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Etti hat das Wort: Blutrache

Blutrache

Ich saß da - das heißt, vorher lag ich. Konnte nicht einschlafen. Also begann ich zu zählen, erst Schäfchen, dann einfach nur so, weil die schnuckeligen Vierbeiner alle so durcheinander liefen und ich immer wieder neu anfangen musste. Ich zählte mit weit aufgerissenen Augen, das hilft nämlich beim Einschlafen - meistens jedenfalls. Die Augen ganz weit aufreißen und aufhalten bis die Lider schwer werden. Irgendwann wurden sie dann auch schwer - so ungefähr bei 500. Schönes Gefühl, wenn sich endlich die Muskeln entspannen, das Rauschen des Blutes leiser wird, der Terminkalender sich zu verwischen beginnt und das Gefühl im Kopf so wattig wird. Und wenn dann noch ein Engel singt - Ssssss ... Schön!

Aber kurz vor dem endgültigen Hinübergleiten muss wohl Fräulein Knittel, die über mir wohnt, etwas umgestoßen haben. Na ja, sie ist 85. Das passiert ihr oft. Sie sieht schlecht. Mit dem Schlafen war’s vorbei! Aber der Engel sang weiter. Ich glaubte sogar, seinen Flügelschlag zu spüren. Und als dann etwas ganz kurz meine Wange berührte, da war ich erst richtig wach und wusste sofort, das war überhaupt kein Engel! Das war eins von diesen kleinen widerlichen durchsichtigen Biestern mit den langen Fühlern, das sich an mir gütlich tun wollte. Raus aus dem Bett! Licht an! - Nichts zu entdecken.

Ja, so saß ich dann da und wartete. Nichts tat sich ... raffiniertes Biest! Du wirst keine Freude an mir haben. Ich verhielt mich ganz ruhig, fühlte mich aber irgendwie beobachtet. Dann, das nervtötende Sssss... direkt neben mir. Für Sekunden war das winzige Ungeheuer in meinem Blickfeld. Der Versuch, es zwischen meinen Handflächen zu zerdrücken, schlug fehl. Das Biest war schneller. Ein Klatsche hätte ich gebrauchte! Und schon wieder ssst-tete es an mir vorbei. Ohne Zweifel, es war mir überlegen.

Ich werde strategisch vorgehen müssen, dachte ich. Punkt 1: Den Gegner orten, sich langsam nähern und - patsch. Punkt 2: Absicht ja nicht erkennen lassen, sich gleichgültig zeigen.

Ich zog Punkt 2 vor, stellte den Fernseher an und konzentrierte mich dann erst auf Punkt 1. Eine Weile tat sich nichts. Dann, ein leises Ssss - Stille. Ich schaute mich vorsichtig um. Da, es saß auf dem Fußteil des Bettgestells und schien zu triumphieren. Mich erschrecktedie Mordlust, die ich plötzlich empfand, obwohl ich mir gar nicht so sicher war, ob ich es wohl fertig bringen würde, es zu vernichten, ich konnte noch nie ein Tier töten und war es noch so klein. Aber es ärgerte mich zu sehr, dass dieses kleine Luder so eine Macht über mich hatte. So nahm ich dann doch das bereitgelegte Tuch, holte zum Schlag aus und… ssssst, schon hatte der Feind den Standort gewechselt und saß jetzt an der Wand. Ich hinterher. Aber dieser Angriff war ebenso erfolglos wie die folgenden.

Langsam sah ich in dem kleinen Biest ein Wesen mit einer ausgeprägten Wahrnehmung, das mir an Raffinesse weit überlegen war.
Gegen Morgen schlief ich bei laufendem Fernseher vor Erschöpfung ein. Als ich erwachte, traute ich meinen Augen nicht. Direkt über mir an der Wand saß mein Gegner dem es immer wieder gelungen war, mich auszutricksen. Ich hätte es wissen müssen. Wie heißt es doch? Ein wahrer Feind verlässt dich nie!

Ich nahm wieder das Tuch, näherte mich ihm. Dieses Mal schien sein Spürsinn zu versagen. Komisch, in der Nacht sah sein Körper gegen das Licht so zart und durchsichtig aus, nicht so prall wie jetzt...
Auf meinem Arm entdeckte ich eine rote juckende Delle. Das Biest hatte mich also im Schlaf erwischt. Feigling! Seine Hinterlistigkeit machte mich noch wütender. Ich ging langsam auf die Wand zu. Faul und fett hing es da. Ich war fest entschlossen, meine augenblickliche Überlegenheit auszunutzen - drückte das Tuch fest auf die Stelle und spürte das Platzen des Körpers. Ein großer Blutfleck auf der Tapete und einer auf dem Tuch. Mir war nicht so gut, ich hatte es tatsächlich getan. Doch ich tröstete mich und sagte mir: „Schließlich war es ja mein Blut das ich vergossen habe...“

Autor: Rosewittchen

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