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Heiligabend auf dem Bauernhof

Feucht-kalter Dezembernebel lag über den Torfmooren, als Robert und Lena in den kleinen Feldweg eingebogen waren. Und nur allmählich war dieses ärmlich-alte Bauernhaus hinter den blattlosen Bäumen aufgetaucht. Beim Anblick des dampfenden Misthaufens neben dem Eingang hielt Lena den Atem an und folgte Robert durch die niedrige Tür in eine große Küche. Ein wenig beklommen schaute sie sich um. Auf dem Boden standen Untertassen mit Essensresten für die Katzen, auf dem Küchenherd ein Topf, in dem etwas blubberte, darüber eine Leine, an der Küchentücher und Strümpfe trockneten, dazu ein gelegentliches Muh aus dem Kuhstall nebenan.

Da öffnete sich langsam die Tür neben dem Herd, und herein kam eine kleine blasse Frau. In ihrer dunkelblauen geblümten Schürze, das dünne, ergraute Haar zu einem Dutt im Nacken zusammengeknotet, wirkte sie sehr verhalten.
„Tach Mamme“, sagte Robert und reichte seiner Mutter die Hand.
„Guten Tag“, sagte auch Lena und musste ihre kritischen Augen aushalten, die sie von oben bis unten musterten, bis sie an ihren Handgelenken hängen blieben.
„O Gudegud, dat Mädchen hat ja ganz dünne Armes, dat kann ja gar nich arbeiten“, meinte sie mit vorwurfsvollem Blick auf ihren Sohn.
Der überging die Bemerkung seiner Mutter und erkundigte sich nach den Dingen ihres Alltags.
„Also, dann kommt man inne Stube.“
In der Stube war es viel zu warm. Vor dem alten Ofen auf dem Boden lagen Torfstücke, mit denen hier geheizt wurde. An der Wand gegenüber stand auf einem Schemel ein kleiner mit Lametta beladener Tannenbaum.
„Setzt euch“, sagte die Mutter, indem sie aus dem Buffet das Sonntagsgeschirr kramte und wortlos den Tisch zu decken begann. Dann holte sie aus der Küche Schüsseln mit Bohnensalat, Kartoffeln und Hühnchen.
Die Mutter und Robert waren nicht sehr gesprächig. Außer ein paar kurzen Bemerkungen und Lenas ‚Danke’ herrschte beklemmendes Schweigen.


Nach dem Essen schlüpften die beiden in ihre Mäntel, um draußen ein wenig frische Luft zu atmen. Schweigend wanderten sie über die hart gefrorenen Feld- und Wiesenwege, den kleinen Fluss entlang, an dessen Rändern sich Eis gebildet hatte. Drüben, über der langen Pappelreihe, kreisten laut schreiend ein paar Krähen. Die flache Landschaft lag im Winterschlaf, es roch nach Schnee.


Am frühen Abend trafen sie sich wieder mit der Mutter in der Stube, um Weihnachtsgeschenke auszutauschen. Bestickte Taschentücher und selbst gestrickte Socken. Dazu gab es Tee, selbstgebackene Plätzchen, Brot, Butter und Käse.
Aber dieser beklemmende und außergewöhnlich schweigsame Heilige Abend lastete schwer auf Lenas Seele, sodass sie mehr und mehr mit den Tränen kämpfte. Nur noch fliehen, dachte sie und fragte die Mutter, wo sie denn schlafen könne.
Die meinte, Robert könne hier auf dem Sofa schlafen, wogegen Lena nebenan im ehemaligen Schlafzimmer von Roberts Großvater schlafen solle.
In diesem winzigen Zimmer war es lausig kalt, die Fensterscheiben mit Eisblumen überzogen. Lena schlug das riesige Federbett zurück und spürte die feuchte Kälte, die ihr entgegen kam. Die Vorstellung, dass Roberts Großvater unter diesem Federbett gestorben sein könnte, ließ sie schaudern. Es dauerte lange, bis sie es mit ihrer Körperwärme ein wenig aufgewärmt hatte.
Aber schlafen konnte sie nicht, denn ihre Gedanken kreisten. Hier also war Robert aufgewachsen. Aber noch eben hatte er ihr zugeflüstert, dass er unendlich glücklich sei, dieses Milieu damals für immer verlassen zu haben. Sie seufzte.


Oh nein, dachte sie plötzlich, das hat mir gerade noch gefehlt, der Tee vom Abendbrot. Es half nichts, sie musste den Weg zum Plumpsklo im Kuhstall auf sich nehmen.
Nur kurz kam ihr der Gedanke an den Stall in Bethlehem, wo es Maria, Josef und dem Kind ähnlich ergangen sein mochte. Aber nichts dergleichen, kein Ochs, kein Esel, nur Kühe.
Mit einiger Überwindung hob sie den hölzernen Deckel des Plumpsklos hoch und hielt die Luft an. Du lieber Himmel -, hier plumpste nichts mehr, denn der festgefrorene Inhalt war bedenklich hoch angewachsen.
An diesem nur spärlich erleuchteten Ort war es auch in der Heiligen Nacht nicht still. Das Geräusch der ständig wiederkäuenden Kühe, dazwischen das Rasseln einer Kette, ein ungewöhnlich lauter Furz und ein plötzlich aufklatschender Wasserfall. Das alles erschien Lena unwirklich und ließ sie zittern. Morgen wird alles überstanden sein, tröstete sie sich.


Nach dem bescheidenen Frühstück am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich von der Mutter, ein wenig hastig, denn der Zug in die Stadt würde pünktlich sein.
Am Bahnhof angekommen, ahnte Lena, dass etwas Großartiges bevorstand, denn Robert führte sie geradewegs zum Hotel Hohenzollern. Hier hatte er für den Abend einen Tisch reservieren lassen und ein Zimmer gebucht. Als sie die noble Rezeption betraten, strahlte ihnen ein großer, festlich geschmückter Weihnachtsbaum entgegen.

„Siehst Du, jetzt fängt unser Weihnachten erst richtig an“, flüsterte Robert und nahm Lenas Hand in die seine.

Autor: Feierabend-Mitglied

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