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Frühlingserwachen

Der Winter hatte den kalendermäßigen Frühlingsanfang übersehen und uns noch einmal tüchtig Eis und Schnee beschert. Frühlingshafte Empfindungen, insbesondere der hausfrauliche Drang zum Rausputz, waren entsprechend eingefroren.

Helga und ich hielten in der Küche ein Schwätzchen. Plötzlich kam vom Kornboden ein Getöse, als seien unsere sämtlichen Mäuse auf der Flucht. Da wir einen kleinen Bauernhof haben, sind es nicht wenige Nager, denen sich unsere Katzen anzunehmen haben. Nach einem gewaltigen Gepolter raschelte und krispelte und piepste es schließlich aus dem Luftschacht, der in der Küche über dem Schrank endet. Helga war der Meinung, sie habe ein Schwänzchen gesehen. Um mich zu überzeugen, stieg ich auf einen Stuhl und sah nach. Doch inzwischen war Ruhe eingekehrt und ich konnte nichts entdecken.

Mein Blick fiel auf den Schrank und ich fast vom Stuhl. Den ganzen Winter hatte ich mich nicht darum gekümmert und nun fühlte ich mich in meiner Hausfrauenehre doch ziemlich verletzt:
Das Muster des aufgelegten Schrankpapiers war nur noch zu erahnen und von den zur Zierde aufgestellten Einmachgläsern von Anno Dunnemals schwang sich elegant ein bestaubter Spinnwebfaden zur Wand. Mir schlug mein Gewissen, aber ich vertröstete mich auf den Frühling, wenn er sich endlich eingestellt hatte und das Schummeln1 sowieso losginge. Und das schien noch in einiger Ferne zu sein.

Am nächsten Tag gab strahlender Sonnenschein ein wintermäßig verschmutztes Fenster frei und Staubteilchen tanzten fröhlich ihren Reigen in der Küche. Der Hausfrauenteil in meinem Gehirn begann sich zu regen und ehe ich es eigentlich richtig wollte, hatte ich den Eimer neben mir stehen und einen Lappen in der Hand. Und dann ging’s rund. Die Blattläuse, sofern vorhanden, verkrochen sich in der Blumenerde und die Spinnen suchten auf langen Beinen, aus ihrem beschaulichen Dasein aufgeschreckt, eiligst das Weite. Die Arbeit lief mir fast allein von der Hand und ich ließ meinen Gedanken freien Lauf. Es fiel mir eine Zeitungsnotiz ein. Darin war die Rede vom Frühling und wie Natur und Mensch darauf reagieren.

Zum einen: Die Frühjahrsmüdigkeit steckt einigen ganz schön in den Knochen. Zum anderen: Die Kleidung wird leichter und bunter, der Gang beschwingter; die männlichen Zeitgenossen werden munter und schießen Blicke auf die holde Weiblichkeit ab. Soweit alles bekannt.

Neu war mir, wodurch dieser Umschwung ausgelöst wird. Durch die Zirbeldrüse bzw. ihre Mitverantwortlichkeit an der Produktion gewisser Hormone. Diese wirken sich auf den Stoffwechsel aus und bringen den Menschen in Schwung: Das Blut gerät in Wallung, die Augen werden klar, die Haut wird straffer und rosiger, die Herzen schlagen ungestümer. Blicke werden gewechselt, und wie das dann weitergeht, weiß ein jeder.

Wahrscheinlich hängt damit auch zusammen, dass die Frauen einen Putzfimmel bekommen und zu schummeln1 anfangen.

Über das Grübeln war meine Küche frühlingshaft frisch geworden und ich war gespannt, ob die Zirbeldrüse bei meinem Mann auch schon in Aktion war, wenn er am Abend von der Arbeit heim käme. Ich erwartete ihn in frühlingshafter Spannung. Meine Zirbeldrüse hatte ihre bewusste Tätigkeit aufgenommen...

Mein liebster Mensch kam, begrüßte mich wie allezeit, ließ seinen Blick durch die Küche schweifen – dieser blieb oben am Schrank hängen und er sprach dieses: „Siehst du eigentlich nicht das Spinngewebe an den Gläsern? Wie lange soll das wohl noch da hängen?“

Ich hatte vor lauter Frühlingsgedanken den Schrank obenauf ganz vergessen.

1Für alle, die nicht aus dem hohen Norden kommen: "schummeln" ist plattdeutsch und bedeutet so viel wie "gründlich reinigen"

Autor: egalis

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