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Die Wölfin mit den graublauen Augen

Ein Carlos-Kurzkrimi

Oberkommissar beim BKA…
… und nun das Ende einer erfolgreichen Laufbahn. Aber wir müssen alle mal gehen, dachte Oberkommissar Kurt Leonhard. Gestern war die Abschiedsfeier und er war umringt von Freunden, Neidern und Rätselratern, wer denn wohl sein Kommissariat vererbt bekommen würde.
Er war seit vielen Jahren zuständig für Serienmörder und hatte bis jetzt alle Fälle, die in der Republik geschahen gelöst, bis auf einen Fall - der Fall des Wandermörders.

Sein Chef, Kriminalrat Mayer, meinte beim persönlichen Abschiedsgespräch zwischen zwei Männern, die Jahre vertrauensvoll zusammengearbeitet hatten, Kurt- sagte er - diesen Fall legen wir als nicht lösbar in die Ablage. Was du nicht geschafft hast, das schafft auch kein anderer. Überlassen wir den Wandermörder dem Kommissar Zufall!

Heute am Freitag, räumte er nun seinen Schreibtisch für seinem Nachfolger. Ein Karton Habseligkeiten und Andenken. Das Bild seiner Frau Freya wickelte er besonders vorsichtig ein und dachte dabei, wie nun wohl alles werden würde bei der vielen Zeit, die sie nun zwangsläufig miteinander zu verbringen hatten.
Mehr als Andenken gedacht, legte er seine alte treue Dienstpistole oben auf das Paket. Dann sah er sich im Zimmer um. An der Wand hing eine Dienstmütze von Kommissar de Blair aus Paris, mit dem ihn seit der Zeit, als beide für Interpol arbeiteten, eine enge Freundschaft verband. Wehmütig nahm er sie vom Nagel und eine gewisse Niedergeschlagenheit und Ängste vor der Zukunft kamen über ihn.
Das letzte Mal die Türe vom Dienstzimmer schließen, einige Kollegen stehen im Gang, man ruft sich zu: Mach‘s gut!
Der Paternoster-Aufzug knirscht und knarrt wie immer. Abschied vom Pförtner und man ist raus. Raus aus 45 Jahren Beruf. Man ist 65, denkt Kurt, es musste sein.
Er beißt sich auf die Lippen als er in die Straßenbahn einsteigt und dreht sich nicht mehr um. Feuchte Augen!

Freya ist eine gescheite Frau und sie weiß, wie es in ihrem Kurt nun aussieht. Einer der seinen Beruf so ernst und gerne gemacht hat, der stellt nicht so leicht auf Pension um.
Sie würde ihn zum Einkaufen schicken und in den Park zum Tauben füttern. Abends gemeinsam Rommee spielen und Fernsehen.
Auf das gemeinsame Frühstück freuten sich beide. Gemütlich ohne Zeitdruck Kaffee trinken, Zeitung lesen und dabei Radio hören. Nachmittags spazieren in der Stadt oder raus fahren und im Wald picknicken. Sie hatte genug Ideen, um Kurt vom Sinnieren abzuhalten und Kurt wollte endlich lesen, viel lesen und hatte sich bei der Stadtbücherei bereits eingeschrieben.

Zwei ganze Jahre waren vergangen und Kurt und Freya hatten begonnen, sich auf das gemeinsame Tägliche einzustellen, sich auf jeden Tag, der sie aufweckte, zu freuen. Sie entdeckten sich neu, fanden Berührungspunkte, die sie nie bei sich vermutet hatten.
Aber dann, zwischen all das genussvolle Glück der beiden, drängte sich ein anderer, ein Dritter, einer, dem man nicht die Türe weisen kann, einer der unerbittlich seinen Teil am Leben fordert, von uns allen fordert. Es war der Tod!
Als es morgen wurde, wie jeden Morgen und Kurt wie immer seine Freya mit einem Kuss auf die geschlossenen Augen wecken wollte, öffneten sich Freyas wunderbare graublauen Augen nicht mehr.
Kurt zog in eine kleinere Wohnung und nahm alle Trauer mit. Wie eiskalt war ihm ohne sie.
Er sprach mit ihr, wollte sich Trost holen, aber Freya war verstummt. Es umgab ihn eine solche Einsamkeit und er wollte, dass sein eigenes Herz zerbricht.
Es tat es nicht, das Leben, welches er als sinnlos empfand, wollte ihn nicht hergeben, noch nicht zu Freya lassen.

Es war wieder an einem Morgen, er las Freya aus der Zeitung laut vor, wie er es früher oft getan, während sie die frischen Brötchen aufschnitt und mit Butter und der selbst eingekochten Marmelade bestrich.
Da las er laut:
„Der Wandermörder hat wieder zugeschlagen.“
Alte Erinnerungen stiegen in ihm hoch. Wie war das damals als er noch hinter ihm her war? Dieser Mörder war wie ein Phantom, er schlug ganz unerwartet zu. Seine Opfer einsame Wanderer, die er erwürgte, egal ob tags oder nachts. Er nahm nur das Geld seiner Opfer, niemals Kreditkarten. Er aß aus ihren Rucksäcken, nahm aber keine Kleidungsstücke. Einzigartig war sein Erkennungsmerkmal, er schnitt aus den Ausweisen oder Pässen die Bilder seiner Opfer heraus.
Er war es, er war der Wandermörder!

Kurt Leonhard wusste nun, was er zu tun hatte. Er schloss die Wohnungstür ab und zog mit Rucksack und Zelt ziellos über die vielen Wanderwege durch das Land.
So ging er drei Jahre vom Frühjahr bis in den tiefen Herbst hinein. Seine Haare wurden schlohweiß, er magerte ab zu einem Stück zähen ledrigen Menschen. Wenn es ging schlief er im Freien in einem Schlafsack, so konnte er nachts über die Sterne mit Freya sprechen.
Es war in der Nacht vor seinem 70sten Geburtstag. In einem Dorf, welches er durchwanderte, kaufte er sich eine Flasche Wein, die er mit ihr trinken wollte. Anstoßen mit dem Stern da oben, der Freya sein musste.
Überwältigt vom Alkohol und seinen Wachträumen schlief er ein. Da geschah es. Ganz plötzlich war etwas über ihm.
Er spürte Krallenhände um seinen Hals.
Kurt wollte nach seiner Pistole greifen, die unter seinem Kopf lag, aber seine Arme steckten im Schlafsack, er brachte sie nicht mehr nach oben. Er hörte noch ein furchtbares Knurren, spürte den nach Fusel stinkenden Atem des Angreifers in seinem Gesicht, dann verlor er die Besinnung.

Ganz am Ende eines dunklen Tunnels sah er ein blendendes hoffnungsvolles Licht und im Licht stand Freya. Sie breitete die Arme aus und umfing ihn. Für immer.

Am anderen Tag fand man sie.
Oberkommissar a. D. Kurt Leonhard, gerade 70Jahre alt geworden; erwürgt in seinem Schlafsack liegend, aber irgendwie mit einem undeutbaren fernen Lächeln im Gesicht.
Über ihm ein verkommener Mann mit einem durch den Todeskampf grausig entstelltem Gesicht. Seine Kehle zerfetzt und bis zu den Halswirbeln durchbissen.
Und gleich neben den beiden Toten liegend eine unverletzte große Wölfin.
Sie war ebenfalls tot. Ihre Augen hatte sie weit geöffnet.
Es waren graublaue Augen, wie die Augen von Freya Leonhard.

Im Rucksack des Unbekannten fand man viele herausgetrennte Passbilder.


Bei einer meiner langen und einsamen Wanderungen kam ich durch einen dichten Wald, wo ich auf einem Gedenkkreuz las:
„Hier liegt Thomas aus Tirol von einem Unbekannten im Jahre 1741 erschlagen“
Und nachts in meinem Zelt hatte ich diesen Traum von Kurt, Freya,der Wölfin und dem Wandermörder.

Autor: Fiddigeigei

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