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Stirbt die deutsche Sprache aus?

Es liegt in der Natur der Sache, dass Debatten hitzig geführt werden und die Gemüter erregen. Selten ist es jedoch, dass ein und dieselbe Diskussion über Jahrhunderte geführt wird, wie in diesem Fall. Es geht um den vermeintlichen Verfall der Sprache. Zu viele Fremdwörter, sagen die einen, vor allem englische. Immer schlechtere Rechtschreibung und zu starke Verballhornungen, sagen die anderen. So oder so, das Deutsche, die Sprache aus dem Land der Dichter und Denker, der Heimat Schillers und Goethes, scheint laut Kritikern dem Untergang geweiht. Zu Unrecht.

Deutsch-Schriftzug mit Buch auf einem gelben Hintergrund

Was sind Fremdwörter?

Um der Frage nachgehen zu können, ob im Deutschen die Anzahl der Fremdwörter steigt und sie überproportional vertreten sind, muss zunächst einmal geklärt werden, was überhaupt als Fremdwort gilt. Unter einem Fremdwort versteht man ein „aus einer fremden Sprache übernommenes oder in der übernehmenden Sprache mit Wörtern oder Wortteilen aus einer fremden Sprache gebildetes Wort.“1 Es bedeutet also, dass Fremdwörter sich nicht der übernehmenden Sprache, in dem Fall dem Deutschen, anpassen. Sie können aus allen Sprachen stammen und fallen mal mehr, mal weniger auf. Natürlich lassen sich Wörter wie Team oder Business sehr schnell als Fremdwörter ausmachen, aber wer beim Bäcker ein Baguette kauft, wird kaum noch bewusst ein Fremdwort wahrnehmen und auch der Cowboy ist mittlerweile gang und gäbe.


Wie viele Fremdwörter hat das Deutsche?

Zeitungsstapel vor mintfarbenen Hintergrund

Geht man der Frage nach, wie viele Fremdwörter das Deutsche nun tatsächlich beinhaltet, so schwanken die Zahlen. In durchschnittlichen Zeitungstexten misst der Duden ca. 8-9% Prozent. Dabei werden aber auch solche Wörter mitgerechnet, die vermutlich kaum jemand als solche identifiziert hätte. Als Beispiele können Interesse oder der Helikopter genannt werden, die bei dieser Zählung als Fremdwörter verstanden werden. Andere Angaben sprechen von 6%, die in der deutschen Sprache verankert sind und von 4%, die tatsächlich Verwendung finden. Eine recht geringe Anzahl also.


Steigt der Anteil der Fremdwörter?

Die eindeutige Antwort darauf lautet: nein. Das liegt daran, dass das Deutsche als Kultursprache schon immer eine große Zahl von Wörtern aus anderen Sprachen aufweist. Wir liegen bezüglich des Anteils von Fremdwörtern im Vergleich zu anderen Sprachen im Mittelfeld. Was sich jedoch verändert, ist der Ursprung der übernommenen Wörter. Die Ursache ist in der europäischen Geschichte begründet, denn bis zum Ende des Mittelalters war die sogenannte lingua franca, zu deutsch Verkehrssprache, Latein. Dementsprechend haben sich viele Begriffe aus dem Lateinischen bei uns eingebürgert. Dazu zählen neben eindeutig als solche identifizierbare wie Logik, Definition und Autor auch solche, die uns „deutsch“ erscheinen. Beispiele hierfür sind Kerze, Tisch, oder Kloster. Auch aus dem Griechischen stammen viele Begrifflichkeiten wie Demokratie, Physik, aber auch Christ oder Kirche.

In der Zeit der Aufklärung und bedingt durch den Dreißigjährigen Krieg gewann die französische Monarchie an Einfluss. Es galt als chic, französisch zu sprechen. Noch heute zeigt sich das, wenn man über den Boulevard flaniert und kurz auf dem Trottoir stehenbleibt, um sein Portemonnaie zu zücken. Heute werden viele Wörter aus dem Englischen übernommen, vor allem in der Wissenschaftssprache oder aus dem Bereich der Technik.

Dass der Anteil der Fremdwörter nicht steigt, liegt also daran, dass sie sich zum einen so an das Deutsche anpassen, dass sie nicht mehr als Fremdwörter gelten können, zum anderen aber auch daran, dass sie wieder aus der Sprache verschwinden, sie also aus dem Sprachgebrauch fallen. Sie halten sich mit neu hinzugekommenen Wörtern die Waage.


Ist das Deutsche noch das, was es einmal war?

Sprechblasen mit Fragezeichen auf blauem Hintergrund

Auch hier lautet die eindeutige Antwort nein. Das ist aus Sicht der Linguistik aber völlig unbedenklich, denn Sprache unterliegt stets einem Wandel. Diese Tatsache ist nicht nur normal, sondern auch notwendig, denn sie muss sich stets neu erschaffen, um Neues abzubilden und vorwärtsgerichtet sein zu können. Würde sie in ihrem Status quo verbleiben, könnte sie auch nur Bestehendes und Vergangenes abbilden.

Zugegebenermaßen mag die Wahrnehmung eine andere sein, gerade was den Anteil des Englischen im Alltag angeht. Das liegt daran, dass es nach wie vor als „jung“ und „modern“ gilt und dementsprechend vermehrt in Werbung und Film darauf zurückgegriffen wird. Auch die Technisierung, die unsere Lebenswelt bestimmt, verstärkt diesen Eindruck, wird hierfür doch vorrangig die englische Sprache genutzt.

Was über die Jahrhunderte jedoch gleichgeblieben ist, ist ein gewisser Sprachpessimismus, der den Untergang der deutschen Sprache propagiert. Schon lange wird beispielsweise Jugendsprache als Beleg dafür herangezogen, dass unsere Sprache auf dem absteigenden Ast sei. Dabei ist diese schon immer nur eine von zahlreichen Varietäten des Deutschen und unterliegt ebenso dem Wandel wie das Standarddeutsche. Übrigens zählen auch Dialekte als eine Varietät. Bereits 1617 wurde die Fruchtbringende Gesellschaft gegründet, eine Sprachgesellschaft, die sich dem vermeintlichen Verfall des Deutschen entgegenstellen wollte. Und auch Prinzessin Lieselotte von der Pfalz schrieb 1721 an eine Freundin: „Ist es möglich, liebe Louise, dass unsere gutte, ehrliche Teüutschen so alber geworden, ihre sprache gantz zu verderbe, dass man sie nicht mehr verstehen kan?".

Und so können wir uns ganz entspannt vor Augen führen, dass alles im Wandel bleibt – nur das Meckern der Deutschen über diesen scheint der Fels in der Brandung zu sein.

1 Duden: Deutsches Universalwörterbuch, Mannheim 2007, 6. Auflage.

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