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Etti hat das Wort: Begegnungen

Eigentlich war die Ferienzeit nicht geeignet, um ungestört zu reisen. Deshalb hatte ich im IC einen Platz reservieren lassen.

Der Zug war überfüllt, und es war schwierig, seinen Platz zu suchen. Oje, ein Mittelplatz in einem Abteil. Wie in einer Ölsardinendose fühlte ich mich. Rechts und links vom Fenster saßen zwei Damen – Mutter und Tochter, wie ich später erfuhr. Ihr Ziel war Frankfurt, und sie mussten in Köln umsteigen. Vielleicht kann ich dann weiterrücken, dachte ich. Meine Hoffnung war dahin, als ich die Platzreservierung an der Abteiltür las.

Unser Zug hatte Verspätung. Die Durchsage des Fahrdienstleiters: „Der Anschluss nach Frankfurt ist nicht mehr zu erreichen, bitte, fahren sie mit uns bis Mainz“. Das brachte die beiden Damen in Panik. Sie stiegen aus und stürmten kurze Zeit später wieder ins Abteil. Die Feststellung, dass ihre Plätze inzwischen besetzt waren, ließ die Tochter die Nerven verlieren. Schimpfend versuchte sie, die Sitze wieder zu erobern. Es sah aus, als wollte die völlig entnervte Tochter handgreiflich werden, doch die Mutter beförderte sie aus dem Abteil.

Ruhe war wieder eingekehrt, und ich hing meinen Gedanken nach. Ein eigenartiger Geruch stieg mir in die Nase: Mottenschutz. Meine Aufmerksamkeit galt den neuen Mitreisenden, von denen er eben seiner Frau in pedantischer und umständlicher Weise die Unterbringung der Koffer erläuterte und ihr einen Platz zuwies. Wortlos setzte sie sich, stand aber sofort wieder auf, um ihre Handtasche gerade zu rücken, die etwas schief im Gepäcknetz stand. Dann begann sie mit der bereitgelegten Strickarbeit, während ihr Mann sich in eine Lektüre vertiefte. Stumm ging nun jeder seiner Beschäftigung nach und es schien, als wären das Buch in seiner und die Stricknadeln in ihrer Hand der verbliebene Rest ihrer Glückseeligkeit.

Irgendwann legte er sein Buch beiseite, und mit einem Blick auf die Uhr meinte er, dass nun Zeit zum Essen sei. Nun vermischte sich der Geruch von Mottenschutz mit dem der Servelatwurst auf den Brötchen, die einmal frisch und knusprig waren und von denen sie sich im gleichmäßigen Rhythmus Stücke mit ihren Zähnen abzerrten.
Die Luft im Abteil wurde unerträglich, obwohl die Abteiltür offen stand.
Mir gegenüber saß ein junger Mann, mit dem ich hin und wieder ein paar Worte sprach. Uns belustigte der Damenkegelclub im Abteil neben uns, eine muntere Gesellschaft, laut und ausgelassen, ganz so, wie ein Kegelclub meist zu sein pflegt. Wir lernten ihre Familien kennen, nahmen Anteil an ihren Sorgen und Krächen und erfuhren von ihren körperlichen Gebrechen, die sie nun, von allem losgelöst, zuhause gelassen hatten.

Ihre deftigen Witze und Gesänge übertönten von Zeit zu Zeit alles, was sich im Umkreis zu verständigen versuchte. Steif und vornehm überhörte das Ehepaar am Fenster die Ausgelassenheit. In ihren Gesichtern war weder Verachtung noch Belustigung zu erkennen. Eben so wenig beachteten sie das junge verliebte Paar auf den Plätzen rechts und links der Abteiltür, da alles um sich vergessen zu haben schien. Sie turtelten, als wären sie alleine auf der Welt, hielten sich fest umschlungen und versperrten den Ausgang. Gern hätte ich mir mal die Füße vertreten, brachte es jedoch nicht fertig, die zärtliche Umarmung zu trennen. Als sie ausstiegen, war ich überrascht, dass sie ihr Ziel nicht vergessen hatten.

Wir waren in Mannheim, als das junge Paar uns verließ und ein älteres hinzukam. Es schien, als käme es aus einer anderen Welt – vielleicht aus einem Dorf, weit ab von der Zivilisation, in dem die Zeit stehen geblieben - unberührt vom Fortschritt. Es war, als brächten sie den Duft von Wiesen und Feldern mit ins Abteil. Der Strohhut, das langärmelige Kleid, streng und züchtig zugeknöpft mit einem Spitzenkragen, dies alles unterstrich noch die Frische ihres Gesichts. Im Arm hielt sie fest ihre Handtasche, die sie auch nicht beiseite legte, als sie einen kleinen Korb auf ihren Schoß setzte, dem sie ein paar in Stanniol verpackte Brote entnahm. Eins davon reichte sie ihrem Mann, der sich gerade mit einem Plumps auf den freien Sitz neben mir fallen ließ. Sein massiger Körper ließ mir kaum noch Platz. Er öffnete noch zwei Flaschen Bier, die sie ihm gereicht hatte, dann wurde richtig gevespert. Als sie fertig waren, faltete er das Stanniolpapier zusammen, das er vorher mit gespreizten Fingern, immer ganz weit ausholend glatt gezupft hatte und legte es in den Korb zurück. Danach reinigte er seine Zähne mit einer Selbstverständlichkeit, als gehöre es zum Abschluss einer guten Mahlzeit.

Seine Frau hatte inzwischen den Korb auf den Boden gestellt, ihren Rock glattgestrichen und saß nun wieder aufrecht und fast unbeweglich auf ihrem Platz. Ihre Augen ruhten lächelnd und zufrieden auf ihrem Mann.
Unser Reiseziel war erreicht. Ich muss sagen, es waren sehr kurzweilige Stunden.

Autor: Rosewittchen

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