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Der Brief

Auf dem Weg zur Garage fällt ihr Blick auf den Briefkasten. Der Postbote hat etliche Prospekte hineingesteckt, so dass der Deckel sich nicht mehr schließen lässt. Wenn sie später zurückkommt, will sie den Kasten ausräumen. Ob sonst noch Post gekommen ist? Neugierig schaut sie hinein und bemerkt einige Kuverts kleineren Formats, weiße und grüne. Doch halt, was steckt dazwischen? Ihr Puls geht ein paar Takte schneller. Sie sieht einen gelben Briefumschlag. GELB! Endlich mal wieder ein gelber Brief. Es ist d a s Gelb, das er immer benutzt. Hat er tatsächlich mal wieder geschrieben? Es ist so lange her, dass er sich gemeldet hat. Sie sinnt kurz darüber nach, geht dann aber entschlossen los. ‚Wenn ich wieder da bin, dann werde ich schon sehen’, denkt sie.

Unterwegs drehen sich ihre Gedanken nur um diesen Brief. Ein gelber Brief – von ihm. Sie hatte schon gedacht, er habe sie vergessen. Was schreibt er wohl? Ob es ihm gut geht? Ob er sie wieder einmal besuchen will? Das wäre schön.

Aufseufzend streckt sie sich hinter dem Steuer ihres Autos. Sie denkt an ihn und sieht sein Gesicht vor sich, seine grauen Augen.

Und wenn das nun gar kein Brief von ihm ist? Nein, unmöglich. Niemand aus ihrem Bekanntenkreis schickt gelbe Briefe. Die sind ihm vorbehalten geblieben. Als sie einmal einen weißen Brief mit seiner Handschrift aus dem Kasten holte, empfand sie Angst vor dem Inhalt. Der Brief wirkte so kalt und geschäftsmäßig. Ihre Sorge war aber unbegründet. Als sie ihm davon berichtete, bekam sie wieder die gewohnten gelben Briefe. Aber das war nun schon eine ganze Weile her. Und jetzt hatte sie wieder einen solchen im Briefkasten...

Sie merkt nicht, dass ein Leuchten über ihr Gesicht huscht, das aus ihren Augen zurückstrahlt. Als sie auf die Frage von Bekannten, denen sie begegnet, antwortet, dass es ihr gut geht, glauben diese ihr aufs Wort. Sie denkt nicht darüber nach, fühlt sich beschwingt und heiter.

Endlich ist sie wieder zu Hause. Viel Post hat sie heute bekommen. Die großen Sachen legt sie erst einmal zur Seite.

Die kleinen, die will sie sofort durchsehen. Der gelbe Brief steckt dazwischen. Soll sie den zuerst...? Nein. Die Vorfreude will sie noch etwas auskosten. Sie greift von einem weißen nach einem grünen Brief und dann wieder nach einem weißen und schaut immer wieder zu dem gelben, dessen Ecke sie unter dem Stapel hervorleuchten sieht. –

Rechnungen sind gekommen; Einladungen zu einer Versammlung, einer Ausstellungseröffnung. Die Versicherung hat geschrieben. Ihre Freundin schickte einen Brief und ihre Schwester ebenfalls.

Nun endlich gelangt sie an den gelben Brief und spürt ihr Herz klopfen.

Ihre Augen werden groß: Der gelbe Brief ist nicht von ihm!!

Ein Versandhaus für Hunde- und Katzenbedarf hat Reklame geschickt – in einem gelben Kuvert! – mit der gleichen Farbe, wie er sie nimmt.

Sie schaut auf den Brief in ihren Händen. Kann es nicht glauben, dass er wieder nicht geschrieben hat. Ihr Blick schweift durch die Küche. Sie starrt aus dem Fenster und nimmt draußen trotzdem nichts wahr.

Mit einer jähen Bewegung packt sie die gelbe Reklame in den Korb mit dem Altpapier.

Dann atmet sie tief durch und geht zur Tagesordnung über.

Autor: egalis

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