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Eine herzzerreißende Zugreise

Im September vergangenen Jahres besuchte ich in München meine Kinder. Die Rückreise mit dem Alex-Zug schmerzte mich diesmal sehr. Der Zug, der sonst durchgehend nach Weiden fährt, hatte diesmal Endstation in Regensburg. Laut Durchsage musste ich, wie alle Reisenden, also in Regensburg umsteigen.

Es wurde uns mitgeteilt, dass aufgrund der Flüchtlingswelle ein Sonderzug eingesetzt wird, der uns bis Hof fährt. Was uns da erwartete war haarsträubend.
Der Zug war überfüllt mit eng aneinander gedrängten Flüchtlingen. Wir Umsteiger hatten Mühe, einen Stehplatz zu ergattern. Trotz des Gedränges war große Stille unter den Leuten, nur ein paar weinende Kinder waren zu hören. In meiner Nähe saß ein Mann mit einem Kind auf dem Schoß. Das Mädchen hatte ein verletztes Bein und jammerte vor Schmerzen.

Ich bemerkte, dass viele der Flüchtlinge Zettel hielten und immer wieder studierten. Einer davon hielt einem Fahrgast das Blatt hin. Der schüttelte den Kopf und gab es ihm gleich wieder zurück. Hilflos schaute der Flüchtling in die Runde. Dies ließ mir keine Ruhe, ich wollte wissen was er für eine Frage hat und bat ihn, mir den Bogen zu reichen.

Es war sein Fahrplan. Ich fragte, wohin er reisen muss und bekam zur Antwort „Kronach“. Da wusste ich, dass er in Weiden umsteigen muss. Ich versuchte ihm mitzuteilen, dass ich ebenfalls in Weiden aussteige und ihm beim Umsteigen behilflich sein würde.

Die Umsteigezeit war mit 5 Minuten angegeben. Das wird knapp in dem Gewühl. Verwundert stellte ich fest, dass sich kein Schaffner bemühte Umsteiger einzuweisen. Die Durchsagen waren für mich kaum zu verstehen. Es war Nacht und man hatte keinen Ausblick aus den Fenstern.

In Weiden angekommen, packte ich den Mann am Arm. Er zog ein kleines Mädchen hinter sich her. Gemeinsam stiegen wir aus. Er hatte volles Vertrauen in mich. In der Hand nur eine Plastiktüte und das etwa 3-jährige Mädchen - barfuß in Schuhen. Ich rannte mit den beiden die Treppen hinunter und andere hinauf. Der Mann nahm mir sogar meinen Koffer ab. Als wir gerade die letzte Stufe vor dem Gleis erreichten, fuhr uns der Zug vor der Nase weg.

Da standen wir drei nun. Wie soll ich ihm erklären, dass wir den Anschluss verpasst hatten. Ohne mein Zutun wäre er bestimmt nicht ausgestiegen wie all die anderen, die völlig fremd durch die Gegend fuhren.

Ich ging mit den beiden erst einmal zur Bahnhofspolizei. Ich musste klopfen, die Tür war zu. Nach einer Weile kam ein Polizist vor die Tür und ich erzählte von dem Missgeschick: Keine Bahnhofspolizei war beim Einlauf des Flüchtlingszuges am Bahnsteig zu sehen. Die Umsteigezeit war viel zu knapp.

Ich bekam keine Reaktion darauf. Auf meine Frage, wie die beiden nun Anschluss haben, wurde mir gesagt, ich soll mich doch mal am Schalter erkundigen. Das darf nicht wahr sein. Erbost sagte ich: „In Weiden ist doch der Schalter am Abend geschlossen, das dürfte Ihnen ja bekannt sein. Ich verlange, dass sie sich um die Weiterreise kümmern und für die beiden eine Zwischenunterkunft notfalls organisieren.“

Der Polizist ging in sein Büro zurück und besprach mein Anliegen mit den Kollegen. Daraufhin wurden die beiden herein zitiert. Ich bat darum, dass Ihnen etwas zu trinken gebracht wurde und evtl. eine kleine Brotzeit. „Ja, das machen wir, wir werden uns kümmern.“

Zum Abschied drückte der Mann mir fest meine Hand und bedankte sich. Das alles tat mir schrecklich leid, denn ich konnte ja nicht helfen. In großer Sorge fuhr ich nach Hause. Ich konnte nicht einschlafen nach diesen Geschehnissen und dem Wissen um die unorganisierte Reise der Flüchtlinge. Kurz vor Mitternacht rief ich bei der Polizei an und erkundigte mich. Es wurde mir mitgeteilt, dass die beiden um 23 Uhr in den nächsten Zug einsteigen konnten. Erst da entspannte ich mich.

Dieses bedauerliche Erlebnis gab mir den Mut und die Kraft, Unterstützung zu leisten. Ich meldete mich ehrenamtlich an. Seit Oktober unterrichte ich zweimal in der Woche zusammen mit ehrenamtlichen Lehrern. Es macht Freude, die Schüler sind höflich, dankbar und lerneifrig. Wir haben uns in den Monaten angefreundet und können uns auch schon einigermaßen verständigen.

Auch ich war übrigens 1945 ein Flüchtlingskind, das auf Hilfe hoffte.

Autor: Feierabend.de Mitglied renerk

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