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Sprudelchen schreibt: Eric und die Trachtengruppe

Ungeachtet meiner Erkenntnisse feilt Eric gut motiviert an seinem neuen Lebensziel. Ja, er sucht geradezu pfeilgerade den Weg zum obersten Guru der mausgrauen Trachtenträger.
Überrascht stelle ich fest, dass es meinem Herrn Pflegesohn tatsächlich möglich ist, selbst einen Termin zu vereinbaren.

Selten habe ich ihn so strahlen sehen. „Die sind ja obernett dort!“ Eric quasselt wie ein Wasserfall. Ich erfahre vom netten Kommandanten, den anderen Leutnants und Fahnenschwinger, oder was da noch so alles herum schwirrt. Eric ist total aus dem Häuschen. Er ist auf einmal wer. Etwas ganz besonderes ist er. Stimmt. Auch für mich ist er etwas Besonderes. Das gab ich ihm zu verstehen, solange ich ihn kenne. Ganz gleich, ob er eine drei oder eine fünf in Mathe mit nach Hause brachte. Er war immer etwas Besonderes. Gleichrangig mit seinen Geschwistern zwar, aber etwas ganz besonderes. Dazu braucht es keine Uniform. Schießübungen auch nicht.

„Stell dir vor. Die haben sich sehr gefreut, dass ich mich freiwillig für vier Jahre verpflichten will. Ich bekomme in wenigen Wochen eine Einladung nach München. Dort werden alle, die sich verpflichten gemustert und einer Prüfung unterzogen“. Er ist wirklich etwas besonderes, der Herr Offizier in Spe, keine Frage. Von ihm kann so ein kleiner Grundwehrdienstler sicher noch etwas lernen. „Poooooost. Eric, der Trachtenverein hat dir geschrieben“. In meine Richtung grinsend, wedelt Katharina mit dem amtlichen Kuvert wie eine läufige Hündin, die einen Rüden entdeckt hat. Ich glaube ich spinne.

Dass Eric wie der Teufel die Treppe runterstürzt, war ja zu erwarten. Aber dass auch Opi mit der Schnelligkeit eines Torpedos auf der Bildfläche erscheint, lässt mich erschaudern. So ein neugieriger alter Sack. Eric schnappt sich das Kuvert und reißt es in Windeseile auf. Ich sehe genau, wie Blut in seinen Kopf einschießt. „Die spinnen doch!“ Entrüstet setzt mich Eric in Kenntnis, dass er nun doch im nahen Provinzstädtchen zur Musterung soll. Termin, Uhrzeit (6.45 Uhr) und Ort sind benannt. Steht alles da. Schwarz auf weiß. „Da gehe ich nicht hin. Die haben doch keine Ahnung von nix. Ich werde in München gemustert.“. Eric schickt sich an, die mittlerweile zerknitterte Vorladung in den Müll zu werfen.

„Achtung Sohnemann, das kannst du nicht übergehen. Du hast es hier mit dem bundesdeutschen Trachtenverein zu tun, dort bist du nicht bei ‚wünsch-dir-was’. Du solltest zumindest einmal nachfragen“, rate ich.
Erbost über die Zumutung der unwissenden Standortkommandeure wählt mein Großer die Nummer der zuständigen Dienststelle. Denen wird er jetzt aber Bescheid stoßen. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen. Der Vorzimmerheini des Kommandanten ist ein harter Brocken. Ziemlich mutig von diesem kleinen Grundwehrdienstwürstchen, seinen angehenden Vorgesetzten nicht mit dem großen Boss zu verbinden. Das wird ihm sicher eines Tages einmal sehr leid tun. „Ich dreh am Rad. Der Typ sagt, ich soll machen, was auf dem Zettel steht. Die können mich mal. Ich geh doch um 6.45 Uhr da nicht hin. Das ist ja mitten in der Nacht“ Doch auch ein erneuter Anruf mit der Bitte um Terminverlegung in den späten Vormittag, scheiterte am Unverständnis eines Offiziers.

„Da wirst du dich wohl fügen müssen mein Schatz“. Erics Welt ist aus den Fugen geraten. Nichts stimmt mehr. Ich sollte aufpassen, dass meine Augen nicht zu sehr nach Schadenfreude funkeln. Noch während der Lange mit eingeklappten Ohren in sein Zimmer schleicht, rappelt das Telefon. Vielleicht haben es sich die Herren in Uniform ja doch anders überlegt. Wahrscheinlich ist den künftigen Kameraden unseres Großen endlich ein Licht aufgegangen. Sicher wollen sie sich für den rüden Befehlston entschuldigen und nun mit Eric einen Termin seiner Wahl vereinbaren. Vielleicht an einem sonnigen Frühnachmittag im Spätherbst, in München oder Hamburg. Selbstverständlich wird der Musterungstermin mit einem Open-Air-Konzert verbunden sein und nun soll nur noch geklärt werden, wann genau das Taxi den künftigen obersten Heerführer abholen darf.

Zackig stürzt Bernhard an den Apparat. Auch er möchte einmal mit einem echten Trachtengruppenführer sprechen. Eric macht seinem Bruder mittels Zeichensprache klar, dass er nicht da ist.
So ein Feigling. Nachdenklich schaue ich meinem flüchtenden Großen nach.

Autor: ehemaliges Mitglied

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