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Etti hat das Wort: Veränderungen

Veränderungen

Manchmal leuchtet das Weiß der gegenüberliegenden Häuser aus dem Dunkel auf, als knipse jemand das Licht an und aus. Ich finde keinen Schlaf. Stickig steht die Hitze des Tages vor dem weit geöffneten Fenster.

Ganz langsam drängt sich Regen in die vertrauten Nachtgeräusche - zu wenig für die Erde, die nach Wasser lechzt. Aber dann scheint es, als drückten Regenmassen die Himmelsdecke ein. Rhythmisches Trommeln auf den prallen Blättern des Apfelbaumes, und aus der Abflussrinne platscht Wasser auf den Müllcontainer: Eine Wassersinfonie zur nachtschlafenden Zeit, und überall stummer überwältigender Applaus...
Langsam drängt sich der Tag durch die Fensterrahmen - grafische Muster in schwarz und grau. Wie eine klebrige Masse waren die vergangenen Stunden. Jedes Mal, wenn ich die mühsam geschlossen gehaltenen Augen öffnete, stand immer noch murmelnd die Nacht vor dem Fenster.

Noch sind die Konturen des Zimmers verwischt, aber das heller werdende Grau macht sie schärfer. Eine Weile wird es noch dauern, bis die Gegenstände auf der Kommode zu erkennen sind. Machte ich jetzt Licht, die Faszination des Augenblicks würde nicht mehr zu spüren sein. Langsam erwacht die Nähe - eine Toilettenspülung – schlurfende Schritte - Stille... In der Ferne ein aufheulender Motor im Wettstreit mit dem monotonen Rattata eines Zuges.

Ich muss noch einmal eingeschlafen sein, irgendetwas hatte mich geweckt. Wieder viel zu schnell steige ich aus dem Bett. Dieser verflixte Schwindel. Warum nur kann ich nichts langsam angehen?
Die Musik von heute Nacht ist verstummt, der Himmel wieder blank und klar wie ein ruhender See. Schwer hängt das Laub. Wassertropfen schmücken die grüne Bank vor dem Fenster, und ein Schwarm Amseln hüpft wie schwarze Pingpong-Bälle über die saftige Wiese.
Was hatte mich nur aufgeschreckt? Die Uhr zeigt sieben. In Pauls Zimmer ist das Bett leer. Er macht seinen morgendlichen Spaziergang. Ob ihm die Tür ins Schloss gefallen war? Sonst höre ich ihn morgens nie. - Jetzt wird er den Waldweg hinuntergehen, den nächsten und wieder den nächsten. Seine kräftigen Arme werden herabhängen, leicht gekrümmt, fast unbeweglich, wie die eines Ringkämpfers. Er wird mit sich und der Welt zufrieden sein, wie immer auf seinen einsamen Spaziergängen...

Bäuchlings werfe ich mich wieder aufs Bett - auaa! - knülle das Kissen unter den Kopf, wie ich es als Kind schon immer getan hatte. Nur damals schmerzten die Glieder nicht so.
Eine Weile beobachte ich die Sonne, die schon wieder nach dem Fensterkreuz greift, sich ausbreitet wie klebriger Honig, über die Fensterbank, über die Bettdecke. Wie eine Bedrohung erscheint sie mir. Ich stehe auf, schließe das Fenster und ziehe das Rollo herunter.
Die Zeit, als ich nicht genug von den bräunenden Strahlen bekommen konnte, ist längst vorbei - längst... Ja, damals, Meer, warmer Sand, Wind der die Haut kühlte, die junge - glatte Haut. Ich blicke in den Spiegel, das Gesicht faltig, die Augen trübe, die Hände übersät mit braunen Flecken. Und die Beine? Ich drücke mit dem Finger in die schwabbelige Masse, Dellen bleiben zurück - die Verwüstung des Alters. Sie muss wohl im Sommer beginnen...

Autor: Rosewittchen

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