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Sprudelchen schreibt: Freizeitpark Deichmann

„Wo treibt sich eigentlich Katharina immer herum? Die sieht man ja oft nicht einmal zum Essen.“ Omis Frage war schon lange überfällig. Ich wunderte mich schon lange über ihre Zurückhaltung. Ganze zwei Wochen biss Omi die Zähne zusammen, kein neugieriges Wörtchen zwängte sich durch den fest zusammengepressten Lippenspalt, der neuerdings, wie ein feiner Strich als weitere Furche ihr eigentlich noch schönes Gesicht ziert. Doch wie soll ich ihr beibringen, wo sich ihre zweitgeborene Enkeltochter die Zeit vertreibt? Dafür wird sie niemals Verständnis aufbringen.
Katharina ist sicher nicht bei einer Freundin zum gemeinsamen Lernen, wie Opa es vermutet. Sie verrichtet auch keine sozialen Dienste. Nicht einmal heimlich. Und schon gar nicht klammheimlich.

Katharina ist sicher bei Deichmann. Darauf könnt ich wetten. Sie lebt quasi dort. Zu uns kommt sie nur noch, zwecks Nahrungsaufnahme und Klamottenwechsel. Andere Mädels gestalten sich ihre Freizeit, indem sie ins Kino oder in die Eisdiele gehen, sich mit Freunden treffen.
Katharina geht eben zu Deichmann.

Ist doch nicht schwer zu verstehen.
Doch?
Nein, nicht wirklich.

Nicht, wenn man weiß, dass Katharina einen angeborenen Schuhtick hat. Das arme Kind ist Opfer eines genetischen Fehlers. Der muss sich vor zirka vier Generationen in meine Familie mütterlicherseits eingeschlichen haben. Und er vererbt sich seitdem auf jede Zweitgeborene.
Ich hatte das total verdrängt.

Doch schon im zarten Alter von anderthalb Jahren, Katharina konnte gerade aufrecht laufen, brach der Tick durch. Kaum ließ ich das Mädchen mal für einen Augenblick von der Hand, war sie verschwunden. Doch bald hatte ich den Bogen raus, wo ich das Kind suchen musste. Im nächsten Schuhgeschäft! Dort saß sie, überglücklich, in Bergen von Schuhen versunken, die sie eigenhändig aus den Regalen zerrte und begutachtete. Es kam auch vor, dass sie welche anprobierte. Schon sehr früh zeigte sich ihre Vorliebe für die Exoten der Kollektion. Hohe Absätze waren ein absolutes Muss. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Während andere Mütter mit ihren Kindern in den Tierpark gingen und sich an der frischen Luft, der Natur und der Artenvielfalt ergötzten, zwang mich Katharina ins Schuhgeschäft. Ungezählte Stunden verbrachten wir mit sortieren und anprobieren.

Seit Deichmann vor etwa zwei Jahren im Nachbarstädtchen eine Filiale eröffnete, hat Katharina ihr Lieblingsschuhparadies gefunden. Alle kleinere Schuhläden sind seit dieser Zeit absolut megaout.

Obwohl ich ihr neuerdings standhaft den Schuhe-gucken-Fahrdienst verweigere, lässt sie ihr Hobby nicht los. Jetzt düst sie halt mit dem Daumen-Express in ihren Freizeitpark.

Das Vokabelheft in der linken Hand, eine Schuhpappschachtel in der Rechten bereitet sie sich zwischen vollbepackten Regalen auf ihre Englischklausur vor. Das Kind ist sehr geschickt. Das muss man ihr lassen. Schuhe auspacken, anprobieren, wegpacken. Alles einhändig. Kommt sie dann nach Ladenschluss erschöpft aber glücklich gegen 21 Uhr nach Hause, gibt es nur ein Thema: Die neue Schuhlieferung. Die bei Deichmann und die in Katharinas Zimmer. Zimmer? Das ich nicht lache. Nein, das ist schon lange kein Jungmädchenzimmer mehr. Unsere zweitgeborene Tochter wohnt in einem begehbaren Schuhschrank. Wie seine Mutter es nicht könnte, kann auch der Liebste die täglichen Reisen seiner Tochter ins Schuhabenteuerland nicht verstehen. Er beharrt fest auf seiner Meinung, dass Katharina in ihrem Zimmer hinsichtlich Menge und Auswahl über eine wesentlich ansehnlichere Kollektion verfügt, als jedes noch so große Schuhgeschäft in der gesamten Republik.

„Schau mal Mami, was ich mir ergattert habe“. Um Omis Fernsehschlaf nicht zu stören, schleicht sich Katharina auf nackten Füßchen ins Zimmer und gibt sich geheimnisvoll. In ihren Augen flackert ein begehrliches Feuer. Seufzend lasse ich mich in ihr Zimmer ziehen und begutachte die Neuerwerbung. Superschicke Sandaletten in hellem lila. Mindestens 12 Zentimeter Absatz, nicht dicker als ein Bleistift. Zwei Riemchen zum Halten des Fußes. „Brandneue Ware Mam. Erst um halb fünf geliefert worden“. Ich tue ihr den Gefallen und bewundere die seltsame Fußbekleidung. Meine Meinung behalte ich für mich. Irgendwann wird sie sich einmal in einem dieser Dinger den Hals brechen. Ich weiß das genau. Doch genau das glaubt sie mir nicht. Meine Einwände hält sie für blanken Neid. Den unterstellt sie mir seit Jahren. („Du bist ja nur neidisch, weil du mit deinen Landfrauenfüßen da nicht reinpasst. Du bist ja nur sauer, weil du dir so was Tolles nicht leisten kannst“.)

Da könnte sie schon recht haben. Wie sollte ich mir denn noch neue Schuhe leisten können, wo sie doch mein ganzes sauerverdientes Geld für ihr eigenes Fußwohlbefinden zum Schuhguru ins Nachbardorf schaufelt. Ich habe vor lauter Geld reintippen ja nicht einmal mehr Zeit, Schuhe gucken zu gehen. „Liebes, lass uns bitte das Thema wechseln. Du siehst blass aus. Musst du ja auch, heute warst du nicht einmal zum Essen zuhause. Komm in die Küche, ich mache dir wenigstens ein Brot.“ Sie ist wirklich blass und schmal geworden in den letzten Monaten. Ich mache mir ernsthaft Sorgen. „Nein Mam, das brauchst du nicht. Alex hat mir eine Pizza und eine Fanta beim Türken besorgt“. „Wer ist Alex?“ „Ach, das ist der schnuckelige neue Verkäufer. Der ist ja so süß. Ich habe dir doch schon von ihm erzählt?.“ Ob Alex süß ist, kann ich nicht beurteilen. Entgegen anderer junger Mädchen, die ihre Süßen mit nach Hause bringen, lernt Katharina ihre vorübergehenden Liebsten bei Deichmann kennen. Und lässt sie auch dort.

Wieso vergesse ich das immer wieder. Schließlich ist Katharina Mitglied der Familie Deichmann. Sie lebt dort. Wird dort gepflegt, gehegt, mit Essen versorgt und geliebt. Dafür muss sie (außer Schuhe kaufen) gar nichts tun. Sie muss einfach nur da sein. Nur zum Schlafen darf sie nach Hause. Und wehe, sie ist einmal ein paar Tage auf Klassenfahrt. So, wie letztens. Da machten sich die Schuhverkäufer doch tatsächlich große Sorgen. Die riefen sogar bei mir an und erkundigten sich nach Katharinas Befinden.

Wo habe ich eigentlich die Nummer der psychologischen Beratungsstelle hingepackt? Ich glaube, die werde ich bald brauchen.

Autor: ehemaliges Mitglied

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