliner Seite mit Grafitti bemalt und sind kürzlich restauriert worden. Größter Anziehungspunkt ist ein Gemälde, welches den sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew und den Staatsratsvorsitzenden der DDR Erich Honecker beim sogenannten "Bruderkuss" zeigt. Allgemeines "brrrr"...

Zu sehen ist auch die Oberbaumbrücke – mit ihren roten Backsteintürmen eine der schönsten Brücken von Berlin und vielverwendetes Motiv für Film und Fernsehen. Sie entstand anstelle einer hölzernen Zugbrücke über die Spree, deren Durchfahrt nachts mittels eines mit Nägeln bewehrten Baumstammes, dem "Baum", versperrt wurde. Ein zweiter "Baum" befand sich als Zollstation etwas weiter westlich und war der "Unterbaum". Im 18. Jh. wurde auf königliche Order der "Oberbaum" durch eine massive Steinbrücke ersetzt und nach und nach in das jetzige Aussehen gebracht. Nach Beseitigung der Kriegsschäden und der Sperranlagen der DDR dient sie wieder als Verbindung zwischen den Bezirken Friedrichshain (Ost) und Kreuzberg (West).

Gegenüber der East Side Gallery befindet sich mit der 2008 eröffneten "Mercedes-Benz-Arena" eine der erfolgreichsten Multifunktions-Hallen der Welt. Sie ist Spielstätte des Eishockeyclubs Eisbären Berlin und des Basketballvereins Alba Berlin und Veranstaltungsstätte für jährlich mehr als 130 Sport- und Konzertereignisse.

Im Vorfeld befinden sich zahlreiche Restaurants, unter anderen auch eine Filiale von "Alex", den wir vom Gutenbergplatz kennen. Dort genehmigen wir uns einen kleinen Mittagsimbiss, bevor es über die Straße "Unter den Linden" Richtung Brandenburger Tor zur Festveranstaltung anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls geht.

Da wir frühzeitig da sind, kann uns Matiyos bis zu der Kontrollstelle fahren. Das Wetter hat sich noch nicht beruhigt, so dass zwei von uns sich dem Nieselregen von oben und dem Matsch von unten nicht aussetzen und lieber ins Hotel zurück wollen. Der Rest von uns – furchtlos und wetterfest, der Nieselregen hört dann auf - zwängt sich durch die leider erforderliche Rucksack- und Taschenkontrolle und strebt der Straße des 17. Juni zu.

Dort ist eine hübsche Installation angebracht, die an Christo erinnert: Unter dem Motto «Deine Vision im Himmel über Berlin» waren alle Berlinerinnen und Berliner sowie Freunde der Stadt dazu eingeladen, ihre Botschaften, Wünsche und Hoffnungen in 140 Zeichen mitzuteilen.

Diese Botschaften wurden auf verschiedenfarbige Bänder gepresst und es entstand ein sogenanntes Skynet, welches sich wie eine riesige Fahne scheinbar schwerelos vom Platz vor dem Brandenburger Tor aus über hundert Meter weit über die Straße des 17. Juni in den Himmel spannte.

Die Kunstinstallation wurde von Patrick Shearn, Poetic Kinetics, initiiert und nannte sich "Visions in Motion" – Visionen in Bewegung.

Alberto hat ein tolles Video gedreht; ebenso auch vom Anfang des Konzerts mit Daniel Barenboim - klicke hier

Am Rande können wir uns an diversen Ständen verköstigen und sodann die Bronzefigur "Der Rufer" von Gerhard Marcks betrachten. Sie steht auf dem Mittelstreifen der Straße des 17. Juni, wurde dort zum 100. Geburtstag des Bildhauers im Februar 1989 mit dem Blick auf das Brandenburger Tor aufgestellt und trägt die Inschrift "Ich gehe durch die Welt und rufe: Friede, Friede, Friede". Gerade so, als sollten die Rufe die Mauer vor dem Brandenburger Tor zum Einsturz bringen – wenige Monate später geschah es ja dann - Gänsehaut-Feeling pur, heute noch.

Vor der Bühne hat sich bereits eine beachtliche Menschenmenge angesammelt. Aber mit List und Tücke durch jede Lücke schlängeln wir uns peu à peu ganz nach vorn bis an die Absperrung - "bis zu der Musik" - vor uns nur die Fotografen und Kameramänner.

Rechts ist eine Bühne für Interviews, in der Mitte eine Projektionswand mit einer großen Weltkugel und links eine weitere Bühne für die Reden vom Regierenden Bürgermeister von Berlin, Müller, und dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier sowie einem Konzert der Staatskapelle unter der Leitung von Daniel Barenboim mit Beethovens Schicksalssymphonie.

Anna Loos moderiert die Interviews und die weiteren Auftritte von aus der ehemaligen DDR stammenden Künstlern, während auf weiteren Projektionsflächen Bilder aus der Vergangenheit Erinnerungen und Ereignisse rund um die Mauer aufleben lassen. Auf einer Tribüne hinter uns ist die Politik-Prominenz versammelt und winkt huldvoll.


Allerdings müssen wir auf das Feuerwerk verzichten, denn das Abendessen ruft und die Beine sind gefühlt-gefühllos. Also schlagen wir uns seitwärts durch die Menschenmassen und streben dem S-Bahnhof Friedrichsstraße zu, um mit diesem praktischen Verkehrsmittel vier Stationen bis zum Bahnhof Zoologischer Garten zu fahren. (In diesem Bahnhofsgebäude durchlebte Christiane F. ihre Drogenzeit und schrieb später darüber das Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". )

Von dort sind wir in wenigen Minuten bei unserem Restaurant nahe dem Hotel, wo die anderen uns bereits erwarten.

3. Tag:

Der Weg zum Reichstagsgebäude führt uns am bereits bekannten Kaufhaus Des Westens vorbei, ebenso an dem Haus der Urania. Die Berliner Gesellschaft Urania wurde 1888 gegründet mit dem Ziel, wissenschaftliche Erkenntnisse auch einem Laienpublikum
zugänglich zu machen. Mit ihrem weit gefächerten Programm ist die Urania heute eine über Berlin und Deutschland hinaus bekannte gemeinnützige Bildungseinrichtung.

An mehreren guten Touristenhotels vorbei überqueren wir den Landwehrkanal, sehen links die CDU-Zentrale – wegen ihrer Form genannt "Merkels Bügeleisen" – und geradeaus die in der Morgensonne golden glänzende Siegesgöttin der Siegessäule – kürzlich frisch mit Blattgold belegt und liebevoll genannt die "Goldelse". Die Säule ist bestückt mit Kanonenrohren, die in den siegreichen Kriegen Preußens gegen Dänemark, Österreich und zuletzt Frankreich 1870/71 erbeutet wurden. Durch zwei Unterführungen gelangt man auf die Mitte des Platzes und kann die 285 Stufen zu ihr hinaufsteigen, um die tolle Aussicht über den gesamten Großen Tiergarten zu genießen - ein Überqueren des sechsspurigen Kreisverkehrs "Großer Stern" zu Fuß wäre viel zu gefährlich.

Danach passieren wir das Schloss Bellevue, die Sommerresidenz des preußischen Prinzen Ferdinand, dem jüngsten Bruder des Alten Fritz. Im Krieg stark zerstört, diente es nach dem Wiederaufbau zunächst als Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten, seit der Wiedervereinigung als Hauptsitz. Roman Herzog war der einzige Bundespräsident, der auch im Schloss wohnte, ansonsten dient eine Villa in Dahlem als Wohnsitz.

Hape Kerkeling hat 1991 eine viel belachte Show abgezogen und das Wachpersonal gefoppt, als er in einer Staatslimousine mit königlicher Standarte vorfuhr und als Königin Beatrix verkleidet Einlass für ein "lekker Mittachessen" begehrte, und zwar kurz bevor die echte Beatrix tatsächlich eintraf. Netter Scherz.

Weiter geht die Fahrt entlang des Spreebogens vorbei an der "Abgeordneten-Schlange", einer Wohnanlage gedacht für Abgeordnete. Viele wollten jedoch lieber in den alten Stadtteilen wohnen, so dass sich Berliner Bürger um die Wohnungen bewerben konnten.

Es folgt die alte Kongresshalle, erbaut als ein Geschenk von Amerika anlässlich der Internationalen Bauausstellung 1957, die eine Antwort des Westens auf den pompösen Bau der Stalinallee in Ostberlin war. Die Form mit dem geschwungenen Dach gab ihr den Spitznamen "Schwangere Auster", der überkragende Dachrand "Hutkrempe".

Das bundesdeutsche Parlament tagte mehrere Male in Westberlin, darunter zweimal in der Kongresshalle. Jedesmal protestierten die Regierungen der DDR und der UdSSR, weil sie Westberlin nicht als Teil der BRD anerkannten. Die DDR reagierte mit Abfertigungszeiten an den Transitstrecken von bis zu 20 !!Stunden, die Sowjetunion ließ ihre Düsenflugzeuge im Tiefflug und mit Überschallgeschwindigkeit auch über dem Westberliner Stadtgebiet die Schallmauer durchbrechen. (Schon mal so etwas erlebt? DAS ist Fluglärm!!!)

Die Alliierten untersagten der Bundesregierung daraufhin, weitere Plenarsitzungen in Westberlin abzuhalten. Man fand jedoch ein Hintertürchen im Viermächteabkommen und hielt eben nur Ausschuss-Sitzungen und Beratungen ab, um den Vertretungsanspruch über Westberlin zu verdeutlichen.

Der Schwemmsand unter einem Grundpfeiler und die inkonsequente Ausführung der freihängenden Dachkonstruktion waren u.a. die Ursachen für eine Schieflage, so dass ein Teil der Hutkrempe abbrach und die Halle einstürzen ließ. Nach Wiederauf- und Umbauarbeiten dient sie heute als Veranstaltungsstätte im "Haus der Kulturen der Welt", außerdem war inzwischen am Messegelände eine neue Kongresshalle gebaut worden.

Gleich nebenan steht ein schwarzes Turmgebilde – das von Mercedes-Benz zur 750 Jahr-Feier Berlins gestiftete Carillon, ein bespielbares Glockenspiel, das an die zerstörten Carillons der Parochialkirche und der Potsdamer Garnisonskirche erinnern soll. Seit 1987 finden
regelmäßig Konzerte statt. Der Berliner nennt es treffend "Notre Daimler".
Auf einem YouTube-Video ist das Carillon zu hören.
Klicke hier

Einen Steinwurf entfernt steht das Bundeskanzleramt, nach Wünschen vom damaligen
Kanzler Kohl entworfen, aber nicht mehr von ihm bezogen, aufgrund der quadratischen Form des Gebäudes mit einem großen Rundfenster genannt "Waschmaschine".

Genau gegenüber in Sichtweite steht das Reichstagsgebäude, vom Frankfurter Architekten Wallot errichtet und 1894 fertiggestellt, von Kaiser Wilhelm II. in seiner Thronrede mit den Worten bedacht: "Möge Gottes Segen auf dem Hause ruhen, möge die Größe und Wohlfahrt des Reiches das Ziel sein, das alle zur Arbeit in seinen Räumen Berufenen in selbstverleugnender Treue anstreben!“

Nun ja, geliebt hat der Kaiser weder das Parlament noch den Bau samt seinem Architekten – vor allem, weil die Kuppel des Reichstagsgebäudes höher war als die Kuppel seines Stadtschlosses - unerhört!

Der Kaiser ging, die Weimarer Republik und das Dritte Reich kamen, es folgten Zerstörungen durch den Reichstagsbrand und den 2. Weltkrieg, provisorischer Wiederaufbau und nach dem Hauptstadtbeschluss grundlegender Umbau durch Sir Norman Forster zur heutigen Gestalt. Auch er hatte Probleme mit der Kuppel: er wollte überhaupt keine Kuppel, musste seine heftige Gegenwehr jedoch aufgeben und hat dann dieses großartige Gebilde mit seinen umlaufenden Gehwegen und lichtspendenden Spiegeln zu einem weltweit bekannten touristischen Anziehungspunkt geschaffen!

Eine andere weltweit beachtete Kunstinstallation war 1995 der "Verhüllte Reichstag" von Christo und Jeanne-Claude.

Die Führung durch das Reichstagsgebäude ist sehr umfassend und äußerst interessant.

Wir sehen die Fraktionsräume der Parteien, den von Uecker gestalteten Andachtsraum, der jeder Glaubensrichtung zugänglich ist, die sorgsam konservierten Graffiti der russischen Soldaten an den Gangwänden und die Zuschauerränge des Plenarsaales mit Erläuterung, wer, wann und wo seinen Platz hat, sowie über die Arbeit der Stenografen.

Besonders beeindruckt sind wir von einem Kunstwerk aus verrostetem Metall, das aussieht, als seinen 5.000 Karteikästen über- und nebeneinander gestapelt. Es ist das "Archiv der deutschen Abgeordneten" von Christian Boltanski. Sie lassen sich zwar nicht öffnen, tragen aber an der Stirnseite ein Etikett, auf dem der Name und die Parteizugehörigkeit eines jeden Abgeordneten seit 1919 bis 1999 steht. In der Mitte weist eine schwarze Box auf die Jahre 1933 bis 1945 hin.

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Vor dem Reichtag
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Nina fordert die Rücknahme der Diätenerhöhung !



Natürlich darf der Aufstieg zur Kuppel nicht fehlen! Die Sonne lacht und lässt uns die Aussicht über Berlin genießen. Ein Besuch in den Abendstunden mit dem Blick über die Lichter der Stadt ist ebenfalls zu empfehlen.


Aber die Fahrt geht weiter, und zwar zur Kulturbrauerei an der Schönhauser Allee, Prenzlauer Berg. Für die damals dort ansässige große Schultheiss-Brauerei war es ein Ensemble von Backsteinbauten für die jeweilige Funktion als Böttcherei, Sudhaus, Pferdeställe, Maschinenraum usw., nun wunderbar restauriert und mit neuem Leben erfüllt. Ein Kino mit neun Sälen, Ateliers und Probenräume, Theater, Lokale und ein Museum mit einer Ausstellung "Alltag in der DDR", das uns besonders interessiert.

An jedem Sonntag findet ein Streetfood-Festival statt – ein internationales Imbiss-Vergnügen. Es ist somit ein Veranstaltungsgelände für die ganze Familie – man hat den Eindruck, ganz "Prenzelberg" ist dort, mit Kind und Kegel, mit Mischlings-Familienhunden und edlen Rassehunden, und alle "amüsieren sich wie Bolle".


Es folgt ein weiterer Höhepunkt: eine Dampferfahrt auf der Spree!

Kurz vor der Weidendammer Brücke wird das Schiffsche-Böötsche der Stern- und Kreisschifffahrt
geentert und es heißt: Leinen los! Es tuckert vorbei am Bode-Museum und dem Monbijou-Park, entlang der Museumsinsel und dem Humboldt-Forum (die Fassade zur Spree ist äußerst nüchtern gestaltet, garnicht schlossmäßig), dem DDR-Museum und dem Nikolai-Viertel bis zur Mühlendammbrücke (dort war vor sehr, sehr langer Zeit ein Stauwehr, auf dessen Damm Mühlen betrieben wurden).

Das Schiff legt eine gekonnte Wende hin, bei der wir Landratten sowohl um die Kaimauer als auch den Bug des Schiffes fürchten, natürlich völlig unbegründet!

Danach fährt es das bisherige Stück zurück und dann weiter durch das Regierungsviertel, unter der S-Bahn-Brücke hindurch entlang des Schiffbauerdamms, am Bundespresseamt, am ARD-Hauptstadtstudio und dem ehemaligen Reichstagspräsidenten-Palais vorbei.

Dort, zur Spree hin, verlief die Mauer. Jetzt sind dort die "Weißen Kreuze" aufgestellt, die an die Toten erinnern, die teilweise in der Spree bei Fluchtversuchen ertrunken oder erschossen wurden. Da hier sowohl das Wasser als auch das Ufer zum DDR-Gebiet gehörten, durfte ihnen von westlicher Seite aus nicht geholfen werden!

Weiter geht es vorbei am Paul-Löbe-Haus, dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, dem Haus der Bundespressekonferenz, dem Hauptbahnhof, dem Bundeskanzleramt und dem Haus der Kulturen der Welt. Hier wendet das Schiff erneut souverän und steuert die Haltestelle "Tränenpalast" an, Ort des Wiedersehens und Abschiednehmens bei Tagesbesuchen der Westberliner in Ostberlin.

Man hat einige Kontrollkabinen original stehenlassen, so dass sich die Beklemmung der schikanösen Kontrollen hautnah nachempfinden lässt. Bitte nie wieder Diktatur!

Die Ereignisse des 9. November 1989 sind jedem noch präsent, als Schabowski bei der Pressekonferenz einen Zettel aus seiner Tasche holte und vorlas.

Ich habe beim Rundgang durch das Museum eine Kopie der Transkription des "Schabowsi-Zettels" mit dem handgeschriebenen Original auf der Rückseite bekommen.

Mehr dazu kannst Du hier lesen

4. Tag:

Wir steuern das Botschaftsviertel am Großen Tiergarten an.

Am Lützowplatz, benannt nach dem preußischen Generalmajor Freiherrn von Lützow (mit seinem Freikorps an den Befreiungskriegen 1813 gegen Napoleon beteiligt), besaß Carl Bolle die Urzelle seiner Meierei C. Bolle. Ende des 19. Jh wohnten dort viele Prominente und Künstler, Walter Gropius war einer der ersten Bauherrn. Adolf Hitler erhielt am 25.2.1932 in der Gesandtschaft des damaligen Freistaates Braunschweig am Lützowplatz 11 die deutsche Staatsangehörigkeit!

Auf einen sehr positiven Anlieger des Lützowplatzes macht uns Karin/Optika aufmerksam: seit 1966 als Mieter und seit 1987 als Eigentümer residiert und wirkt dort die Stiftung Warentest zu unser aller Wohl.

Vorbei an der Konrad-Adenauer-Stiftung biegen wir von der Tiergartenstraße in die Hiroshimastraße ein.

An der Landesvertretung für Nordrhein-Westfalen (wegen der Holzstreben-Fassade "Ikea" genannt) und der Friedrich-Ebert-Stiftung vorbei halten wir vor der Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate und begeben uns zur Ausweiskontrolle. Weil nicht mit angemeldet, darf unser Fahrer Matiyos nicht mit hinein – ein wichtig aussehender Araber bekommt kein okay am Telefon.

Das Gebäude sieht aus wie ein Palast aus 1001 Nacht. Von einer sehr gut deutsch sprechenden Botschaftsangestellten werden wir in das Gebäude geführt und bekommen einen ersten Eindruck von Schöner Wohnen: weichfallende Stoffe, viel Gold und Ornamente, ehemals lebende und nun konservierte Palmen neben hohen Säulen.

Danach folgt ein Raum, in dessen Mitte ein Teppich gigantischen Ausmaßes liegt. Auf Nachfrage erfahren wir, dass er in Bahnen von 8 m Breite geknüpft und dann zusammengesetzt wurde.

An der Decke hängt eine Deckenleuchte – ich schätze mal vier Meter im Durchmesser – mit abgestuft hängenden Swarowski-Kristallen – was sonst - , umfasst von einem goldfarbigen Metallband (echtes Gold?) in Sternform – wow! Dieser achteckige arabische Stern taucht an vielen Stellen als Dekor-Element auf.

Unter einer Balustrade dürfen wir uns auf weichgepolsterte Sitzgruppen in orientalischen Farben setzen. Auf der Balustrade werden einheimische Kleidung und Haushaltsgegenstände in zeltähnlichen Behausungen gezeigt und erklärt, an den Wänden hängen Fotos von Landschaft und Tieren, rassigen Pferden und duldsamen Dromedaren. Und ein Foto von der Eröffnung der Botschaft durch den Sohn des Scheichs, der die sieben Emirate Anfang der 70er Jahre zusammengeführt und vereinigt hatte, in Anwesenheit des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder!

Es wird uns Kaffee angekündigt, mit Zimt und anderen Gewürzen angereichert.

Unsere Freude wird arg getrübt, denn für unsere Geschmacksnerven kommt keine Freude auf, wir können sie nur mit den dargebotenen Datteln beruhigen.
Für jeden von uns ist eine Tüte mit einem Kilo Datteln bereitgestellt, eine Tüte für Matiyos dürfen wir mitnehmen.

Natürlich sind wir höflich und trinken aus. Unter großem Gelächter habe ich Tage später auf der Heimfahrt im Bus die Strophe eines Couplets von Otto Reutter zitiert mit dem Refrain: "… und du merkst, dass der Kaffee wie schauderbar, eine bohnenlose Gemeinheit war; dann schließ die Augen und sauf den Brei, Mensch – in fuffzich Jahren is alles vorbei!"

Es ist halt alles eine Frage der Gewohnheit und wahrscheinlich schmeckt unser Kaffee anderen auch nicht.

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Gleich beginnt die Kaffeezeremonie
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Gruppenbild mit Botschaftssekretär
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Selbst hier: Wie ein Märchen aus 1001 Nacht !

Auf dem Rückweg von der Botschaft fahren wir am Bendlerblock vorbei, dem heutigen zweiten Dienstsitz des Bundesministeriums für Verteidigung. In der Nazizeit befand sich dort das Oberkommando der Heeresleitung und das Zentrum der Widerstandsgruppe 20. Juli 1944 unter Generaloberst Beck und Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Nach dem mißglückten Attentat wurden die Offiziere noch am selben Abend im Hof des Bendlerblocks erschossen.

An der gegenüberliegenden Ecke fällt die eigenwillige Fassade des Shell-Hauses auf. 1932 von Fahrenkamp in "Neuer Sachlichkeit" für die Shell-AG erbaut, steht es heute unter Denkmalschutz und beherbergt einen zweiten Teil des Bundesministeriums für Verteidigung.

Über das Lützowufer/Schöneberger Ufer am Landwehrkanal entlang gelangen wir zur Potsdamer Brücke (die auf ihr befindliche Potsdamer Straße führt nach Potsdam und ist Teil der alten Reichsstraße 1 von Aachen nach Königsberg ). Wir passieren links die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe, eröffnet 1968. Der Bau stellte ein Novum dar: das gesamte Dach wurde als ein Gesamtelement von der Montagehöhe auf der Sockelplattform mit 24 synchron gesteuerten hydraulischen Hebern in neun mit Spannung erfüllten Stunden zentimeterweise über die acht Stahlstützen gehoben und dort auf den vier Seiten auf je zwei Stützen abgesetzt. Der sich darunter ergebende Raum bildet die große, stützungsfreie (!!) Haupthalle, umgeben von deckenhohen Glasfassaden.

Die Potsdamer Straße führt uns wieder durch das Kulturforum zum "neuen" Potsdamer Platz. Der "alte" galt bis Kriegsende als einer der verkehrsreichsten Plätze Europas und erhielt bereits 1924 eine der ersten Ampelanlagen auf dem Kontinent.

Der Krieg zerstörte oder beschädigte die meisten Gebäude. Als ab 1961 die Mauer direkt über dem Platz verlief, wurden auf östlicher Seite alle Ruinen für die Errichtung des Todesstreifens abgerissen, auf westlicher Seite verloren die Grundstücke an Wert. Auf der Brache liefen bestenfalls Karnickel umher. Aber bereits am 12. November 1989 wurden dort einige Mauersegmente niedergelegt und mit Asphalt ein provisorischer Grenzübergang geschaffen.

Durch die Neubebauung mit Hochhäusern, einem Filmpalast am Marlene-Dietrich-Platz, besonders für die Internationalen Filmfestspiele genutzt, und dem Sony-Center wurde der Potsdamer Platz zu einem Touristenmagnet – die Berliner konnten sich nur sehr zögerlich damit anfreunden.

Nicht nur die Bebauung des Alexander-Platzes polarisiert die Berliner und Besucher,
sondern auch das Stelenfeld des Holocaust-Denkmals. Antwort auf drängende Fragen gibt die Informations-Ebene unterhalb des Stelenfeldes. Der Besuch wird auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Uns lockt der Pariser Platz.
Zwischen der Akademie der Künste und der Amerikanischen Botschaft in Nachbarschaft zum Hotel Adlon steht die Berliner Niederlassung der DZ BANK = Deutsche Zentral-Genossenschaftsbank. Äußerlich ein schlichter Bau, angepasst an die Formensprache des Platzes, versetzt das Innere in vielfaches Staunen, denn es ist ein Bau von Frank O. Gehry!

Jetzt erschließt sich auch, warum man von der Kuppel des Reichstags aus auf diesem Dach einen silbrig-glänzenden Fischkörper zu erkennen meint. Und richtig, Gehry hat in der Halle aus edlen Hölzern ein Gebilde installiert, das die Konturen eines geöffneten Walmaules hat, zusammen mit den anderen Dachelementen ergibt es das Bild eines sich aus dem Wasser erhebenden Wales. Warum auch immer – vielleicht "seid verschlungen, Millionen"? Ein Schelm, der Böses dabei denkt ....

Die Teilnehmer von Konferenzen und Veranstaltungen sind jedenfalls voll des Lobes über die durch das Glasdach lichtdurchfluteten Räume und deren interessante Aufteilung. Das Haus wird genannt "Wal am Brandenburger Tor". Die Rückseite des Gebäudes hat Gehry wieder in der für ihn typischen Wellenform gestaltet.

Hier sind einige interessante Aufnahmen aus der DZ-BANK zu finden


Unter den Linden fahren wir an den historischen Bauten der preußischen Geschichte vorbei: der Humboldt-Universität mit dem Reiterstandbild des Alten Fritz, gegenüber die ehemals Königliche Bibliothek – genannt "Kommode" – und die Staatsoper unter den Linden. Auf dem entstandenen Platz dazwischen fand die Bücherverbrennung durch die Nazis statt.

Rückwärtig ist die St. Hedwigs-Kathedrale zu sehen, dazu aus Wikipedia: "Die Hedwigskirche, seit 1930 Kathedrale des Erzbistums Berlin, wurde unter Friedrich dem Großen besonders für die neuen katholischen Einwohner Berlins aus Schlesien gebaut. Die am heutigen Bebelplatz befindliche Kirche entstand, durch Spenden aus ganz Europa finanziert, zwischen 1747 und 1773 nach Plänen von Georg Wenzeslaus Knobelsdorff und Jean Laurent Legeay." Die kreisrunde Form des Gebäudes macht sie besonders interessant.

In der Straßenfront schließt sich gegenüber dem Deutschen Historischen Museum und der Neuen Wache das Kronprinzenpalais an. Nach der Schlossbrücke sehen wir mit dem Humboldt-Forum eigentlich das Stadtschloss mit seiner neuen-alten Fassade.

An der sehenswerten St. Marien-Kirche vorbei gelangen wir zum Alexander-Platz mit dem Fernsehturm, unserem heutigen Ziel, genannt "St. Walter", weil das Sonnenlicht auf den beim "Klassenfeind" eingekauften Edelstahlflächen der Kugel ein Kreuz erscheinen lässt.

Der Turm hat eine Gesamthöhe von 368 m und ist damit das höchste Gebäude Deutschlands sowie der vierthöchste Fernsehturm Europas. In der Kugel befindet sich in 203 m Höhe das Telecafé, ein Drehrestaurant für 200 Gäste.

Die Fahrstühle erreichen die Aussichtsfläche in der Kugel innerhalb von 40 Sekunden. Unterhalb der Kugel sind zwei nach oben offene Rettungsgalerien rund um den Schaft angebracht und mit dem Treppenhaus verbunden. Sie sind für exakt die Personenzahl ausgelegt, die sich in der Kugel aufhalten dürfen.

Durch geschicktes Verhandeln erreicht unsere 'Uli mit Hut', dass wir auch ohne die entsprechende Eintrittskarte von der Aussichtsfläche hinauf in das Café und dort an einem freien Tisch für eine Tasse Kaffee Platz nehmen und die Aussicht genießen dürfen.

Von oben sehen wir das Nikolai-Viertel, noch zu DDR-Zeiten historisierend um die alte Nikolai-Kirche herum neu aufgebaut, und das Rote Rathaus. Der Name ergab sich aus den roten Klinkerfassaden und erhielt später für die Berliner eine doppelte Bedeutung durch die Tatsache, dass dort der Ostberliner Magistrat eine kommunistisch orientierte Regierung ausübte. Heute regiert dort ein rot-rot-grüner Senat unter dem Regierenden Bürgermeister Müller/SPD – erneut viel rote Farbe.

Und wieder haben wir Glück mit dem Wetter: der Horizont ist zwar etwas diesig, aber am Vortag war der gesamte Turm in Regen und Nebel gehüllt, so dass wir garnichts gesehen hätten.

Und weiter geht die Fahrt zum Mauerpark Bernauer Straße. Die dortigen Häuser standen auf Ostberliner Gebiet, der Bürgersteig davor war in Westberlin.

Die Sozialministerin Regine Hildebrandt sagte einmal: "Wenn ick aus dem Fenster kieke, denn is mein Kopp im Westen und mein Hintern im Osten." In den ersten Tagen des Mauerbaus sprangen mehrere Menschen aus den Fenstern, manche verfehlten das Sprungtuch. Dann wurden auch die Fenster zugemauert, die Häuser später für den Todesstreifen abgerissen.

Im Mauerpark Bernauer Straße sind nun Gedenktafeln aufgestellt, der Mauerverlauf wird durch Stelen erkennbar und erlebbar. In einem Dokumentationszentrum kann man sich umfassend informieren, auch über die zahlreichen Fluchttunnel-Bauten.

Die Fahrt führt uns vorbei an dem Dorotheenstädtischen Friedhof, auf dessen Grabsteinen ein Who-is-who der geistigen und kulturellen Elite Deutschlands abzulesen ist, z.B. die Philosophen Hegel und Fichte, die Schriftsteller Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Arnold Zweig und Anna Seghers, die Baumeister August Stüler und Karl Friedrich Schinkel, auch Ernst Litfaß und Johannes Rau. Dazu ist eine Führung unbedingt zu
empfehlen.

Es folgt ein gigantischer Neubaukomplex, die Zentrale des BND, dem Bundesnachrichtendienst, ausgelegt für 4.000 Beschäftigte und eröffnet im Februar 2019. Es gibt einen Besuchsdienst – es sind interessante Exponate ausgestellt – und auch bereits mehrere Cafés in der Umgebung. Also, demnächst nix wie hin und mitgelauscht!

Über die Friedrichstraße – vorbei am Friedrichstadt-Palast, bekannt für seine üppig ausgestatteten Revuen – und über den Gendarmenmarkt mit dem Schauspielhaus, eingerahmt vom Deutschen und dem Französischen Dom, steuern wir das wohl älteste Gasthaus Berlins an, genannt "Zur letzten Instanz". Es ist ein ur-rumpeliges Restaurant mit origineller Speisekarte und an diesem Tag unwirscher, weil gestresster Bedienung. Da wir nicht essen, sondern nur einen Kaffee trinken wollen, dürfen wir nicht bleiben – aber es ist ohnehin kein Platz frei.

In der Nähe befindet sich das dazugehörige Gerichtsgebäude, die Parochialkirche und die Ruine der Franziskaner-Kirche.

Matiyos hat uns zwar am Hotel abgesetzt, aber wir wollen noch einmal zur Gedächtnis-Kirche bzw. zum Alten Turm, dem Hohlen Zahn. Dort kann man die restaurierten Mosaike bewundern, die wie ein Gemälde natürlich die Mitglieder der kaiserlichen Familie darstellen und einen Eindruck vermitteln, wie prunkvoll nach dem Geschmack der damaligen Zeit die Kirche ausgeschmückt war. Auch waren die Kriegszerstörungen dokumentiert.

Wir gehen auch zu den Stufen auf der Seite der Budapester Straße. Dort ist eine Gedenkstätte an die Opfer eingerichtet worden, die bei dem Terrorangriff auf den Weihnachts-Markt 2016 zu beklagen waren. Der Attentäter war mit einem gekaperten LKW an dieser Stelle mitten in die Budengasse gebrettert und hatte eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Seitdem werden Weihnachts-Märkte und Freilicht-Veranstaltungen durch Betonklötze oder querstehende Müllfahrzeuge gesichert.

Aber da ist ja noch eine andere Idee: das Café Kranzler am Ku'damm! Zwar existiert das Erdgeschoss und die 1. Etage nicht mehr als Café, sondern nur ganz oben die Rotunde, in der früher kleinere Veranstaltungen wie Interviews und Lesungen stattfanden. Aber wir wollen hinein und hinauf.

Ja, es gibt die üblichen Kaffeesorten und auch einige - zugegeben leckere - Kuchenstücke, aber erstens ausschließlich mit Kartenzahlung und zweitens in einer modernen, und somit ungemütlichen Atmosphäre. - Die Jungen mit ihren Laptops kennen es nicht anders, aber wir Älteren und diejenigen, die mal etwas von "Kranzler" gehört oder gelesen hatten, sind enttäuscht. Und wo sollen denn nun die Wilmersdorfer Beamtenwitwen hin? Auch im Opern-Café Unter den Linden können sie kein Hüftgold mehr ansetzen ... Tempi passati ....

Wir lenken uns ab und schlürfen im Hotelzimmer ein Fläschchen "Rotkäppchen"-Sekt mit Helau zur Feier des 11.11. Diese Flasche hatte Alberto als eine seiner tollen Ideen für einen Halt um genau 11 Uhr 11 vorgesehen, aber leider hatte ich die Order, die Gläser mitzubringen, nicht mitbekommen, 'tschuldigung.

In Berlin ist meine einzige Begegnung mit der diesjährigen Fastnacht eine Frau bei Lidl, die 36 Berliner (hier 'Pfannkuchen'!!!) kauft, aber auf meine Frage nach dem Berliner Narrenruf keine Antwort weiß. Wir aßen die Dinger früher immer am Fastnachts-Dienstag und mit dem Ruf "Heja". Wikipedia schreibt jedoch den Berlinern ein "Heijo" zu, zusammengesetzt aus Heiterkeit und Jokus. Na gut, wenn es der Wahrheitsfindung
dient ....

Das letzte Abendessen schmeckt zwar genauso gut wie das erste, ist aber doch von Wehmut umweht.

5. Tag:

Auf vielfachen Wunsch einer einzelnen Dame fahren wir am nächsten Morgen erst um 9:30 los, über die AVUS, vorbei am Berliner Bären, und lustig schnatternd Richtung Heimat. Die einzuhaltende Mittagspause passt genau zu Waltershausen mit der guten Thüringer Rostbratwurst. Wir müssen wieder eine Flasche Rotkäppchen leeren um das Gruppenfoto nachzuholen, das wir auf der Hinfahrt vergessen hatten. Die Bemerkung "nach der Flasche werden die hinten sicher ruhig sein" schiebt Alberto zwar dem Fahrer Matiyos in die Schuhe, jedoch so recht glauben können wir es nicht, gell Alberto? Klappt ja auch nicht – aber unsere beiden Herren im Cockpit ertragen unser Geschnatter mit Gelassenheit.

Trotzdem heißt es Abschied nehmen – bis zum nächsten Mal!


Allgemeine Meinung: Sehr, sehr schön war's.
Dank an Alberto für seine gute Planung mit vielen schönen Ideen,
Dank an unseren umsichtigen Fahrer Matiyos,
Dank an "Uli mit Hut" und -
Dank an alle Mitreisenden.


Hier sind alle Fotos zu sehen:
- zu den Bildern von Alberto/alfredo6969
und Elke/family2018 klicke hier
- zu den Bildern von Nina/nina364 klicke hier

Renate/Schmiermaxe (Text)
Nina, Alberto, Elke/family2018 (Fotos)
Rosemarie/Rose56 (Fotolayout)
Wikipedia/google (Zahlenmaterial)
Pixabay (3 Fotos)

im November 2019

Autor: Schmiermaxe

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