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Morgenkühle

Das alte Bauernhaus stand weitab jeglicher von Menschen bewohnten Siedlungen. Das Paar hatte dort bereits in früheren Tagen gelebt und der Besitzer war ihr Freund und sah es gerne, wenn sie in seinem Haus übernachteten. Wo der Schlüssel versteckt lag, wussten sie und so traten sie über die steinerne Schwelle ein.

Lange waren sie durch die von Hitze ausgedörrte Landschaft gefahren. Sie liebten diese wilde ungebändigte Schroffheit. Eine Natur fast noch im Urzustand, die sich nicht so einfach vom Menschen bearbeiten ließ und in der man viel Schweiß eintauschen muss, wenn man von ihr etwas zurückhaben wollte.
Rotbraune Erde, auf der Rosmarinsträucher und Thymian um ihr Überleben kämpften. Olivenbäume knorrig, hundertjährig. Immer verlässlich dafür sorgend, dass der Mensch einen Vorrat an goldgrünem ungefiltertem Öl in irdenen Tonkrüge einlagern kann.
Mandelbäume, die ihre Pfahlwurzeln so tief ins Erdreich stoßen, um auch noch an das letzte Tröpfchen Wasser zu gelangen. Darüber ein unbarmherziger blauer Himmel und eine Sonne, die grell strahlenlos wie eine Kugel über all dieses Land hier herrscht und gebietet.

Das Haus war aus schweren Feldsteinen und Lehm gebaut. Die Mauern über einen Meter dick, die Fenster klein, mit handgeschmiedeten Gittern aus Eisen, gegen ungewollte Besucher schützend. Grüngestrichene Holzläden bildeten einen Kontrast zum weißen rauen Anstrich des Hauses, die die allgewaltige Sonne abhielten, dort in die kühle Dunkelheit einzudringen.

Gleich darauf trat der Mann wieder vor die Tür. Er trug einen Krug, aus hellem Ton gebrannt. Damit ging er auf den Tiefbrunnen zu, um wie in längst verflossenen Zeiten über eine Laufrolle einen Eimer in das Erdreich hinabzulassen. Ganz da unten gab es noch Wasser, Wasser welches unvergleichlich natürlich schmeckt. Schnell war der Krug mit der wertvollen Köstlichkeit bis zum Rand gefüllt und er ging zurück in die dunkle Kühle des alten Hauses.

Beide, die Frau und der Mann dachten gleichzeitig: „Jetzt sind wir wieder richtig zu Hause“, als das klare Nass in die durch die Kälte des Wassers angelaufene Gläser floss.
In der Zwischenzeit hatte der gelbe lodernde Feuerball am Himmel seine Position gewechselt und bewegte sich hin zu den steilen Felsenwänden eines Gebirgszuges, der wie verschleiert unter dem Dunst des Tages lag.
Ein einfacher wackeliger Holztisch mit zwei Stühlen, die noch nach altem Wissen und Können mit Espartogras kunstvoll geflochtene Sitzflächen hatten, wurden vor das weiße Haus unter die duftverströmende Akazie getragen.
Auf den Tisch kam duftendes Weißbrot, das aus einem runden, steingemauerten Backofen kam, welcher mit knorrigem altem Holz von Mandelbäumen auf Hitze gebracht wurde.
Eine Flasche Rotwein ohne Etikett, aber mit erdverbundenem Erinnern; gut genug, um auch altes Blut in Wallung zu versetzen. Dazu Schafskäse, selbst eingelegte Oliven und Tomaten, die noch die Glut des Tages in sich trugen, wurden aufgeschnitten und mit Olivenöl beträufelt.

Langsam schlich sich die Dunkelheit in das verlassene Tal und über dem Paar begannen die Sterne in die samtene Nacht hinein zu funkeln, mit einer Leuchtkraft, wie sie nur am südlichen Himmel zu sehen ist.

Ihr Stern, der Stern des Südens, der hellste Stern unter all dem Geflimmer leuchtete ihnen, den Rückkehrern, besonders freundlich zu.

Die stille Nacht umfing die beiden mit weichen Traumarmen.

Der Mann trat vor die Türe. Der melodische Gesang eines Pirols, der auf dem riesigen schattenspendenden Eukalyptusbaum hinter dem Haus saß und der den Tag auf seine Art begrüßte, hatte ihn aufgeweckt.

Über den kantigen Bergspitzen der Sierra sah man eine leichte Morgenröte aufsteigen; die zarte Vorbotin der allgewaltigen, glühenden Herrscherin dieser Erde.

Die Morgenkühle war von einer wunderbaren unbeschreiblichen Art – so wie ein Trost für das Kommende.
Nur langsam und sachte öffnete sich alles Leben dem Tag; die Andacht des Erwachens herauszögernd und genießend.


Morgenkühle.

Autor: Fiddigeigei

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