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#5/2010 "November-Blues Ade"

Leider ist unser Mitglied Hatsch_43 im September 2014 verstorben. Wir sind sehr traurig, dass wir in Zukunft auf seine humorvollen, pointierten und hintergründigen Texte verzichten müssen.
Doch seine Alltagsbeobachtungen und Kolumnen bleiben aktuell und wir schätzen sie nach wir vor sehr. Deshalb kannst Du sie auch weiterhin auf unseren Seiten lesen.

Der verstorbene Kabarettist Heinz Erhardt meinte "die Blätter fallen in den Matsch, so'n Quatsch".

Stimmt, im nächsten Jahr hängen sie wieder am Baum. Eingeleitet wurde dieser traditionell umtriebige Monat durch allerlei.

Reformation. Gedenken daran, dass Herr Luther 95 Thesen zu Wittenberg an die Tür geknallt hat.

Ob Energie, ob gewaltige Mammut-Projekte, heute wird so manch politische These ungeprüft als Fakt gehandelt. Vom friedlichen Protest, über Steine werfen bis an Gleise ketten, wird das ganze Programm abgerundet. Anschließend wird der bockige Mensch von Ordnungshütern geduscht und eingepfeffert.

Die Kritik an klerikaler Vermarktung von Ablass und Vergebung zu klingender Münze war damals ja berechtigt. Auch Weltspartag und Halloween liegen nicht so zufällig zeitgleich. Schon die Aushilfs-Druiden rund um Stonehenge sollen dörflichen Elfen und Gnomen Geschenke versprochen haben, wenn sie ihre Münzen auf dem Met-Konto anlegten. Den Rest kennen wir. Den Boom von hässlichen Stofftieren, Kugelschreibern und klobigen Sparschweinen. Und die Amis haben später die Umkehrlogik erfunden. Wenn man kein Geld hat, erhält man als „Geschenk“ eine Immobilie. Fragt lieber nicht nach dem Ausgang solcher Aktionen.

Wenn kleine geschminkte Milchzahnterroristen schauerliche Lieder sangen und auf der Haustürklingel saßen, nannten wir es Halloween. Manchmal war der Briefkasten mit Sekundenkleber abgedichtet oder die Haustür kreativ mit Klebeschlangen aus der Sprühdose garniert. Das war also "Saures". Wer schwach zum "Süßen" neigt, dem geht es so wie mir. Wo gibt es denn jetzt noch Dominosteine für meinen Weihnachtsteller?

Die Erfindung der Winterzeit allerdings gefällt mir nur eine Nacht lang. Na ja. in der ersten, wo ich eine Stunde länger pennen kann. Dafür ist es spätestens ab 17.00 Uhr Kuhnacht. Der November-Blues schleicht um die Häuser.

Die Kinder haben es schnellstens gerafft. Sie rennen jetzt haufenweise mit Laternen durch den Wald und leuchten ihren hippen Eltern heim.

Und Gänse die da "Martin" hießen, hätten am 11.11 lieber einen Fuchs-Pelz als Tarnanzug. Es wurde zu ihrem wärmsten Monat. Chancenlos im Backofen.

Für alle Narren heißt es jetzt die Fünfte. Nicht nach Beethovens 5. Sinfonie benannt. Nein, im Keller werden die Motten aus dem Karnevalskostüm geklopft und die Pappnase in sattes Rot getaucht.

Apropos Rot: Die Sonnenuntergänge waren so leuchtend schön wie auf Kreta. Der erste Tau auf den kunstvoll gewobenen Netzen der Spinnen. Spätherbst mit raschelndem Laub unter den Schuhen, Kürbisse und Kohlgerichte, frisches Wild und jungen Wein. Will ich mich da beschweren?

Und selbst die ganz persönliche Herbsterscheinung. Man sieht einfach gut aus - es sei denn, man ernährt sich das ganze Jahr von Diät-Dickmilch und ähnelt ihr nun. Endlich schmiegt sich wieder gnädiges Textil um figürliche Problemzonen. Und aus Männern, die noch vor Wochen weiß-wadig in Bermudas staksten, werden supercoole Marlon Brandos. Die Lederjacke wird wieder rausgeholt und presst auch meinen wenig perfekten Körper in akzeptable Passform. Und sie verzeiht auch das zehnte Kohlgericht. Ist der Herbst nicht schön?

Na ja das Ableben von Krake Paul, dem phänomenalen Vorsager von Fußball-Ergebnissen der WM hatte einige dünnhäutige Zeitgenossen in langanhaltende Trauer gestürzt. Obwohl, kein Platz im Kanzleramt gehörte doch eigentlich zur vertanen Chance von Paul. Was hätten wir über Atomausstieg und Stuttgart 21 alles hören können? Ja oder Nein?
Dagegen erfuhr auch jetzt wieder Volkstrauertag eine derart beklemmende Aktualität für unsere gefallenen Söhne in Afghanistan.

Für mich als Rentner ist der November der ultimative Arbeitsmonat. Alle Jahre wieder Verträge kündigen und abschließen. Mein Stromprimus des letzten Jahres steht nun auf der 60igsten Stelle und ist auf einmal 200 Euro teurer als der Neue. Die Tauschbörse der Verträge ist eröffnet. ABM-Maßnahmen in Glaspalästen. Formulare, Formulare von Geburt an bis zur Bahre. Heutzutage digital versteht sich. Es gehört wohl zu den Statistik-Taktiken dieses unseres Landes, dass ganze Heerscharen von Anbietern mit diesen Jahresmanipulationen arbeiten. Nichts ist eben beständiger als die Veränderung. Aber es nervt. Telefonieren sie einfach… Bieten sie Ihrem Institut die Kündigung und gleichzeitig den Neueinstieg an. Erstaunlich wie schnell Sie der Sachbearbeiter in günstigere Einsteiger-Tarife stuft.

Und was sind wir wieder für eine schnelle Nation. Nein ich meine nicht die schnellen Hilfs-Euros nach Irland und Portugal. Ach ja wohin denn nun zuerst. Waren doch gerade beide die boomendsten Euroländer.

Vorzeigbar wie Vettel. Seitdem dieser Mordsjunge, Weltmeister der Formel 1, heulend sein „unbelievable“ sein „unglaublich“ ins Mikro hauchte, ist Weinen wieder sympathische Selbstfindung. Jedenfalls wenn man den Medienumfragen in der Fußgängerzone glaubt. Ich dagegen könnte schreien wer nun so alles auf der Landstraße die PS-Backen aufbläst um vor mir am Drive-In von McDonalds zu bremsen.

Zurück zu unserem meteorologischen Alltag. Es gab auch Bundesländer, die den Monsunregen gepachtet hatten. An manchen Orten regnete es in Strömen. Nicht nur von oben, auch schräg und aus Pfützen spritzend. Der Mensch braucht Schirm. Dazu braucht man eine Hand um ihn zu halten. Willst Du sie frei bekommen – also um Einkäufe zu tätigen, Kinder über den Kopf zu streicheln – wird der Schirm abgestellt und vergessen, sobald es nicht mehr tropft. Typisches Herbstschicksal individuell gestylter Schirme. Wenn's schüttet stehen sie vergessen in einer Ecke. Man sollte eine Schirmherren-Partei gründen! Beschirmte Hoffnung.

Nun laufen im November verstärkt Spendenaktionen. Ein renommierter TV-Sender startete den „Spendenmarathon mit Promi-Quiz“ für den sich immer mehr Prominente aus Politik und Kultur engagieren. Die ultimative Doku-Film-Konfrontation mit Kindern, die in aufgehäuften Wohlstands-Müllbergen leben, treibt nicht nur engagierten Promis die Tränen in die Augen. Momente in denen man sich für locker ausgegebene Luxus-Euros schämen möchte. Viele Menschen besinnen sich dann lieber auf ihren Verdrängungsmechanismus.

Und das Thema "vergessene Dinge" erfahren wir alljährlich nach Weihnachten. Dann stehen traurige Weihnachtshündchen wie einst Lilli Marleen an der Laterne.

Aber vorher kommt ja der Advent, die Lichterzeit. Und die vielen bunten Märkte dazu. Ich liebe sie. Freut Ihr Euch auch auf den Weihnachtsmarkt? Nein, nicht die umfunktionierten Ladentheken oder Fressmärkte. Reisebus-Ringmeile, wie im wilden Westen die Wagenburgen. Curry-Wurst gratis an der Jacke und wenn ich Glück habe auch Mayo und Ketchup. Denn so lieb ich meine Curry…

Ich mag heimelige Weihnachtsmärkte, das Lächeln und Schwatzen der Besucher, Abstand von täglicher Hektik. Bastel- und andere kreative Kunstwerke genauso anbietend, wie den Duft von Gebackenem und Gegrilltem verbreitend. Oft mittelalterlich verpackt mit dem rustikalen Charme von altem Handwerk und Minnegesang.

Vorweihnachtszeit macht tolerant. Auch schlechter Wein hat seine Chance. Verbrämt mit zu viel Zucker und jeder Menge Zimt, liegt der Dunst des Glühweins über deutschen Innenstädten. Gibt es da eigentlich ein bundeseinheitliches Gesetz, dass in der dunklen Jahreszeit literweise Glühwein vernascht werden muss? Natürlich draußen und mit saisonaler Beschallung. Wer dieses Gesetz bricht, kann als Weihnachts-Outlaw ins Kloster gehen. Vielleicht ist es dort langweilig, aber die Chancen auf guten Wein steigen erheblich.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Doch wenn das 5. Lichtlein brennt, dann hast Du Weihnachten verpennt...

Lichter gehen uns ja genügend auf, wenn wir die Nachrichten schauen. Überall gegenwärtig die Sorge um Sicherheit vor Terror. Ich habe bereits die Tür vernagelt, mich in eine Ritterrüstung gezwängt, ich glaube es ist die vom Götz, dem von Berlichingen und alles was mir am Bildschirm verdächtig vorkommt, jage ich mit einer Cyber-Kanone in den digitalen Orkus.

Rückblickend war für mich der November eher Rock' n Roll als Blues.

Trotz allem eine besinnliche und hoffnungsvolle Adventszeit wünscht hatsch**

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