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Etti hat das Wort: Es hört nicht auf

Eigentlich wollte ich mit einer Freundin ins Kino gehen. Doch ich telefonierte ab, weil ich einen anstrengenden Tag hinter mir hatte.

Entschlossen schleudere ich auf dem Weg zur Küche die Schuhe von den Füßen, schlüpfte in die Pantoffeln aus Lammfell und setzte Teewasser auf.

Der Wasserkessel rief mich an den Herd zurück. Kurz darauf zog Teeduft durch die Wohnung und verbreitete Behaglichkeit. Als ich die Kerze mit den schönen Ornamenten angezündet hatte, war es so richtig heimelig. Ich warf mich in die Kissen, horchte auf das heftige Pochen in meinem Körper, das langsam ruhiger wurde.

Ein Druck auf die Fernbedienung. Doch statt des angekündigten Films - Transparente auf dem Bildschirm - Transparente mit Parolen wie: „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“. Eine Sondersendung über ein Treffen von Neonazis. Hakenkreuze, überall Hakenkreuze! In Bussen und Bahnen hat man sie sogar in die Polster geschnitten. Die Füllung dringt nach außen. Der Anblick erinnert mich an Fotos, die lange nach dem Krieg veröffentlicht wurden, Fotos von Juden - nackt. Man hatte ihnen Hakenkreuze in die Haut geritzt, das Fleisch quoll hervor wie die Füllung aus den Polstern.

Mich fröstelt. Bilder von damals, die mir wieder ins Gedächtnis kommen, vermischen sich mit denen auf dem Bildschirm. Gruppen von Männern, die „Juden raus“ und „Juda verrecke!“ schrien und aus aufgerissenen Mäulern „Die Fahne hoch“ und „Deutschland Deutschland über alles“ grölten.
Sie sind wieder da, denke ich, versuchen, sich genau so überheblich zu behaupten wie damals, wälzen sich durch die Straßen, unheildrohend wie eine Woge, bereit, alles zu überrollen.

Die Szene im Fernsehen ist spannungsgeladen - es knistert, wie der Kandis im Glas, auf den ich den heißen Tee gieße. Keine Spur von Gemütlichkeit. Unbehagen kriecht in mir hoch. Ich blicke in Gesichter, meist kindliche Gesichter. Gewalttätigkeit, beängstigende Entschlossenheit und Hass steht darin.
Im Fernsehen wechselt die Szene. Lodernde Flammen auf dem Bildschirm verdrängen für Sekunden das schwache Kerzenlicht im fast dunklen Zimmer. Noch einmal wird von dem schon einige Zeit zurückliegenden Brandanschlag auf ein Wohnhaus türkischer Familien in einer norddeutschen Kleinstadt berichtet. Noch einmal zeigen sie Ruß geschwärzten Mauern, zwischen denen eine Frau und zwei Kinder sterben mussten. „Das Werk von Rechtsextremisten“ kommentiert der Sprecher in einem Rückblick auf die in letzter Zeit verübten Anschläge auf Ausländer.

Dann weiß ich, was der Grund für diesen Rückblick ist. - Ein neuer Brandanschlag. Dieses Mal ganz in unserer Nähe. Hass ist überall, geht es mir durch den Kopf; nicht nur in den Menschen überladenen Großstädten. Wie ein Virus scheint er um sich zu greifen. Auch jetzt bleibt ein leeres mahnendes Gemäuer zurück. Verrußte kalte Wände, darüber die Reste des Dachstuhls, die wie ausgestreckte Arme in den Himmel ragen - anklagend - nach Hilfe schreiend, so, wie die fünf türkischen Bewohner, die in den Flammen ihr Leben lassen mussten - ermordet - aus Lust an der Gewalt. Verzweifelt ruft ein Türke in ein Mikrophon:
„Hass ist Scheiße!“

Blumen schmücken die Fensterhöhlen in den schwarzen hohen Mauern, die alles das umgaben, was das Leben der Getöteten ausmachte. Nachbarn und Passanten haben sie hingestellt, in Gedenken derer, die einfach nur Mensch sein wollten.

„Hass entzweit, Hass vernichtet, Hass kreuzigt“, schreibe ich in mein Tagebuch. Die Flamme im Stövchen ist ausgebrannt, der Tee kalt.

Autor: Rosewittchen

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