Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

Bequem mit Facebook einloggen:

facebook login

Mord an zwei Schwestern

Ein zeittypisches Kriminalstück

Sie waren schon lange vor mir da, als ich sie kennenlernte. Unser Verhältnis möchte ich sagen, lebte von einer gegenseitigen Distanz, die aber immer kleiner wurde, um öfter wir uns trafen.

Fast täglich, meist in früher Stunde, warteten sie auf mich und ich ging diesen Weg, oder richtig gesagt, ihren Weg, um sie zu sehen und zu hören.

Schon von weitem klangen mir ihre Stimmen entgegen; hörte ich sie mit sich reden, sie redeten überhaupt nur mit sich. Ich war nur Zuhörer und war damit auch zufrieden.

Sie mussten schon sehr alt sein, denn sie sprachen oft von Zeiten in denen ich noch nicht gelebt hatte. Sie sprachen auch von Dingen die ich gar nicht verstand, die weit, weit weg lagen, ganz außerhalb meines Verstehens. Oft unterhielten sie sich auch in einer eigentümlich alten Sprache, oder einem Dialekt, der mir völlig fremd war. Dabei seufzten sie unter der Last ihrer Weisheit; und der Wind, wenn er wehte, strich tröstend über ihre zerzausten Haare.

Vögel, ja Vögel, waren immer um sie herum und oft sang der Amselmann sein frühes Morgengebet an den neuen Tag und lustige Meisen pfiffen ihr: Zeit ist da - Zeit ist da.

Und die drei Schwestern sprachen dann ganz aufgeregt vom Glück zu leben; in einer Sprache, die ich kannte und gut verstand und es machte auch mich glücklich und auch ich dachte: wie schön ist es doch zu leben.



Am Morgen, des 6. Februar, genau um 7 Uhr, entdeckte ich den Mord an den zwei alten Weidenbäumen am Bach. Man hatte sie einfach abgesägt. Aus ihren Stümpfen bluteten sie noch wie aus frischen Wunden.

Der Mord war sinnlos! Sie standen niemand im Wege. Ihre Zweige und Äste hingen nicht auf die Straße. Ihr Platz am Bach konnte nicht mit gewinnbringenden Fruchtbäumen bepflanzt werden, also warum?

Sie gaben uns Menschen Körbe, um unsere Lasten zu tragen. Sie gaben uns Stühle, auf denen wir am Abend von der Last des Tages ausruhen konnten und man konnte wunderbare Babywiegen aus ihren festen Haaren flechten. Alles nur zu unserem Nutzen. Was hatten sie uns Menschen nur getan? Warum dieser unsinnige, unerklärliche Mord an den zwei Schwestern?

Ich habe dafür keine Erklärung gefunden. Aber unsere Welt wurde wieder um etwas Wertvolles ärmer.

Toter Weidenbaum

Autor: Fiddigeigei

Artikel Teilen


Artikel bewerten

Es wurde noch keine Bewertung abgegeben. Sei der erste, der diesen Artikel bewertet! Nutze dafür die Sterne:


0 0 Artikel kommentieren
Themen > Unterhaltung > Kolumnen, Anekdoten und Co > Fiddigeigeis Kolumnen > Mord an zwei Schwestern