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Etti hat das Wort: Visionen

Dämmerung drückt gegen die Scheibe, dringt in
den Raum, kriecht in jeden Winkel des Zimmers, nimmt mich in ihrer schmutzig grauen Faust gefangen und trägt mich hinüber in eine andere Welt. Schemenhaft das Gesicht einer Frau. Es begleitet mich in ein scheinbares Nichts. Nebel bedrängt - umkreist mich - verflüchtigt sich wie weiße Schatten. Da ist ein Raum, nur Leere zwischen Spiegelwänden, und wieder die Frau, jetzt in ihrer ganzen Gestalt, fast schwebend. Ihre Füße hängen in Wolken, durch die ich ihr entgegen gehe.

Es ist ja mein Gesicht! Ich strecke meine Hand danach aus - lautlos zerspringt der Spiegel. Einem Spinnennetz gleich verbreiten sich Risse, mein Körper zerfällt Rumpf und Gliedmaßen bewegen sich im Raum wie im zarten Spiel, bis ein Sog sie in eine Öffnung im Boden zieht. Mein Kopf bleibt gefangen in der Mitte des Netzes, von dessen Rand sich lauernd ein spinnenähnliches Wesen auf ihn zubewegt. Ich kenne dieses Wesen, ich kenne es in seiner richtigen Gestalt. Es war schon früher in meinen Träumen, hatte torkelnd, lallend seine Spinnenarme nach mir ausgestreckt, mir die Luft zum Atmen genommen.

Jetzt beginnt es mit seinen nadelspitzen Fingern nach meinem Kopf zu schlagen, gräbt sie in meine Haut. Kratzt und reißt, als wollte es die Erinnerungen, die auch ein Stück seiner
Vergangenheit sind, heraus graben.

Plötzlich hält es inne. Sein Blick wird sanft. Erschreckt schaut es auf mein blutendes Gesicht, dann fällt sein Körper zusammen, reißt das Netz mit sich. Mein Kopf ist wieder frei, bewegt sich noch eine Zeit lang orientierungslos im Raum, bis der Sog auch ihn in die Öffnung zieht, zurück in die Tiefe der Traumwelt.

Aufgewacht sitze ich wie erstarrt in meinem Sessel, blicke auf das Loch im Boden, das nicht vorhanden ist, suche nach dem Traumbild, das verschwunden ist in jene Welt, die so schwer begreifbar.

Das Telefon schreckt mich auf. Mechanisch nehme ich den Hörer ab, nenne meinen Namen, verstehe nur langsam, was da zu mir rüberkommt.

- Hallo! Bist du noch da?
- Ja, ja, natürlich.
- Wann, sagtest du, ist er gestorben?
- Vor einer halben Stunde...

Autor: Rosewittchen

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