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#4/2010 “Schland“ ein Sommertraum…

Leider ist unser Mitglied Hatsch_43 im September 2014 verstorben. Wir sind sehr traurig, dass wir in Zukunft auf seine humorvollen, pointierten und hintergründigen Texte verzichten müssen.
Doch seine Alltagsbeobachtungen und Kolumnen bleiben aktuell und wir schätzen sie nach wir vor sehr. Deshalb kannst Du sie auch weiterhin auf unseren Seiten lesen.

“Schland“ ein Sommertraum…

Wir erinnern uns: Mit Benedikt XVI wurden wir Papst, bei der Fußball - WM waren wir wohl ein bisschen „Schland“…
Aber was steckt hinter „SCHLAND“?

"Schland” ist ja eigentlich all der Kram, der irgendwo herumliegt, den man als Rest in einem Karton entdeckt, zu nichts nütze. Schland bleibt auch immer zurück, wenn man beispielsweise einer Trompete die Messinghülle, St. Martin den Mantel oder Deutschland die Grenzen fortnimmt.

Fakt ist, dass acht junge Köpfchen aus dem Münsterland ihr persönliches Sommermärchen schufen. Mit "Schland oh Schland" ein Spaß, ein Scherz, ein Studentenprojekt - für den Fan-Song, den sie auf die Melodie von Lenas Grand-Prix-Hit "Satellite" dichteten.

Unterstellt man dem durchschnittlichen Fußballfan einen gewissen Alkoholkonsum und den unbeirrbaren Willen zur Vereinfachung der Verständigung, so erkennt man, dass "Flur" für "Wie viel Uhr", "Eishockey?" für "Alles okay?" steht und "Schland" eben für "Deutschland". Und da jeder Kopfball und zu viel Bier Hirnzellen abtöten, ist diese Entwicklung nicht wirklich verblüffend.

Gemeinsamkeit ist ein überzeugendes Phänomen. Die Balltreter Müller, Özil, Boateng, Khedira, Cacau - sie alle hatten ein gemeinsames Ziel. Das Runde in das Eckige zu versenken.

So bemerkte ein russischer Kommentator, der geneigte östliche Zuschauer möge sich nicht über die Namen wundern. Sie seien tatsächlich Deutschland. Das neue Multikulti-Deutschland.

Tröröö... Natürlich ist hier nicht das gemeinsame Trööööten in das wohl unmusikalischste Gerät der Welt, der unglaublich nervtötenden Vuvuzela gemeint, von dem viele argwöhnen, dass es sich um die recycelten Penisröhren der Papuas handelt.

Die Vuvuzela legte einen akustischen Teppich auf unser Gemüt und stellte eine Art Geheimwaffe dar. Während Südafrikas Team an der Lautstärke wuchs, soll es in anderen Teams Überlegungen gegeben haben, gefuchtelte Kurzsymbole einzuführen. Man stelle sich dabei die Bedeutungswandlung des Handspiels vor. "Handspiel? Nee, ich hab nur mit meinem Nebenmann geredet!" ...Ach so!

Aber zurück zum Thema: Vor Jahren noch undenkbar, dass an einem türkischen Fan-Auto deutsche und türkische Fahnen friedlich und gemeinsam vom Fahrtwind liebkost wurden. Solche Fahnen-Nähe hätte früher die nationalen Farben verbleichen lassen.

Seit Özil für Deutschland flankt, darf ich auch Murats hübsche Schwester anlächeln, ohne dass der Familien-Clan gefährlich tagt.

Wenn ihr wollt, könnt ihr es schaffen, stellte zum Thema Migration eine türkische Journalistin fest.

Viel mehr als Politiker erreichen können, ist in den vergangenen Wochen geschehen. Hoffen wir, dass es auch in den stinknormalen Alltag getragen werden kann.

Vielleicht sollte ich meine kritischen Gedanken zur Vergabe des Bundesverdienstkreuzes an den Fußballtrainer als politisches Eingeständnis wahrnehmen, dass Integration eben nicht per “order mufti” stattfindet.

Mir war es ja immer suspekt wenn Alt-Politiker die hohen Einwanderungszahlen als vorbildlich deutsche Integration proklamierten. Container-Städte am Rande einer schon für sich selbst kämpfenden Gesellschaft, - eine statistische Lüge zum Thema. Es war der Stoff aus der die Ghetto-Städte geformt wurden.

In nächster Generation findet man bis zum Rapper Bushido die Erkenntnis, dass nur ein gemeinsames Leben und Arbeiten Multikulti nicht zum Reizwort werden lässt. Dazu gehört aber auch gemeinsam erlebte Freude, am besten am gemeinsamen Erfolg.

"Vergesst das Gerede von den Wurzeln“, meinte der Berliner Rapper Bushido, dessen Vater aus Tunesien stammt. „So werdet ihr nie in der multikulturellen Gesellschaft ankommen. Die zeichnet sich gerade dadurch aus, dass kein Aufhebens mehr darum gemacht wird, wer irgendwann mal woher kam."

Wenn Sami Khedira den argentinischen Topstürmer Messi ausschaltet, sagt man doch auch nicht: Der Tunesier hat den Messi ausgeschaltet. Das wäre altes Denken und interessanterweise kommt das nicht von den Deutschen, sondern eher von Ausländern, soweit der Rapper in einem Interview.

Hatten wir nicht schon immer kleine und große völkische Wanderbewegungen? Und doch scheint es besonders für die Älteren nicht einfach. Einem Familien-Vater aus dem vietnamesischen Mittelstand (den damaligen Bootsflüchtlingen) konnte ich einen EDV-Job vermitteln. Beste Voraussetzung für Integration dachte ich.
Seine hier geborenen Kinder haben hochqualifizierte deutsche Ausbildungen mit Bestnoten bestanden. Sie sind aktueller deutscher Volksbestandteil, allein das Verhältnis ihrer nun alternden Eltern zu ihnen enthält viel Unverstandenes.

Und für mich die Erkenntnis, dass im Alter dann häufig verklärende Sehnsucht nach eigener Jugend aufbricht.

Für hilfreich halte ich sehr wohl die Wurzeln jenes Fleckchens Erde zu kennen, das ich ohne eine Zungenlähmung zu bekommen, gerne Heimat nenne. Es hilft die geschichtliche Entwicklung, die Kultur, Staatsgedanken aber auch Tradition zu begreifen. Tradition nicht das Weitertragen der Asche, sondern des Feuers, versteht sich.

Der Soziologe J. Stolz beschäftigt sich mit Überfremdungsängsten. Der Stereotyp des nicht integrierbaren Ausländers wird auf immer neue Volksgruppen übertragen – wer zuletzt einwandert, wird zum Sündenbock. Dieses Image verbessert sich dann wieder, wenn die Nachfolgegeneration hier aufwächst und sich gesellschaftlich etabliert. Den Staffellauf der Bösewichte seit Mitte des letzten Jahrhunderts kennen wir.

Zeit ist nur das was man an der Uhr abliest, sagte Albert Einstein. Ist Zeit also eine bedeutungslose Maßeinheit? Dann müssten wir sie füllen, mit flexiblem Denken, manchmal auch mit Geduld.

Ich jedenfalls hatte trotz wohnlicher Nähe zu einem sogenannten „Public Viewing“, inklusive des ausufernden Multikulti-Freuden-Lärmes, Gelegenheit ein bisschen “Schland” zu sein.


…deut”schland”ige Grüsse vom hatsch_43

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