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Stinkematz

Bei meiner Geburt war mein Vater auf See bei der Kriegsmarine. Er kam in Gefangenschaft. Als er nach der Zeit endlich zu Haus war, hatten meine Eltern anderes zu tun, als zum Pastor zu laufen und mich taufen zu lassen.

Aber so, wie sie mir das später erzählt haben, bin ich doch “getauft“ worden. Zu Haus. Mit Kaffeesatz. Von meinem Vater und seinen Brüdern.

Über alle Maßen verrückt und übermütig waren sie vor Glück, dass sie halbwegs gesund Krieg und Gefangenschaft überstanden hatten. Da mussten sie einfach etwas ausfressen.

Es war in der Kirschenzeit. Also haben sie erst alle miteinander Kirschen gepflückt und einen Korb voll mit ins Haus genommen. Zu der Zeit wollten meine Eltern ihre Küchenwände streichen. Tapeten gabs nicht oder waren unerschwinglich. Man nahm eine Rolle mit Muster und brachte damit Farbe auf die Wand.
Einer von Papas Brüdern hatte den Einfall, dass sie eine Wand auf andere Art und Weise „verzieren“ konnten: Mit Kirschkernfarbe! Da haben sie dann mit allemann Kirschkernweitspucken gemacht. Die Wand soll ordentlich „verziert“ gewesen sein. Danach kamen die Brüder auf die Idee mit meiner Taufe.
Wie mögen die gefeiert haben!

Auch meine Brüder sind erst nicht getauft worden. Unseren Eltern fehlte es an Zeit und Geld. Wir sind umgezogen. Weit weg in eine andere Stadt. Dort mochte ich nicht gerne sein und ich glaube, meine Mutter auch nicht. Bald hatten wir eine kleine Schwester und jetzt war es soweit: Wir Kinder sollten getauft werden.
Dafür sind wir wieder „nach Hause“, in unsere Heimat gefahren. Die Taufe sollte in der Kirche sein, in der meine Mutter konfirmiert wurde und meine Eltern getraut worden sind. Hier bin ich sonntags im Kindergottesdienst gewesen. Dafür, dass man da war, gab es hübsche Bildchen.

Inzwischen war ich 10 Jahre alt. Mit meinen Brüdern und Mutti mit unserer kleinen Schwester auf dem Arm, standen wir rund um das Taufbecken. Ich wusste nicht, was mit mir geschah: Plötzlich liefen Tränen über mein Gesicht und ich konnte nichts dagegen machen!

Unsere jüngste Schwester ist dort getauft worden, wo sie geboren wurde. In unserem neuen Zuhause. Dieses Erlebnis ist mir nicht so nahe gegangen wie meine eigene Taufe.

Wenn sich die Gelegenheit ergab, haben mich meine Kusinen noch lange damit gehänselt, was sie bei meiner Taufe zu Haus von meinem Vater und seinen Brüdern mitbekommen hatten: „Wir taufen dich mit Kaffeesatz und du sollst heißen Stinkematz.“

Ob ich darüber wohl glücklich war?

Autor: egalis

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