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Etti hat das Wort: Allez-hop, Papa

Auf dem Gehweg: Sperrmüll! Ein hässliches Wort für ein Stück Leben, das da weg soll. Abgefahren, eingestampft. Nichts wird bleiben. Nicht einmal die Abdrücke von Händen, nicht der braune Nikotinschleier - gar
„Darf ich?“, fragt eine Frau, „Ich könnte ...“
„Natürlich, nehmen Sie es nur“. - Mutters kleines Nähschränkchen, es wird überleben. Sie werden die Garne herausnehmen, es so lange säubern, bis auch an ihm nichts mehr von Mutter haften wird...

Vater hatte in dieser Wohnung nichts verändert, als Mutter vor neun Jahren starb. Viel Zeit hatte er sich gelassen, um zu ihr zu gehen. Waren harte neun Jahre, denn erst als es Mutter nicht mehr gab, meldete sich sein Gewissen, ließ alle schönen Momente in seinem Leben verblassen. Kaum noch, dass sich ein entspanntes Lächeln auf seinem Gesicht zeigte. Dabei schien er das Leben immer leicht genommen zu haben. Die Ehe der beiden war nicht glücklich gewesen. Zu oft hatte er sich etwas anderswo geholt. Zu lange musste auch noch vom kargen Einkommen ein anderer kleiner Magen gefüllt werden - irgendwo...

Der Schaukelstuhl am Fenster wippt leise, als ich ihn berühre. Der Geruch von starkem Tabak hängt noch in der Luft. Jemand hat schon die Gardine abgenommen, die sonst immer beiseite geschoben war. Vater konnte dann den Himmel sehen - nur ein ganz kleines Stück über den gegenüberliegenden Häusern, deren schmutzige Dächer die Sonne heute golden färbt. Ein schöner Tag. Doch in den Räumen zeigt sich das Sonnenlicht unbarmherzig. Längst hätten die Wände einen Anstrich gebraucht. Ein paar Mal hatte Vater davon gesprochen. War es denn nicht möglich gewesen, die eigenen Dinge einmal zurückzustellen, und an sein Alter zu denken? Man kann nun mal dem Tod nicht befehlen. „Ich habe noch keine Zeit zum Renovieren, also warte gefälligst!“ - Nun ist es zu spät...

Draußen vor dem Fenster haben Kinder Hinkelkästchen auf das Pflaster gemalt und streiten nun, wer beginnen darf. - Sie sind noch so unbefangen und wissen noch nichts von der Vergänglichkeit.

Ich fange an, die Vitrine auszuräumen. Wenigstens sie bleibt in der Familie, gut so. Der Schlüssel hängt etwas locker im Schloss. Ich versuche ein paar Mal vergeblich, ihn zu drehen, dabei denke ich an Mutter, wie sie geweint hatte, weil die Schranktür aufgebrochen und die spärliche Lebensmittelzuteilung, die eine ganze Woche reichen sollte, noch spärlicher geworden war. Hungrige Kinder sind wie kleine Raubtiere. Dieser verdammte Krieg war schuld.

Endlich gelingt es mir. Der Schrank ist offen. O je, er ist vollgestopft. Mutter konnte nichts wegwerfen. Es wird schwer sein mit dem Ausräumen. Ein prallgefüllter Schuhkarton, geheimnisvoll mit einer Kordel umwickelt, macht mich neugierig. Ich setzte mich in den Schaukelstuhl, löse die Schnur. Als gehe ein tiefes Atmen durch den Karton, platzt er unter meinen Händen auf. Ein Teil des Inhaltes fällt auf den Boden. Männer mit gezwirbelten Bärten, auf den Nasen Kneiferbrillen, plötzlich aus ihrem Gefängnis befreit, schauen mich irritiert an. Ihre Hälse sind eingezwängt in hohe steife Kragen, die man Vatermörder nennt. Eine treffende Bezeichnung. Mindestens hundert Menschenschicksale, über- und nebeneinander gestapelt, liegen erstaunlich leicht auf meinen Knien. Die meisten Gesichter sind mir fremd. Einige werfen Erinnerungen auf, die längst vergessen waren.

Ein großes Foto aus hartem Karton lässt sich nur schwer aus der Schachtel holen: Vater im Clownskostüm neben seinem Meister am Hochtrapez. Dieses Bild gehörte damals zu meinen kostbarsten Schätzen. Stolz war ich auf meinen Vater, verehrte ihn und eiferte ihm in vielen Dingen nach. Immer wieder musste er mir erzählen, wie er vom Trapez hinunter ins Orchester und mit dem Kopf in die Pauke gefallen war. Und immer wieder wollte ich die Narbe auf seiner Stirn sehen.

Ich schaue zu dem Foto, das auf der Vitrine steht. Eine Ähnlichkeit zwischen dem jovial dreinschauenden Mann, der seinen Hut schräg ins Gesicht gezogen trägt, und dem kleinen, etwas traurigen Clown ist nicht zu entdecken.

Die Kinder vor dem Fenster spielen jetzt Auszählen. Die Spiele sind die gleichen geblieben. Eine Weile höre ich ihnen zu:

„Eene meene Muh, wie alt bist du?
Sieben!
Alt bist du noch lange nicht,
spring dreimal in die Luft und lache nicht“.

Ich weiß es noch genau - die Mitspielenden müssen lauter Faxen machen, und wenn der Springer lacht, scheidet er aus. Ich konnte dabei nie ernst bleiben. Das Lachen der Kinder lässt den kleinen Kerl auf dem Foto plötzlich leben. “Allez-hop!“, klingt es in meinem Ohr, ich sehe ihn Purzelbäume schlagen, auf Händen rund um die Manege laufen, immer wieder angespornt vom Applaus des Publikums, seinem „Allez-hop!“ und dem fröhlichen Lachen da draußen vor dem Fenster...

Armer Papa, früher ein Pfau mit gespreizten Federn, beklatscht, bewundert. Dann war die Familie sein Zirkus, sein Arbeitsplatz als Kellner die Manege. Die Gäste waren ihm ein dankbares Publikum, dem er einmal Charlie Chaplin, ein anderes Mal Fred Astaire sein konnte. Er jonglierte mit gefüllten Gläsern oder mit einem Stuhl auf der Nasenspitze; machte einen Handstand hier, einen Stepptanz dort. Selten brachte er den Gästen normalen Schrittes ihre Bestellungen an die Tische. Sie liebten ihn dafür.

Doch manchmal stand er gedankenverloren am Tresen, kaute nervös an seinem rechten Daumen, der die Spuren seines unbefriedigten Inneren trug. In seinem Blick lag die Sehnsucht nach dem anderen - seinem früheren Leben. Für seine Maria musste er seine Träume begraben, weil sie niemals einen Zirkusmenschen hätte heiraten dürfen. Dabei liebte sie gerade seine Späße so sehr... Aber jedes Mal, so erzählte Mutter, wenn sie ein Kind zur Welt gebrachte hatte, hätte er vor ihrem Bett vor Freude einen Flic Flac geschlagen. Trotz seiner Schwächen war er ein guter Vater.

Mit der Dämmerung ist es auch vor dem Haus wieder ruhig geworden. Nur noch schwach sind Kreise und Hinkelkästchen zu erkennen, die mit weißer Kreide neben dem Berg von Sperrmüll auf das Pflaster gemalt sind.

Bald wird alles verschwunden, nur noch Erinnerung sein. Auf dem Schild an der Haustür wird ein anderer Name stehen. Die Leute, die Papa gekannt haben, werden manchmal noch fragen: „Weißt du noch?“ Aber Jahr für Jahr werden es weniger sein.

Bevor ich die Tür des Zimmers schließe, schaue ich noch einmal zu dem Foto, das auf der Vitrine steht - Allez-hop, Papa, du warst immer ein Clown geblieben ...!



Autor: Rosewittchen

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