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Etti hat das Wort - Taktgefühl - keine Frage des Alters

Taktgefühl - keine Frage des Alters

Eine Band aus New Orleans war in unserer Stadt. Blumenrabatten, im Hintergrund die weißen Säulen des Musentempels im Sonnenlicht, hätten vielleicht von Griechenland träumen lassen.

Doch statt Sirtaki waren es schwere und heiße Rhythmen, begleitet von der gewaltigen Stimme einer Sängerin, die die Zuhörer fast zum Ausrasten brachten - auch mich. Zum ersten Mal erlebte ich so ein Musikspektakel hautnah. Ruhig stehen bleiben konnte ich dabei nicht, wie immer bei Musik. Ich schaute mich verstohlen um, ob mich auch vielleicht irgendwer beobachtete der denken könnte, schau dir die Alte an. Aber ob alt oder jung, jeder bewegte sich, wippte mit den Füßen oder schwang die Hüften. Altersgrenzen gab es nicht.

Dieser Gefühlsausbruch überraschte mich auch vor einiger Zeit, als ich mit einer Freundin ein Wochenende in einem Kurort verbrachte. Dort hatten mich Empfindungen in Erstaunen versetzt, die ich längst vergessen glaubte. Denn nach einem Tag mit Spaziergängen durch den Kurpark, mit Cafe- und Konzertbesuchen, versprach ein Plakat für den Abend: „Tanzen und Träumen bei Kerzenlicht“. Wir gingen hin. Zum Tanzen gab mir niemand Gelegenheit. So träumte ich dann eben nur; und die Melodien, die tanzenden Paare, erweckten wieder Wünsche in mir, als hätte sich die Dichtung eines Einweckglases mit der Aufschrift: „Romantische Gefühle“ gelockert.

Ich beobachtete die Anwesenden. Es waren überwiegend ältere Leute. Bei fast allen Frauen veränderte die Musik etwas. Ihre Augen wurden lebendig. Gefühle, Erinnerungen zauberten Jugend auf ihre Gesichter. Die meisten Männer aber, versteckt hinter Wein- und Biergläsern, schienen gelangweilt. - Ob sie überhaupt romantisch sein können? fragte ich mich. Mein Paul ist es nicht - nicht so, wie ich mir das Romantischsein vorstelle - gefühlsbetont, stimmungsvoll, träumend ... Aber er ist es auf andere Weise, bringt es beim Malen je nach Gefühlstiefe in zarten oder grellen Farben auf Papier oder Leinwand zum Ausdruck. Zärtliche Töne könnten ihn nicht in meinen romantischen Himmel fliegen lassen.
Früher löste Tanzmusik in mir immer die verrücktesten Regungen aus. Dann waren es Mahler, Mozart, Liszt, die mich stimulierten, jedoch ohne mich aus dem Gleichgewicht zu bringen. In meinem Alter schlagen Gefühle eben keine hohen Wogen mehr, sie plätschern eher sachte dahin, um dann züngelnd im Ufersand zu versinken. Oder?

Inzwischen aber weiß ich, dass es falsch ist, sich den Lebensjahren zu unterwerfen, dem jugendlichen Aussehen nachzutrauern, sich vielem zu verschließen, nur weil man älter geworden ist. Gefühle altern nicht, man darf sie nur nicht einschlafen lassen!

Wie bewundern wir doch die Schönheit eines alten Baumes. Solange er lebt, hört er nicht auf, Knospen zu treiben - Knospen, die entfaltet ihm Jugend verleihen, ganz gleich wie rissig und zerklüftet sein Stamm ist. Wir sollten es ihm einfach gleichtun...

Autor: Rosewittchen

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