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Lena und die Liebe (Eine Nachkriegsgeschichte)

Fast jeden Tag um diese Zeit kniet Lena am Fenster und schaut auf die Straße. Schon früh hat sich neblige Dämmerung breit gemacht, und kaum jemand lässt sich blicken. Kann sein, dass es noch vor Weihnachten Schnee gibt, denkt Lena und empfindet eine seltsame Traurigkeit.

Im Religionsunterricht hatte der Pfarrer gesagt:
„Weihnachten ist das Fest der Liebe, weil Gott den Menschen seinen Sohn, das Christkind, geschenkt hat.“
Ach, was soll das, denkt Lena, wo ist denn das Christkind? Gibt es das überhaupt? Und Geschenke bringt es schon gar nicht. Auch wenn Mutter behauptet, das Christkind habe Puppe Irene abgeholt, weil sie ein neues Kleid anprobieren soll.

Bild einer Puppe unter Weihnachtsbaum aus den 1950er Jahren

Aber Lena hatte unterm Bett den Koffer gefunden, in dem Irene zwischen Papptellern und Wollknäueln lag. Daneben das halbfertige Puppenkleid an Mutters Stricknadeln.
Damit war Lenas Glaube an das Christkind endgültig zerbrochen.
„Alle Erwachsenen lügen, auch der Pfarrer“, schimpft sie böse vor sich hin.
Und das Fest der Liebe? Liebe, was ist das überhaupt?

Lena hatte gesehen, wie Horst die Gerdi hinter dem Zaun küsste. Ist das Liebe? Aber Küssen ist unanständig, hat Frau Mager gesagt und habe mit Weihnachten und Liebe nichts zu tun.
Und ob mich jemand liebt? Nein. Auch Mutter nicht. Sie schimpft immer, weil ich so ein Jammergesicht wie Oma mache.
Aber Papa war lieb zu mir. Wenn er abends nach Hause kam, kam er als erstes zu mir ans Bett, strich mir übers Haar und gab mir sogar einen Gute-Nacht-Kuss.

Ich mag auch Willi. Ob das Liebe ist? Willi ist sechzehn und sieht schon richtig erwachsen aus. Jeden Mittag, wenn er nach der Schule in die Straßenbahn steigt, schaue ich ihm sehnsüchtig nach. Aber Willi würdigt mich keines Blickes. Ach ja, ich weiß, wegen meiner Brille. Die Jungs rufen ja auch immer „Mein letzter Wille, Frau mit Brille“!
An einem Mittag kommt Willi mit Marion daher, nimmt sie sogar in den Arm. Und wie zärtlich er sie anschaut. Lena spürt, wie sich ihr Inneres verkrampft. Ist ja klar, die ist älter als ich, hat blonde Haare und schon einen richtigen Busen.
Traurig schleicht Lena nach Hause und wirft ihre Schultasche in die Ecke.

Bild eines traurigen Mädchens aus den 1940er Jahren

Da kommt ihr plötzlich eine Idee:
Ich gehe weg von hier und suche mir eine Familie, die Hilfe braucht und die mich mag. Ich kann ja Kartoffeln schälen, spülen und Strümpfe stopfen.
Kurz entschlossen packt sie ihren Mantel, den Hausschlüssel und verlässt das Haus.
Mit schnellen Schritten wandert sie die Landstraße entlang, bis sie den ersten Bauernhof erreicht.
Oh, hier duftet es ja nach Essen. Kaum hat sie an die Tür geklopft, ruft eine laute Männerstimme: „Reinkommen!“
In der Mitte des Tisches steht eine Riesenpfanne mit Bratkartoffeln, aus der die ganze Familie sich bedient. Zu gerne würde sich Lena dazu setzen.
Aber als sie ihr Sprüchlein vom Helfen im Haushalt vorgetragen hat, winkt die Frau ab:
„Wir brauchen keine Hilfe. Das macht alles unsere Luise“.
Auch am nächsten und übernächsten Hof wird Lena abgewiesen:
„Kind, Du musst in die Schule, geh nach Hause, Deine Mutter wartet.“
„Nein, meine Mutter kommt immer erst spät nach Hause“ sagt Lena, dreht sich um und geht enttäuscht zur Tür.


Keiner mag mich, niemand braucht mich, seufzt Lena und weint.
Inzwischen ist es dunkel geworden, und die ersten Schneeflocken wirbeln herab. Durchfroren und mit schmerzenden Füßen macht sie sich auf den Weg zurück nach Hause. Aber Mutter ist noch immer nicht da. So kriecht Lena hungrig und todmüde ins Bett.
Und bald ist Weihnachten, das Fest der Liebe…


Hätte sie damals doch nur schon gewusst, dass sie mit 19 Jahren ihrer großen Liebe begegnen würde, die sie zu einer glücklichen Frau machen sollte.

Autor: fleurbleue

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