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Gastkolumne: Menschenwürde

Menschenwürde ist empfindlich wie ein Schmetterlingsflügel

Ich denke, zum Menschsein gehört die Würde wie eine zweite Haut, die unserer Existenz erst ihren Wert gibt. Die Würde verleiht uns Stärke, und unserem Lebensschiff auf seiner Reise Schutz vor gefährlichen Riffen. Darum sind Menschenrecht und Menschenwürde untrennbar miteinander verbunden. Schon der erste Artikel in unserem Grundgesetz lautet: „Die Menschenwürde ist unantastbar.“ Ist das nicht mehr als ein frommer Wunsch? Unsere Würde bleibt angreifbar, auch wenn wir uns in unserem Schmetterlingskokon sicher fühlen. Wie bekomme ich Sicherheit? „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“, antwortet das Grundgesetz. Mit Gewalt die Würde schützen? Bei dieser Wortwahl wird mir mulmig. Doch unser Staat schützt uns in erster Linie vor sich selbst, um unsere Grundrechte zu wahren. Das klingt seltsam. Doch hier geht es um die Anerkennung der gleichen Rechte für alle, unabhängig von ihrer Religion, ihres Geschlechts und Alters und vor allem der respektvolle Umgang miteinander. Dies scheint eine der schwersten Aufgaben, die sich der Mensch gestellt hat.

Wie betrachten unsere Politiker die menschliche Würde? Um dies zu beantworten, brauche ich nur die Zeitung aufzuschlagen, die ich mir gerade beim Kiosk geholt habe. Je mehr ich mich durch den ersten Artikel grabe, desto klarer wird mir, dass sich aus staatlicher Sicht die Menschenwürde in Steuergeldern bemisst. Jeder Zehnte ist auf soziale Mindestsicherung angewiesen. Unsere neue Familienministerin schlägt eine erleichternde Pflege von kranken Angehörigen vor. Die Pflegenden sollen – nur für weniger Geld –, halbtags arbeiten dürfen. Der Staat ist somit aus der Pflicht genommen, indem er ausschließlich den Betroffenen und ihren Angehörigen die gesamte Verantwortung auflädt. Der Aufschrei der Grünen klingt mehr wie ein erkälteter Hahn. Die Pflege von Alten und Kranken gehört zu den Aufgaben des Staates, tönen sie, genauso die Betreuung der Kinder, die ebenso eine staatliche Aufgabe ist. Als moderne, aufgeklärte Bürgerin soll ich mir um Kinder oder Eltern also keinen großen Kopf machen. Im Gegenteil. Solange ich in der Tretmühle bin und die 67 noch nicht erreicht habe, besteht meine Aufgabe, darin zu arbeiten, bis ich umfalle. Offiziell heißt das Karriere machen. Doch das machen die wenigsten von uns. Die meisten arbeiten nur. Kinder passen übrigens schlecht ins Schema, obwohl der Staat sie dringend wünscht. Dabei erwartet er, dass wir uns ein paar Wochen nach der Geburt – um Zeugung und Geburt kann der Staat sich nicht kümmern, sonst wäre er sicher mit dabei – in eine nicht vorhandene Krippe geben, die alten Eltern gibt man ins Heim. Denn wenn der Laden laufen soll, müssen wir nichts anderes tun, als arbeiten und Steuern zahlen, Steuern, die sich immer mehr erhöhen, damit der Staat uns die Kinder und Alten vom Hals halten kann. Offiziell nennt er das frei und selbstbestimmt, obwohl ich manchen Arbeitsplatz mit einer Sklavengaleere vergleichen würde.

Lautes Gehupe lässt mich aufschrecken. Beinahe wäre ich bei Rotlicht über die Kreuzung gelaufen. Ich sollte die Zeitung nicht im Gehen lesen. Mein Bedarf für heute ist gedeckt. Ich schmeiße sie in den nächsten Papierkorb. Nein, da mache ich nicht mit und ich werde mich nicht von hohlen Phrasen einlullen lassen. Ich sehe doch, was um mich herum passiert. Die menschlichen Bindungen werden immer schwächer. Es scheint so, als hätte man sich daran gewöhnt. Paare binden sich seltener und dann heißt es: Guck mal, das ist mein neuer Lebensabschnittsgefährte. Kinder will heute kaum noch jemand oder sagen wir es mal so: Die, die welche kriegen sollten, wollen nicht und die, die sich längst aufgegeben haben, die der Staat nur noch mit Brosamen versorgt, pflanzen sich fort. Widersinnig? Nee. Zeitgeist. Vielleicht wollen sie einfach nur spüren, dass sie noch leben. Schließlich leben wir in einer Leistungs- und Konsumgesellschaft und notfalls konsumieren wir uns sogar selbst.

Ich merke, ich werde zynisch, aber wenn ich sehe, mit welchen Zukunftsängsten unsere Generation heute lebt, macht mich das zornig. Befristete Jobs, Altersarmut, Angst und Terror durch fehlgeleitete Politik. Wer schreitet ein, wenn unsere Alten und Kranken in Heimen untergebracht werden, in denen das Pflegepersonal knapp bemessen ist und kaum Zeit für Zuwendung und Beschäftigung mit den Menschen bleibt? Hat nicht ein alter Mensch oder ein Kranker genauso einen Anspruch auf Zuwendung wie ein junger und gesunder Mensch? Warum werden schutzlose Flüchtlinge kaserniert und warum gestattet man ihnen kein menschenwürdiges Leben, nachdem sie schon alles verloren haben? Warum gibt es einen Täterschutz und warum tut man so wenig für die Opfer? Das schürt Unsicherheit dem Staat gegenüber, der uns doch andererseits darauf hinweist, dass Menschenwürde und Menschenrechte untrennbar miteinander verbunden sind.

Als ich in den Hausflur trete, begrüßt mich meine alte Nachbarin. „Guten Tag, Kindchen, Sie sehen ein wenig abgehetzt aus.“
„Ich bin gelaufen. Das macht mich kurzatmig. Ich sitze zu viel am Schreibtisch und bewege mich zu wenig.“
„Eile mit Weile“, lächelt sie und schwingt ihren Besen. „Die Zeiten waren früher besser!“
„Inwiefern?“, frage ich sie.
„Ja, wir hatten einfach mehr Zeit füreinander.“ Sie stützt sich auf ihren Besen. „Nun ist alles anders. Meine Kinder sehe ich nur noch zu Weihnachten.“ Ein feuchter Glanz tritt in ihre Augen, wenn sie über ihre Kinder spricht. Ich schaue unsicher in eine andere Richtung, obwohl sich ihr Blick mehr nach innen richtet. Die Vergangenheit wird wieder lebendig und mit ihr Heinz, ihr verstorbener Mann. Ihre Kinder sind nun wieder klein und tollen im Garten herum. Es wird ein langer Monolog, indem sie alten Werten hinterher trauert, die das Tal der Gleichgültigkeit im Königreich Nichts verschlungen hat.
„Wir können heute Nachmittag ein Tässchen Kaffee bei mir trinken – wenn Sie wollen“, unterbreche ich sie, denn ich muss an meinen Schreibtisch.
Als ich die Freude in ihren Augen sehe, beschließe ich, uns einen kleinen Kuchen zu backen.

Die Würde des Menschen ist unantastbar, lautet der 1. Artikel im Grundgesetz. Was soll uns das vermitteln? Die Idee, dass jeder Mensch aufgrund seiner Existenz wertvoll ist, sagen die einen. Andere werden entgegnen: Macht eine Idee einen Menschen unantastbar, etwa durch Gesetze und Paragraphen? Rechtlich gesehen schon, Menschenrechte sind im Gesetz verankert. Aber praktizieren wir die Menschenwürde im Miteinander auch?

Während würziger Kuchenduft durchs Haus zieht, denke ich plötzlich an meine alte Freundin Esther. So lange habe ich sie nicht gesehen, dass ich mich schäme. Aber der Kreis und sein Trott haben auch mich aufgesogen. Vor knapp zwanzig Jahren begegnete ich Esther das erste Mal auf einem Konzert und wurde ihre Freundin. Esther, eine kleine Frau so voller Lebensmut und Stärke. Da war sie bereits 66 Jahre alt. Der Altersunterschied ist mir nie aufgefallen. Esther hat Auschwitz überlebt, indem sie ihr Akkordeon nahm und ihr Leben in die Tasten haute. Später in Israel wurde sie Opernsängerin und kehrte mit Magenschmerzen, wie sie mir gestand, nach Deutschland zurück. Immerhin hatte sie hier ihre ganze Familie verloren. Sie brachte es nie fertig, über die Vergangenheit zu sprechen, eröffnete hier einen Laden und führte ihr Leben mit Mann und Kindern bis plötzlich in den 1970er Jahren ein paar Neonazis vor ihrer Tür einen Stand aufbauten. Das hat ihr Leben verändert. Sie hat sich auf das besonnen, was sie kann und vor allem darauf, wer sie war. Sie hat das Auschwitzkomitee gegründet und bekam im Laufe der Zeit diverse Auszeichnungen. Und sie trat wieder als Sängerin auf. Ihre Stimme klingt heute noch hell und klar, wenn sie singt: „Mir lebn eibig, mir sajnen do!“ Zudem ging sie in die Schulen, um den Kindern aus jenen düsteren Zeiten zu berichten. „Damit das nie wieder passiert“, sagte sie mit einem verstohlenen Lächeln in den Augenwinkeln. So hat Esther erst im Alter den Weg zu sich selbst gefunden und steht nun mitten im Leben.

Der Kuchen ist fertig. Vorsichtig schiebe ich ihn auf den Rost, damit er auskühlt. Gestern hörte ich eine Kollegin sagen: „Das ist unter meiner Würde“. Was unter ihrer Würde war, darüber hat sie sich ausgeschwiegen. Der Spruch ist jedoch nicht aus den Wolken gefallen. Was verbirgt sich dahinter? Menschenwürde ist nicht nur ein philosophischer Begriff, sondern beinhaltet eine Verpflichtung, nicht nur rechtlich, sondern auch menschlich. Das heißt vor allem, sein Herz sprechen zu lassen.

Am Schreibtisch hocke ich wieder vor meinem Manuskript. 'antastbar' – die Würde des Menschen“, leuchtet mir auf dem Bildschirm entgegen. Heute werde ich es auf den Weg bringen, die Abschlussarbeiten sind beendet. Wir, das heißt, die anderen Autoren und ich, haben uns an ein großes Thema gewagt. Ein Thema, das uns zutiefst berührte und das jeder für sich literarisch verarbeitet hat. Vor meinem Fenster jubiliert eine Meise und ich schaue ihr zu, wie sie munter von Ast zu Ast hüpft, als folge sie dem Sonnenstrahl, der golden durch das Blätterdach blinzelt. Ein Eichhörnchen huscht durch das leuchtende Laub und die Spätsommersonne gleitet mit ihren Strahlenfingern über meinen Tisch und verhält einen Moment lang auf meinen Wangen, als würde sie mich streicheln. Wie schön und kostbar diese kleinen Momente der Stille sind.

Als Vorredner für unser Buch konnte ich mir niemand anderen als Rüdiger Nehberg vorstellen. Er lebt uns ein Leben vor, wie mancher es gern hätte, würde er sich nur trauen. Rüdiger ist für Alt und Jung gleichermaßen Vorbild und Vorsatz. Ohne Zaudern stellt er sich als Werkzeug der Menschenwürde zur Verfügung und kämpft um die Rechte derer, die keine Stimme mehr haben oder die man mit einem Achselzucken beiseite wischt wie ein lästiges Insekt. So setzte ich mich hin und schrieb ihm einen Brief, in dem ich ihm von unserem Buchprojekt erzählte. Die Antwort kam prompt. Er forderte das Manuskript an, denn er wollte wissen, worüber er schreiben sollte. Nachdem er sich das Manuskript vorgenommen hatte, erhielt ich das ersehnte Vorwort. Der Austausch mit ihm hat mich sehr berührt. Rüdiger ist trotz seiner Erfolge authentisch geblieben, schlicht und zugleich ein großartiger Mann, in dessen Herz viel Menschenliebe, Verständnis und Güte zu finden sind. Mit seinen 75 Jahren wird er nicht müde, sich immer wieder zu engagieren. Ein weiteres Mal ist er aus Somalia zurück, wo er gegen die Beschneidung der Frauen kämpft und schon beachtliche Erfolge verzeichnet. Sein innigster Wunsch ist es, einmal Mekka zu sehen, verrät er mir, und dort mit den ’Muftis’ gemeinsam an einem Tisch zu sitzen. Worin liegt das Geheimnis seines Erfolges? Er klagt nicht an, sondern sucht den Dialog nicht etwa nach westlichen Maßstäben mit Religionsführern, wie zum Beispiel den Großmuftis in Ägypten. Und was wichtig ist, er zollt ihnen Respekt. Das öffnet ihm die Türen und vor allem die Ohren. Man hört ihm zu, denkt darüber nach – und verändert.

Beeindruckend war für mich seine Antwort, als ich ihn fragte, wie er es geschafft habe, im Regenwald das Vertrauen der Indianer zu gewinnen, ohne Sprachkenntnisse und vor allem ohne Angriffe. "Weißt Du", lächelte er, "ich bin eine Woche lang nur in einer Unterhose durch den Urwald gelaufen und habe Mundharmonika gespielt. Da haben die Indios verstanden, ich bin harmlos, vielleicht sogar doof." Er hat unter ihnen gelebt und sogar ein wenig ihre Sprache gelernt, um ihnen zu helfen. Denn die Sprache ist das Instrument, das uns Brücken baut.
Als ich ihn weiter fragte, woher er diese Energie in seinem hohen Alter noch nähme, antwortete er: "Das Glück in den Augen der Menschen, denen ich helfen konnte, gibt mir Kraft. Ach, hätte ich nur 30 Jahre früher angefangen."

Es klingelt. Die alte Nachbarin steht vor meiner Tür. „Oh, wie nett, Kaffee und Kuchen!“, ruft sie aus, als sie den gedeckten Tisch sieht. Aber ihre Augen erzählen eine andere Sprache. Sie möchte einfach plaudern, sich ihre Einsamkeit von der Seele reden. Zuerst lasse ich sie aus Höflichkeit erzählen, nehme die Wiederholungen in Kauf. Aber dann werde ich aufmerksam. Das sind ja richtige Geschichten, denen ich immer gespannter zuhöre. Da ist ein altes gelebtes Leben, das mir etwas zu erzählen hat. Als sie sich verabschiedet, hält sie lange meine Hand. „Das war sehr schön“, murmelt sie, „vielen Dank.“
„Ich habe zu danken“, erwidere ich aufrichtig. „Es war für mich eine wichtige Erfahrung. Bis bald.“

Ich setze mich an meinen Schreibtisch und blicke auf mein fertiges Skript. Nun geht es in den Druck. Möge unsere Botschaft viele Interessierte erreichen. Die Würde des Menschen ist antastbar. Und jeder Einzelne ist gefragt, sie zu hegen und zu schützen. Der Menschenwürde kann man nicht nur rechtlich gerecht werden. Vieles lässt sich nur mit dem Herzen lösen, dort, wo das Recht nicht mehr greift. Denn die Menschenwürde ist empfindlich wie der Flügel eines Schmetterlings.

Barbara Naziri

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