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Familienfeier mit einer recht lebendigen Toten

Mit feinem Humor und viel Selbstironie beschreibt unsere Kolumnistin Edda, bei Feierabend als Niagara bekannt, ihren nicht immer ganz leichten Alltag.

Eine makabere Familienfeier mit einer recht lebendigen Toten

Neulich rief Tante Christa an und lud anlässlich ihres 85. Geburtstages zu einem Totenkaffee - anderenorts auch Leichenschmaus genannt - ein. „Wie ihr wisst, stelle ich meinen Körper nach dem Ableben der Wissenschaft für Forschungszwecke zur Verfügung. Da es dann vorläufig keine Beerdigung geben wird, fällt auch der Totenkaffee aus. Darum habe ich mir gedacht, ich verlege die Trauerfeier vor. So kann ich, da ich mich noch recht lebendig fühle, selbst daran teilnehmen.“

An besagtem Tag fanden wir uns also, dem Anlass entsprechend dunkel gekleidet, im Restaurant ein. Wie hier in Belgien üblich, gab es zum Kaffee neben belegten Brötchen Reis- und den mit Apfel- und Pflaumenmus belegten Spießfladen, sowie Platzkuchen, einen leckeren Butterstollen mit Rosinen und Zuckerstückchen.

Tante Christas Töchter hatten sich einen besonderen Gag ausgedacht: Die jüngste verlas einen Nachruf. Die „Tote“ hörte gerührt, wie liebenswürdig, treusorgend und fleißig sie immer gewesen ist und wie man sie nach ihrem Ableben vermissen wird. Man sagt ja oft, nichts sei so verlogen wie ein Nachruf, aber in diesem Fall stimmten die Aussagen mit der Wirklichkeit überein.

Trotzdem wurde mir die Veranstaltung allmählich zu makaber. „Ich bin zwar kein Star, aber holt mich hier raus“, hätte ich am liebsten ausgerufen. Was mich dann doch wieder mit dieser Veranstaltung versöhnte war die Tatsache, dass Tantchen anstelle von Blumen um eine Spende für UNICEF gebeten hatte.

Dann ging man dazu über, Anekdoten aus Tantchens Leben zu erzählen, woran die „Tote“ selbst sich eifrig beteiligte. „Eines Abends im Januar, als ich mit meinem Mann, Gott hab’ ihn selig, vom Theater nach Hause kam, Aida hatte es gegeben, ließ ich Bella, unseren Hund, noch einmal zum Pipimachen in den Garten. Plötzlich, während ich meinen Mantel auszog, ertönte ein jämmerliches Winseln. Das arme Tierchen war in unseren Gartenteich gefallen – Feuchtbiotop nennt man das wohl heute – und fand im Dunkeln nicht mehr raus. Ich in den Garten, steige mit Luxuspumps und Abendkleid in den Tümpel – damals machte man sich ja für einen Theaterbesuch noch schick, zog sich festlich an, nicht wie heute die jungen Leute, die mit zerrissenen Jeans und ausgeleierten Pullovern in die Oper gehen. Auf dem glitschigen Boden rutschte ich aus, lag im einsfünfzig tiefen Wasser. Schnell wieder auf die Beine, meinen wild strampelnden, keuchenden Liebling geschnappt, triefend nass ins Haus, zunächst Bella abgetrocknet, in sein Körbchen gelegt und sorgfältig zugedeckt, dann selbst unter die Dusche. Die Schuhe habe ich sofort mit Zeitungspapier ausgestopft, sie waren jedoch ruiniert, das Kleid musste am nächsten Tag in die Reinigung – aber Hauptsache, meinem armen verwöhnten Schatz war nichts passiert.“

Tantchen schien sich prächtig zu amüsieren. Höchst zufrieden lächelnd verkündete sie, nächstes Jahr, wenn sie 86 wird, falls sie dann noch lebe, wiederum zum „Totenkaffee“ einzuladen. Ich hörte es beklommen, mit wenig Verständnis für diese Art von schwarzem Humor. Hoffentlich denken sich ihre Töchter keinen neuen Gag aus, zum Beispiel Probeliegen im Sarg.

Herzlichst,
Eure Edda

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