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Otto muss die Zeit totschlagen

Wie meistens vor dem Wochenende waren Hanna und ich im Pankower Rathauscenter. Hanne hatte um neun ihren Termin bei ihrer Friseurin. Dauert theoretisch eine halbe, praktisch ungefähr eine satte Stunde. Je nachdem, wer sie in der Mache hat. Da wird unfassbar viel gequatscht. Daher kommt sicher die Aufforderung an besonders redselige Zeitgenossen:“Hast du keinen Friseur, dem du das erzählen kannst?“

Für mich ergibt sich die Frage, wie ich diese Freizeit sinnvoll nutze. Meistens habe ich meinen E-Bookreader mit, ein Geschenk von Hanna. Dann suche ich mir ein ruhiges Plätzchen und lese. Vorzugsweise Regiokrimis. Wenn nicht, dann klappere ich die schon geöffneten Geschäfte ab und arbeite als Scout. Das heißt, ich sichte das Angebot auf sogenannte Schnäppchen zur Auffüllung unserer Haushaltsreserve. Ich will ehrlich sein. Eigentlich bin ich für diese Aufgabe ungeeignet. Ich merke mir kaum Preise. Für mich ist die Qualität bei der Bewertung der Kaufwürdigkeit eines Produkts das entscheidende Kriterium. Zu meiner Ehrenrettung: Dank meiner Liste mit Preisvorgaben bin ich durchaus ein brauchbarer Kundschafter.

Heute muss ich außerdem die neue Fernsehzeitung kaufen. Wir bevorzugen eine mit 14-tägigem Programmteil und einen umfassenden populärwissenschaftlichen Teil, plus ganzseitigem Kreuzworträtsel. Das Ganze für einen Euro.

So, die Fernsehzeitung habe ich, nun brauche ich nur noch ein ruhiges Plätzchen zum Lesen. Die Sitzgruppen für Imbisskunden der Wursttheke bieten sich an, sind aber nur bedingt geeignet. Am Vormittag haben dort mehrere Rentnergruppen ihren täglichen Treff. Die Geräuschkulisse ist störend beim Lesen. Eine andere Lösung muss her…

Na klar! Wieso bin ich nicht gleich darauf gekommen? Ich setze mich in die Sesselgruppe in der Buchhandlung Thalia. Die Fernsehzeitung bringe ich noch schnell zu Hanna und sage ihr, wo ich zu finden bin. Dann nichts wie hin zu Thalia. Und siehe da, es ist noch ein Platz frei. Ich setze mich, zücke meinen Tolino und beginne zu lesen. Aber irgendwie fühle ich mich beobachtet. Die anderen Lesenden um mich herum - alle haben Printausgaben in den Händen – betrachten mich wie einen Exoten.

Ich glaube, einige Leser sitzen schon sehr lange hier. Sie sind schon fast in der Mitte ihrer Bücher angekommen. Vielleicht lesen sie aber auch nur diagonal – wie man sagt. Mir scheint, sie wollen die Bücher erst mal lesen, bevor sie diese kaufen. Vielleicht haben sie aber auch nur keinen festen Wohnsitz oder eine feuchte Wohnung. Das ist frech von mir - Entschuldigung. Ich bin leicht genervt. Fragen über Fragen und ich komme nicht zum Lesen. Sie werden wie ich einfach nur die Zeit totschlagen. … Kann man Zeit totschlagen? Ich komme nicht dazu, darüber weiter nachzudenken. Hanna ist gekommen.

Autor: bombus78

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