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Vorbilder

Mit feinem Humor und viel Selbstironie beschreibt unsere Kolumnistin Edda, bei Feierabend als Niagara bekannt, ihren nicht immer ganz leichten Alltag.

Neulich, beim Familientreffen, hörte ich zufällig ein Gespräch zwischen den Enkelkindern. „Ich möchte reich, schön und berühmt wie Angelina Jolie sein“, meinte die kleine Emily und ihre beiden Cousinen Luise und Sophie stimmten begeistert zu.

„Pah, ihr Mädchen seid blöd. Wie Michael Jackson singen und tanzen, das wäre was für mich“, bemerkte ihr Vetter Lukas. Jetzt beteiligten sich auch die fast erwachsenen Jugendlichen, die bisher die Kleinen überheblich ignoriert hatten, an der Unterhaltung. Sie wollten sich in der Entwicklungshilfe einsetzen, schwärmten von großen Vorbildern wie Mutter Theresa oder Albert Schweitzer.

„Warum müssen es immer Berühmtheiten sein, denen wir nacheifern?“, mischte ich mich ein. „Wenn wir uns umsehen, begegnen wir vielen Menschen – sogar in unserer Familie – über die nichts in der Zeitung steht oder im Fernsehen gezeigt wird. Selbst bei Google fahndet man nach ihnen vergebens, aber sie können uns als Vorbilder dienen.“ Ich begann, über meine und damit auch ihre Ahnen zu erzählen.

Da war Großmutter Anna, die gute Seele. Sie sprang immer ein, wenn im Familien- oder Bekanntenkreis Hilfe benötigt wurde. Sie nahm an allen Sorgen und Nöten der Verwandten teil und hörte stets interessiert zu. Im Ersten Weltkrieg, als ihr Mann in Kriegsgefangenschaft geriet, zog sie fünf Kinder alleine groß. Die Jüngsten musste sie stundenlang schweren Herzens in der Obhut des Ältesten zurücklassen, um in einer Zigarrenfabrik für den täglichen Unterhalt zu arbeiten. Sie führte kein spektakuläres Leben, ihr Schicksal unterschied sich kaum von dem vieler Frauen der damaligen Zeit. Manche haderten mit ihrem schweren Los, andere – wie meine Oma – verloren nie ihr Gottvertrauen. „Der liebe Gott weiß schon, warum er das Leid zulässt und wozu das letztendlich gut ist“, sagte sie, wenn das Dasein bedrückend war.

Von dieser Großmutter habe ich auch gelernt, nie in Abwesenheit Schlechtes über einen anderen Menschen zu sagen. Kam einer ihrer Söhne zu ihr und beklagte sich über die Geschwister, wies sie ihn sanft zurecht: „Wenn du etwas über deinen Bruder sagen willst, warte bis er dabei ist, damit er seine Meinung dazu äußern kann.“ Meistens kam es gar nicht so weit, denn ihr Sohn dachte noch einmal über die Vorwürfe nach und fand dann seinen Ärger unangebracht und übertrieben. Mein Vater und seine Geschwister haben sich ihr Leben lang gut verstanden, und das gewiss auch wegen der liebevollen, versöhnlichen Worte ihrer Mutter.

Oma Annas Mann, mein Opa Karl, war einer vielen bekannten und unbekannten Helden, die in der Hitlerzeit Zivilcourage bewiesen und sich unter Lebensgefahr für ihre Mitmenschen einsetzten.

In der Wohnung meiner Großeltern wurden von den Nazis verfolgte Juden zeitweise untergebracht. Nachts schmuggelten meine Eltern, jeweils mit dem Partner des Flüchtlings als Liebespärchen getarnt, sie durch den Aachener Wald über die grüne Grenze ins benachbarte Belgien.

Eines Tages fand eine Razzia statt. Alle Schränke wurden durchwühlt, Schubladen herausgerissen, doch niemand konnte etwas Verdächtiges finden. Meine Mutter, Schneiderin von Beruf, hatte blitzgeschwind beim Hereinstürmen der Gestapo den Stoff, an dem sie gerade arbeitete, über die auf dem Tisch liegenden Flugblätter mit Propaganda gegen Hitler geworfen. Meinen Opa führte man trotzdem ab und er landete im Zuchthaus. Nach einem halben Jahr wurde ihm, wegen Hochverrats angeklagt, der Prozess gemacht. Man konnte ihm nichts nachweisen und musste ihn aus der Haft entlassen. Die Zeit im Zuchthaus hatte er übrigens genutzt, um sich von einem Mitgefangenen in Esperanto unterrichten zu lassen.

Im Alter von achtzig Jahren reiste mein Opa, auf Einladung eines damals geretteten Paares, nach Israel.

Die Enkel hatten interessiert zugehört. Ganz nachdenklich stimmten sie mir zu, als ich bemerkte, wir könnten, und das mit Recht, stolz auf unsere großartigen Vorfahren sein.

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