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Sie hat mich aus dem Bett getrieben

Ich ahnte es bereits, als sie ihre ersten Strahlen durch die Ritzen des Rollladens schickte. Das Streifenmuster an der Wand vergrößerte sich zusehends. Nicht nur, dass sie mich aufforderte, endlich aufzustehen und mich anzuziehen, nein:
„Das Eine sage ich dir, du wirst heute endlich mit dem Frühjahrsputz beginnen. Ich werde dir mit meinen Strahlen in jede Ecke leuchten, damit du nur ja nichts übersiehst. Und wage dieses Mal nicht, die Vorhänge zuzuziehen oder die Rollläden herunter zu lassen!“, drohte sie.

Ich stöhnte: „Muss das sein? Bis Ostern ist doch noch viel Zeit, Du bist herzlos.“ Ich wälzte mich auf die andere Seite, um ihre Strahlen nicht mehr sehen zu müssen. Ach, wo seid ihr, ihr dunklen und kuscheligen Morgenstunden des Monats November, als ich mich noch einmal umdrehen konnte, mein Kopfkissen knüllte und mich unter die warme Decke verzog.
„Bitte, lass mich wenigstens noch meinen Morgenkaffee genießen. Ich verspreche dir, dann lege ich los.“

Und was soll ich sagen? Kaum war die Kaffeetasse ausgetrunken, jagte sie einen hellen Strahl nach dem anderen unbarmherzig in jede Ecke, schreckte jede Wollmaus aus ihrem Schlaf.

Die Spinnweben unter dem Heizkörper hatten keine Chance mehr, die Flusen auf dem Teppich, die ich letztes Mal übersehen hatte, sog der Staubsauger gierig auf. Sogar die halbe Erdnuss unter der Couch kam aus ihrem Versteck. Der tote Marienkäfer, den ich noch im Dezember in den Farn gesetzt hatte, in der Hoffnung, er würde hier den Winter überleben, fand im Staubsauger seine letzte Ruhe. Ach, und erst die Schlieren auf der Fensterscheibe. Oh je, und die Bücher. Ich musste jedes einzeln abstauben und nahm mir vor, das eine oder andere demnächst noch einmal zu lesen. Denn wenn man ein Buch nach vielen Jahren wieder liest, liest es sich mit völlig anderen Augen.
Seltsam, mir schien, dass in diesem Jahr alles viel schlimmer aussah, als früher.
Wahrscheinlich hätte der Graue Star bei der OP nicht davon fliegen dürfen…

Nun gut, endlich war alles sauber und ich schachmatt.
Doch ab jetzt zählt wieder meine Devise: Eine fünf gerade sein lassen.

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